Rems-Murr-Kreis

Kult-Diskothek Belinda wird Genossenschaft

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Die neuen Belinda-Betreiber und Genossenschaftler: Willi Beck, links, und Hansjörg Martin. © Jörg Fiedler

Sulzbach. Solidarisch sein mit der eigenen Vergangenheit. Das geht jetzt mit Brief und Siegel. Man muss nur Genosse werden wollen des Generationen beherbergenden Rockschuppens Belinda. Die Obergenossen sind jetzt weit gediehen auf dem Weg zur Gemeinnützigkeit. Das Musikleben soll neu aufblühen.

Wer sich aufmacht vom Remstal die B 14 lang nach Sulzbach, der macht eine Zeitreise zurück. Das Belinda, „Kessel“ auch genannt, die Disco wie der Konzertort, hält noch den Geschmack der Jugend bereit. Wer weiß, wie viele Familien gerade hier gegründet wurden, weil der junge Mann die junge Frau antanzte.

Wenn man Willi Beck, den neuen Betreiber, mit solchen Gesichten kommt, dann lacht er. Wohl wissend. Er war ja selber dabei. Beck hat einen christlichen Hintergrund, ist studierter Diakon. Aber sicher nicht weltfremd. Auf die Frage, was er denn mit seinem Jahrgang ‘56 einst bevorzugt in die Gehörgänge strömen ließ, dann erzählt er von Rock und Hardrock. Von Deep Purple und Iron Maiden.

„Wir sind Genossenschaft. Wir schreiben Geschichte“

Einen eisernen Willen braucht er freilich auch. Die Genossenschaftswerdung geht nun gut über ein halbes Jahr. So aufwendig haben sich die Zeugungsväter des Phoenix-aus-der-Asche-Vogels Belinda den Akt nicht vorgestellt. Willi Beck kann bald ein Buch drüber schreiben. Über das Sammeln der Koalition der Willigen. Auf dass es dann reicht als Verein, geprüft und genehmigt vom Genossenschaftsverband. Dann wieder musste der Vorstand an die potenziellen Mitglieder herangehen, die sollen ihre Unterschrift hergeben.

Um Geschäftsanteile zu zeichnen. Verhandeln, Finanzen sichern, alles ehrenamtlich, aber jetzt gibt es offizielle Mitglieder. 280 sind angestrebt, versammelt im „Begegnungs- und Kulturzentrum Akzente eG“. Beck kann sagen, und es darf Pathos dahinterliegen: „Wir sind Genossenschaft. Wir schreiben Geschichte.“

Akzente deshalb, weil der gelernte Bankkaufmann und promovierte Theologe Beck in Sulzbach 1993 das Gemeindeexperiment Akzente aus der Taufe gehoben hat. „Eine Gottesbegegnung hat mich zur Theologie und Neuorientierung geführt“, sagt er. Was aber ganz und gar nicht dazu führte, dass er fortan Rockmusik als Werk des Teufels sah.

Aufwertung des Areals schreitet voran

Als in den letzten Jahren dem Belinda der Saft abgedreht wurde, ließ sich der geübte Start-up-Gründer vom Areal mit der Diskothek im Kern neu verzaubern. Denn da gibt es noch den ehemaligen Getränkeladen, der sich als weiterer Ort der Begegnung anbietet. Das Sulzbacher Schlössle dahinter mit seinem Gastro-Angebot hat eh Zugkraft. Die Aufwertung des Areals schreitet voran. Und jetzt mit einem, na ja, heiligen Mann vorne dran.

DJ Andy, der Plattenleger aus Winnenden, der regelmäßig seinen Stick mit den hundert Nummern in die Belinda-Anlage schiebt, wundert sich schon länger nicht mehr. Dass ausgerechnet ein frommer Mann als Retter einer sehr weltlichen Einrichtung auftritt. Beck freilich hat nichts von einer Erlösergestalt, die missionieren will. Gerade ist er eh sehr kaufmännisch unterwegs, sein Urberuf.

Andreas Dressler, der DJ, und andere unterstützen denn mit Kräften die neue Kulturfirmen-Gründung.

Wieder eine Bühne für Nachwuchsbands

Wie sich alles wiederholt. Beck und die anderen Vorständler wollen Nachwuchsbands eine Plattform geben. Am besten, sie kommen aus der näheren und weiteren Umgebung. Auftritte wird es generell geben. Geplant ist im Monat ein Live-Konzert.

Der klassische Disco-Betrieb bleibt bestehen. Das Angebot wird freilich verbreitert. „Die Fokussierung auf Rock-Discothek reicht nicht mehr aus. Einmal im Monat freitags versuchen wir die Elektro-, House- und R’nB’-Fraktion anzusprechen, einmal im Vierteljahr die Schlagerfans zu mobilisieren.“

Auf der Belinda-Homepage, die erst wieder gefüllt sein will, findet sich ein animierendes Foto. Es ist der leere Rockschuppen. Aber angeleuchtet, mit allem, was die Farbstrahler hergeben, schaut das wunderbar nach öffentlichem Wohnzimmer mit Abrock-Gelegenheit aus. Gut, ein wenig rustikal. Dass die Bänke zwischendurch mit stabilen Maschinenschrauben befestigt waren, ist der Vergangenheit geschuldet.

Periodisch fielen in den 70er Jahren Rockerhorden in den Kessel ein und brachten das Mobiliar zum Fliegen. Der Sägewerker hat bestimmt auch seine Freude an der Einrichtung. Denn manch ungesäumtes Schwartenbrett wurde hier verbaut. Aber es schaut jetzt wohnlicher aus. Eigentlich müsste der Denkmalschutz den Schuppen unter Veränderungssperre stellen. Aber Denkmalschützer hören wahrscheinlich nicht Iron Maiden, sondern Anne-Sophie Mutter.


Die 90er

Weiter geht es zum Beispiel am 10. November mit einer 90er-Jahre-Party. DJ Stefan legt auf.

Die Belinda eG sucht noch Genossen. Infos: 0 71 93/65 50