Rems-Murr-Kreis

Ladendiebe richten immensen Schaden an

Langfinger nutzen Personalnot aus_0
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Waiblingen. Rotzfrech tricksen sie das Personal aus. Sie stecken teures Parfum ein, Wein oder Wodka, Handys oder Laptops. Sie sind Halbstarke oder Hausfrauen, Rentner oder renitente Profis: Ladendiebe richten einen immensen Schaden an. Der brave Bürger zahlt’s über höhere Preise. Wie Ladeninhaber Langfingern Einhalt gebieten können, erklärt die Polizei in Schulungen.

Einmal hat ein Dieb im Baumarkt eine fein säuberlich verpackte Bohrmaschine in einem Farbeimer versenkt, erzählt Polizeihauptkommissar Klaus Ebner. Diese Vorgehensweise zählt zum „Deckeltrick“, und der lässt viele weitere Varianten zu.

 

Ebners Rat: In jedem Fall Anzeige erstatten. Es stimmt schon, bestätigt er, die Staatsanwaltschaft kann solche Fälle einstellen, sofern jemand zum ersten Mal erwischt worden ist. Aber: Beim zweiten Mal kann’s anders ausgehen.

Ladendiebe stammen „aus allen sozialen Schichten“, berichtet Ebner, sprich: Längst nicht jeder, der klaut, ist von Not getrieben. Es geht schlicht um „den Kick“, und unter sehr jungen Dieben häufig um Prestige: Manch ein Mitschüler kann einen Hunderter ausgeben, als wär das nichts, während andere sich die gängigen Statussymbole nicht leisten können. Klaus Ebner möchte das nicht als Entschuldigung verstanden wissen – nur als Erklärung.

Er rät Einzelhändlern zu einer Vielzahl vorbeugender Maßnahmen: Warensicherungen auch an weniger teuren Produkten anbringen. Den Verkaufsraum übersichtlich gestalten. Überwachungstechnik und Spiegel einsetzen. Sofern machbar, zumindest zeitweise Detektive beschäftigen. Ergreifungsprämien ausloben – ja, auch das. Eine solche Prämie können auch ehrliche Kunden erhalten, die einen Dieb beobachten und melden. Ebner glaubt, dass der eine oder andere Dieb von seinem Vorhaben ablässt, wenn er in einem Laden Schilder sieht mit Hinweisen auf solche Prämien.

Geschäftsinhaber dürfen einen Dieb festhalten

Bester Komplize der Diebe ist die Personalnot im Einzelhandel. In Discountern, und nicht nur dort, flitzen Beschäftigte zwischen Kasse, Lager und Regalen dauernd hin und her. Es bleibt keine Zeit, ein Auge auf die Kunden zu haben.

Einen potenziellen Ladendieb kann man eventuell am Verhalten erkennen, sagt Klaus Ebner. Häufiges Umschauen gehört zum Verhaltensmuster von Tätern. Sie halten sich besonders lange in einer Abteilung auf, tauchen mehrmals im Geschäft auf, haben große Taschen oder Rucksäcke bei sich, tragen besonders weite Kleidung. Zu jeder Zeit nutzen sie Gelegenheiten – doch es gibt Schwerpunkte.

 

 

In der Mittagszeit sind mehr Diebe unterwegs als sonst, weil sie darauf spekulieren, dass wegen der Pausenzeit weniger Personal aufpasst. In der Zeit vor Geschäftsschluss rechnen Diebe mit nachlassender Aufmerksamkeit des Personals, und wenn wie vor Feiertagen oder in der Vorweihnachtszeit besonders viel los ist, kommt ihnen das natürlich entgegen.

Geschäftsinhaber wie Angestellte dürfen einen Ertappten zwar nicht durchsuchen, aber ihn festhalten und ihm gar mit Gewalt das Diebesgut abnehmen, erklärt Klaus Ebner. In der Regel gilt ein Diebstahl dann als vollzogen, wenn der Betreffende ohne zu bezahlen die Kasse passiert hat.

Ein Ladendieb ist auch ein Mensch, wenn auch manchmal ein sehr aufgebrachter. „Nicht durch lautes oder forsches Auftreten des Diebes verunsichern lassen“, rät Klaus Ebner.

Wird ein Täter handgreiflich oder ist gar mit Waffeneinsatz zu rechnen, sieht die Sache anders aus: Sich selbst gefährden, das macht keinen Sinn. Also den Dieb lieber ziehen lassen – und sich sein Aussehen so gut es geht einprägen.

Recht regelmäßig berichtet die Polizei von renitenten Dieben. Ende September hat ein 50-Jähriger in einem Drogeriemarkt in Waiblingen eine Angestellte am Arm verletzt und eine weitere umgestoßen, um sich mitsamt zwei geklauten Parfums aus dem Staub machen zu können. Sein Vorhaben misslang.


Unehrliche Kunden sind für den größten Teil des Schwunds in den Regalen verantwortlich. Vor organisierten Diebesbanden fürchtet sich der Einzelhandel besonders.

„Die Gewaltbereitschaft bei dieser Gruppe nimmt ständig zu“, so Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin beim Handelsverband Baden-Württemberg: „Daher raten wir, dass sich das Personal in solchen Fällen zurückhalten und nicht in Gefahr bringen soll.“

Der Verband fordert, die Strafen für gewaltbereite Bandendiebe zu verschärfen, „vor allem aber auch die konsequente Durchsetzung des Gesetzes“. Als großes Problem sieht Hagmann die Einstellungen von Verfahren, „eine unzureichende Vernetzung unter den Kriminalbehörden der Länder, zu wenig Personal bei Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten sowie zu wenig Gefängnisplätze“.

Ganz allgemein rät der Handelsverband, zur Vorbeugung von Ladendiebstahl „aufzurüsten“ und das Personal zu schulen. Potenzielle Diebe sollen merken, „dass man aufmerksam ist“.

„Ein Teil der Ladendiebstähle wird tatsächlich auch von Mitarbeitern begangen“, so Hagmann weiter. Beschäftigte sind laut einer Studie des wissenschaftlichen Instituts des Handels EHI gleich nach den unehrlichen Kunden für den zweitgrößten Anteil am Gesamtschaden in Deutschland verantwortlich.


Hohe Dunkelziffer

Zwei Drittel der gestohlenen Artikel haben laut Polizeihauptkommissar Klaus Ebner einen Wert unter 50 Euro. Es sei davon auszugehen, dass mindestens zehnmal so viele Diebstähle geschehen, als in der polizeilichen Statistik auftauchen.

Jeder zehnte Dieb ist ein Kind im Alter bis 14 Jahre, jeder Siebte bis Achte ein Jugendlicher oder Heranwachsender.

Für Einzelhandelsbetriebe mit mindestens zehn Beschäftigten bietet Klaus Ebner Schulungen an. Er ist im Haus der Prävention in Fellbach erreichbar, Telefon 07 11/57 72-2 11.