Rems-Murr-Kreis

„Leistungswirrwarr“ in der Pflege

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Das Pflegestärkungsgesetz hat viele Hoffnungen bei Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen geweckt. Die Pflegedienste können diese Erwartungen oft nicht erfüllen, nicht zuletzt deshalb, weil sie unter akutem Personalmangel leiden. © Alexander Raths - Fotolia

Waiblingen. Im vergangenen Jahr ist das Pflegestärkungsgesetz II in Kraft getreten. Die Erwartungen der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen an die Neuerungen waren groß. Der Pflegestützpunkt Rems-Murr zieht eine durchwachsene Bilanz und spricht von einem gewissen „Leistungswirrwarr“.

„Einen Quantensprung für die Pflege in Deutschland“ nannte der damalige Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe das Pflegestärkungsgesetz. Er versprach eine bessere Versorgung für Pflegebedürftige sowie zusätzliche Unterstützung für pflegende Angehörige und Pflegekräfte. In der Praxis sind durch die Versprechungen vor allem Hoffnungen geweckt worden. Ambulante Pflegedienste sind jedoch mehr denn je überlastet.

Wie hat sich das Pflegestärkungsgesetz auf den Beratungsbedarf des Pflegestützpunktes ausgewirkt?

„Leider haben die neuen Regelungen zu mehr Fragen und Unsicherheit bei den Angehörigen geführt“, beantwortete der Pflegestützpunkt Rems-Murr unsere Anfrage zum Pflegestärkungsgesetz. „Durch die Pflegesituation haben sie wenig Zeit und Kraft, sich mit den Neuerungen zu befassen.“ So blieben zur Verfügung stehende Entlastungsleistungen ungenutzt, weil die Abrufung zu kompliziert erscheint, der Anspruch auf Verhinderungspflege nicht bekannt ist oder der Pflegedienst keine Kapazität für dieses Angebot hat.

Mit welchen Fragen muss sich der Pflegestützpunkt beschäftigen?

Durch das Pflegestärkungsgesetz sei ein gewisser „Leistungswirrwarr“ entstanden. Es tauchen Fragen auf: Wie kann beispielsweise ein Hilfemix erfolgen? Wie können Entlastungsleistungen eingesetzt werden? Leistungsanbieter fragen vermehrt nach Tagespflege, Nachtpflege und Mehrstundenpflege. Neu aufgetaucht sind Fragen zu Schulungen für Angehörige in Sachen Pflege, zum Familienpflegezeitgesetz oder zum häuslichen Pflegegeld bei Pflegegrad 1. Vor 2017 habe es in Pflegestufe 0 ein Pflegegeld in Höhe von 120 Euro gegeben, das beliebig auch für Verwandte eingesetzt werden konnte.

Weitere Fragenkomplexe sind die Berechnung der Kombinationsleistung, bei der Pflegedienst und Angehörige sich die Pflege aufteilen, die Finanzierung der Pflege und zu Kurzzeitpflegeplätze. Von großem Interesse sind auch Informationen zu den Pflegediensten, die ein besonderes Profil aufweisen, zum Beispiel kultursensible Pflege, Pflegedienste für psychisch kranke Menschen, Kinderpflegedienste. Ein Dauerbrenner für Angehörige und Pflegebedürftige ist eine 24-Stunden-Versorgung zu Hause als Alternative zu einem Pflegeheim.

Sind Pflegeheime durch das Pflegestärkungsgesetz teurer geworden?

Das Pflegestärkungsgesetz hat einiges verändert. So zahlen alle Bewohner eines Pflegeheimes die gleichen Kosten, egal in welchen Pflegegrad sie eingestuft wurden. Das hat bei manchen Angehörigen zu Unmut geführt. Die Beraterinnen des Pflegestützpunktes sehen eher die Kostensteigerungen der Pflegeheime als ein Problem an. Dass ein einheitlicher Eigenanteil in den Pflegegraden zwei bis fünf gelte, empfinden die meisten Angehörigen als gerecht. Denn weder die Zimmer und deren Ausstattung noch das Essensangebot verändern sich, wenn der Pflegegrad ansteigt. Unmut entstehe wegen der Kostensteigerung, die in den letzten beiden Jahren stattfand: Teilweise wurde der monatliche Eigenanteil um 500 Euro erhöht, hochgerechnet auf ein Jahr ist das eine Kostensteigerung von 6000 Euro.

Im Umstellungsjahr von Pflegestufen auf Pflegegrade sanken die Eigenanteile tatsächlich, was sich auch an den Ausgaben für stationäre Hilfe zur Pflege zeigte. Zwischenzeitlich kann allerdings wieder von einer stetigen, teilweise auch drastischen Erhöhung der Eigenanteile gesprochen werden. Dies resultiert zum einen aus der unterschiedlichen Bewohnerstruktur der einzelnen Pflegeheime - der einheitliche Anteil ist für Bewohner mit Pflegegrad 2 gleich hoch wie der des Bewohners mit Pflegegrad 5 -, zum anderen schließen die Heime neue Vergütungsvereinbarungen ab.

Daher möchten Angehörige eine Pflegeheimversorgung möglichst lange hinauszögern und erfragen vermehrt nach Angeboten zur Nachtversorgung, die derzeit im Rems-Murr-Kreis ambulant nicht verfügbar sind.

Wie sind die Chancen im Rems-Murr-Kreis, einen Pflegeheim-Platz zu bekommen?

Für den gesamten Rems-Murr-Kreis gilt, dass viele Einrichtungen nicht voll belegt werden können, weil Pflegefachkräfte nicht in erforderlicher Zahl zur Verfügung stehen, um die Fachkraftquote zu erfüllen. Möglicherweise wird dieser Effekt durch die Heimmindestbauverordnung verstärkt. Nach dieser dürfen ab 1. September 2019 nur noch Einzelzimmer belegt werden. Dadurch haben einige Einrichtungen ihre Plätze massiv reduziert oder sind derzeit noch in der Umbauphase. Dadurch können keine neuen Heimbewohner aufgenommen werden.

Der Rems-Murr-Kreis begleitet die Einrichtungen eng bei der Umsetzung der Landesheimbauverordnung: die Heimaufsicht ordnungsrechtlich und das Sozialamt sozialplanerisch. Darüber hinaus gibt es seit vielen Jahren einen „Arbeitskreis Fachkräftemangel“ mit allen wichtigen Akteuren im Landkreis, der die Probleme thematisiert und der versucht, Lösungen auf lokaler Ebene zu erarbeiten.

In welchen Bereichen des Kreises herrscht Überangebot und wo gibt es zu wenig Heime?

Die Mittelbereiche Fellbach/Waiblingen, sowie Schorndorf/Welzheim sind eher unterversorgt, der Mittelbereich Backnang/Murrhardt weist einen Überhang an stationären Plätzen aus. Insgesamt befinden wir uns statistisch betrachtet aber noch innerhalb des Planungskorridors bezüglich Bedarf und Bestand.

Angehörige brauchen dringend Urlaub oder sind selbst krank geworden. Gibt es einen Engpass bei der Kurzzeit-Pflege?

Es gibt kaum solitäre Kurzzeitpflegeplätze - lediglich eine Einrichtung hat einen Wohnbereich mit solitärer Kurzzeitpflege. Die überwiegende Anzahl der Kurzzeitpflegeplätze sind „eingestreut“, das heißt, bei Auszug oder Tod eines Bewohners wird bei der nächsten Aufnahme entschieden, ob der Platz zunächst als Kurzzeitpflege oder als Dauerpflege vergeben wird. Für Angehörige, die beispielsweise in den Sommerferien eine Urlaubsreise buchen wollen, ist es kaum möglich, einen Platz für die Kurzzeitpflege Monate im Voraus zu finden. Oft bleiben nur kurzfristige Lösungen oder lange Ungewissheit, wie die Pflege in dieser Zeit abgesichert werden kann, übrig.

Wir benötigen dringend solitäre Kurzzeitpflege, die ganzjährig zur Verfügung steht. Langfristige Planung wird durch die derzeit gängige Praxis unmöglich. Sie erfordert von allen Beteiligten viel Geduld und Flexibilität.

Wie sieht es bei der Tagespflege aus?

Der Landkreis unterstützt und begleitet den Ausbau der Tagespflege aktiv, um dadurch die Not in der Kurzzeitpflege zu mindern. Darüber hinaus finanziert der Landkreis betreuten Urlaub für Demenzkranke und deren Angehörige.


Pflegestützpunkt

Die drei Beraterinnen des Pflegestützpunktes Rems-Murr sind neutrale Lotsen durch ein großes Angebot von Hilfen und Unterstützung, die im Rems-Murr-Kreis angeboten werden. Die an der pflegerischen Versorgung beteiligten Organisationen und Selbsthilfegruppen werden in die Arbeit des Pflegestützpunkts mit einbezogen.

Kontakt:

Pflegestärkungsgesetz

Das Pflegestärkungsgesetz II trat am 1. Januar 2017 in Kraft und brachte einen grundlegenden Systemwechsel in der Pflegeversicherung. Die Unterstützung sollte sich künftig an der Selbstständigkeit und der Fähigkeit des Menschen ausrichten, inwieweit er seinen Alltag bewältigen kann.

Statt der bisherigen drei Pflegestufen gibt es fünf Pflegegrade. Der jeweilige Pflegegrad wird auf der Grundlage eines neuen Begutachtungssystems ermittelt, welches den Blick auf den Menschen erweitert und Aspekte wie beispielsweise die Fähigkeit, Gespräche zu führen und Bedürfnisse mitzuteilen, berücksichtigt.

Die Pflegedienste befürchteten schon beim Start, dass die hohen Erwartungen an das Gesetz vermutlich nicht erfüllt werden können. Grund dafür ist nicht zuletzt der Fachkräftemangel in der Pflege. Fehlendes Personal führt dazu, dass die Dienste nicht alle Wünsche der Pflegebedürftigen erfüllen können und auch bei der Versorgung den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden.