Rems-Murr-Kreis

Müssen unsere Blaumeisen sterben?

blaumeise Futter
Eine Blaumeise. Foto: Mogck © Joachim Mogck

Der Nabu schlägt Alarm: Auffällig viele Meisen starben im Frühjahr und sterben noch immer am Bakterium Suttonella ornithocola. Dieses Bakterium führe vor allem bei Blaumeisen zu hohen Verlusten, erklärt Dr. Andreas Hänel, Fachtierarzt für Mikrobiologie beim Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt in Fellbach. Die Tiere sterben, so Hänel, an einer Lungenentzündung. Außerdem komme es wohl bei einigen infizierten Tieren auch zu einer Darmentzündung.

Über 21 000 Meldungen mit knapp 40 000 toten Vögeln gingen bundesweit beim Nabu ein. Bundesweit betrachtet wurden dem Nabu bei der Stunde der Gartenvögel – der Vogelzählung, bei der jeder, der mag, mitzählen darf – 22 Prozent weniger Blaumeisen pro Garten gemeldet. Doch in Baden-Württemberg sind es sogar 35 Prozent weniger.

Auf Andreas Hänels Untersuchungstisch sind in diesem Jahr bislang vier tote Blaumeisen, sieben Kohlmeisen und zwei Tannenmeisen gelandet. Die Tierkörper werden ihm zugeschickt. Wer ein totes Tier findet, kann dies tun. Hänel diagnostizierte verschiedene Todesursachen: Der Erreger Pasteurella multocida, ein Bakterium, das sowohl zu Lungen- und Magen-Darm-Entzündungen als auch zu einer Infektion, die den gesamten Körper befällt, führt, hatte zugeschlagen. Parasiten töteten die Vögel, Beutegreifer oder Fensterscheiben setzten den Leben ein Ende. Der Erreger des Blaumeisensterbens allerdings wurde, so Hänel „in keinem Fall nachgewiesen“. Weder bei den Meisen noch bei anderen Vogelarten. Das Bakterium, das deutschlandweit die Zahl der niedlichen, blau beschopften Vögel so drastisch mindert, scheine demnach im Einzugsbereich des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Stuttgart keine Rolle zu spielen. Oder jedenfalls keine große.

Die aktuelle Epidemie sei, so Hänel, in Deutschland die erste. Doch der Fachmann beruhigt: Immer wieder komme es in Wildtierpopulationen zu Epidemien mit bakteriellen oder viralen Erregern. Vor einigen Jahren machte den Vogelliebhabern das Amselsterben große Sorgen. Im Jahr 2012 beispielsweise gingen die beliebten Sänger in großer Zahl am tropischen Usutu-Virus ein.

Doch trotz hoher Verluste komme es in der Regel nicht zum Aussterben der Art. Meistens werde, wenn die Epidemie vorbei sei, die alte Größe der Vogelpopulation innerhalb weniger Jahre wieder erreicht. Die Tiere, die überlebt haben, vermehren sich dann verstärkt. Oder es wandern Tiere aus Gegenden ein, in denen die Krankheitserreger nicht gewütet haben. „Ich mache mir um den Fortbestand unserer Meisenpopulation nicht wirklich Sorgen“, schreibt Andreas Hänel. Wie schön!