Rems-Murr-Kreis

Mafia-Prozess: Mario L. in Italien verurteilt

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Winnenden/Fellbach. Zehn Jahre und acht Monate Haft für den Winnender Wirt Mario L., acht Jahre für den Gastronomen Domenico P. aus Fellbach: Nach den zahlreichen Festnahmen im Januar 2018 im Umfeld der kalabrischen Mafia sind jetzt Urteile gefallen. Sie sind niedriger ausgefallen als die Anklage gefordert hatte.


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14 Jahre hatte die Staatsanwaltschaft für Mario L. gefordert. Der Promi-Wirt aus Winnenden ist im Raum Stuttgart eine bekannte Persönlichkeit. Seit Jahrzehnten steht der Verdacht im Raum, Mario L. könnte mit der Mafia verstrickt sein. Jetzt ist er laut Medienberichten wegen Mitgliedschaft im kalabrischen Arm der Mafia verurteilt worden. Sandro Mattioli, Vorsitzender des Vereins „mafianeindanke“, sieht die mehr als zehnjährige Haftstrafe für Mario L. als Beleg, dass der Gastronom eine „herausragende Funktion“ im Clan innehatte.

Mitte der 90er saß Mario L. kurzzeitig in Haft, wurde dann aber freigesprochen. Der Fall erregte seinerzeit erhebliches Aufsehen, weil Mario L. Verbindungen pflegte zu einem prominenten Stammgast: Günther Oettinger. Der CDU-Politiker amtierte seinerzeit als Landesfraktionschef und wurde später Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Auch im Falle des Fellbacher Gastronomen Domenico P. blieben die Richter in Italien unter dem Antrag der Anklage, die zwölf Jahre gefordert hatte. Zu acht Jahren wurde Domenico P. verurteilt; auch gegen ihn richtete sich bereits vor vielen, vielen Jahren der Verdacht, der Mafia anzugehören.

Rund 170 Verdächtige

Die weitaus schillerndere Persönlichkeit ist Mario L. Seine Partys galten als legendär; eine Menge Leute fühlten sich geschmeichelt, bei ihm eingeladen zu sein. Er unterhielt eine Reihe von Pizzerien; jene am Winnender Gesundheitszentrum zählte zumindest zu seinem Einflussbereich: Betreiberin der Lokalität war und ist seine Ehefrau. Bis zu seiner Verhaftung lebte Mario L. mit seiner Familie mitten in Winnenden.

Am 9. Januar 2018 wurde Mario L. festgenommen – als einer von rund 170 Verdächtigen. Es gab für die groß angelegte Aktion viel Lob für die Ermittlungsbehörden, man pries die deutsch-italienische Zusammenarbeit. Der Clan, gegen den sich die Aktion gerichtet hatte, wurde durchaus „empfindlich geschwächt“, sagt Sandro Mattioli. Doch die Ndrangheta, die kalabresische Mafia, besteht aus vielen Clans; der durchaus erfolgreiche und lange vorbereitete Schlag im Januar 2018 hat letztlich die Ndrangheta als Ganzes „leider nicht wesentlich geschwächt“, wie Mattioli sagt.

Aus seiner Sicht könnten die deutschen Strafverfolgungsbehörden „viel mehr tun“ gegen die Mafia. Mattioli fällt auf, dass sich der Fokus derzeit vergleichsweise stärker auf arabische Clans richte als auf die italienische Mafia. Über Gründe lasse sich nur spekulieren, sagt der Journalist: Vielleicht passe es zurzeit besser zum allgemeinen Befinden, Ermitttlungen in Richtung von Machenschaften einer vergleichsweise fremden Kultur anzustrengen und den freundlichen Italiener nebenan, dessen Kultur längst nicht mehr fremd ist, zu verschonen, selbst wenn er kriminell sei.

Kaum ein Opfer wagt die Anzeige

Doch geht’s beim netten Italiener zuweilen alles andere als nett zu. Die Mafia verdient viel Geld mit Kokain, wäscht Geld – und erpresst Gastwirte. Wer das System aus Angst unterstützt und wer aus Überzeugung, sei praktisch kaum auseinanderzuhalten, hatte ein Experte des Landeskriminalamts im Frühjahr 2018 erläutert: „Er zahlt halt, damit er seine Ruhe hat,“ will heißen: Ein Gastronom kauft eine Palette minderwertigen Olivenöls oder Rotwein fragwürdiger Qualität zu Mondpreisen, weil ihm höchst unangenehme Konsequenzen drohen, sollte er es nicht tun.

Ermittlungen im Mafia-Milieu erfordern sehr viel Gelduld, das leuchtet ein. Kaum ein Opfer wagt eine Anzeige; Kronzeugen riskieren ihr Leben.

Es gibt auch die ganz andere Seite des kriminellen Netzwerks, die auch als freundlicher Förderer der Jugend auftritt – weshalb manch ein Gastronom, so der Ermittler seinerzeit, die erpressten Zahlungen als eine Art passive Fördermitgliedschaft begreift. Als Gegenleistung hilft man sich aus, tut sich einen Gefallen, verschafft jungen Menschen aus Kalabrien Ausbildungsplätze. Das Netzwerk scheint zu funktionieren wie am Schnürchen. Sonst hätte es vermutlich nicht Jahrzehnte gedauert, bis Urteile gefällt werden konnten.