Rems-Murr-Kreis

Mehr Babys, zu wenig Hebammen

Hebamme_0
Schwer zu finden: Hebammen für die Nachsorge. © Palmizi/ZVW/Archiv

Waiblingen. Mütter müssen sich sehr mühen, um eine Hebamme für die Nachsorge zu finden. Unterdessen steigen die Geburtenzahlen an den Rems-Murr-Kliniken in Schorndorf und Winnenden jedes Jahr weiter. „An beiden Standorten sind wir mit unseren Kapazitäten für die steigenden Geburtenzahlen gut gerüstet“, heißt es bei den Kliniken – sprich: Keine Frau mit Wehen wird woanders hingeschickt. Offenbar passiert das andernorts hin und wieder.

Hebammen gibt es seit langer, langer Zeit; es ist vielleicht der älteste Frauenberuf überhaupt. Das deutsche Wort dafür leitet sich aus dem Althochdeutschen ab, es bezeichnet eine ältere Verwandte, die das Kind hält. Es geht um Erfahrung, um Vertrauen und Sicherheit für die werdende Mutter.

Hohe Versicherungskosten für Hebammen

Gleichzeitig bringt der Beruf eine immens hohe Verantwortung mit sich. Denn selbst bei den heutigen guten medizinischen Standards verläuft nicht jede Geburt ohne Komplikationen. Kommen Mutter oder Kind zu Schaden, verwandelt sich das der Hebamme entgegengebrachte Vertrauen unter Umständen sehr schnell in Misstrauen: Hat sie vielleicht einen Fehler gemacht?

Wegen des hohen Risikos fallen für Hebammen sehr hohe Versicherungskosten an. Und natürlich werden Kinder nicht ausschließlich werktags zwischen acht und 18 Uhr geboren – regelmäßige Arbeitszeiten hat eine Hebamme selten.

Viele wissen nichts von ihren gesetzlichen Ansprüchen

Das sind nur zwei Gründe für den deutschlandweiten Hebammenmangel. In Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Skopos wurden im Juni 1000 Mütter aus ganz Deutschland online zu ihrer Suche nach einer Hebamme befragt. Die letzte Geburt durfte dabei nicht länger als drei Jahre zurückliegen. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, ob die Schwangeren eine Nachsorge-Hebamme in Anspruch genommen haben; also eine Hebamme, die Mutter und Kind auch nach der Geburt während des Wochenbetts betreut – worauf Mütter in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch haben.

Die Studie, die allerdings von einem kommerziellen Unternehmen in Auftrag gegeben war, ergab unter anderem, dass jede dritte Befragte nichts von ihrem gesetzlichen Anspruch wusste und jede Fünfte keine Nachsorgehebamme hatte. Der häufigste Grund für den Verzicht: In der näheren Umgebung konnte – trotz oft monatelanger Suche – keine Hebamme dafür gefunden werden.

Bessere Vergütung notwendig

Um die Arbeitssituation der Hebammen und die Versorgungssituation der Frauen nachhaltig zu verbessern, sei unter anderem eine bessere Vergütung der Arbeit der Hebammen notwendig, schreibt Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands. Die Arbeitssituation von angestellten Hebammen in deutschen Kliniken beschreibt sie als dramatisch: In vielen europäischen Ländern betreue eine in Vollzeit in der Geburtshilfe tätige Hebamme zwischen 30 und 40 Geburten im Jahr. In Deutschland seien es zwischen 120 und 180.

Verheerende Konsequenzen für Schwangere

Seit 2017 gilt eine neue Gebührenverordnung: Freiberufliche Hebammen, die in Krankenhäusern als Beleghebammen arbeiten, dürfen sich nur noch um zwei Frauen gleichzeitig kümmern. Was zunächst nach guten Nachrichten klingt, kann verheerende Konsequenzen für Schwangere haben: Frauen in den Wehen müssten jetzt teilweise von Krankenhaus zu Krankenhaus geschickt werden, weil die Hebammen jetzt viel schneller voll ausgelastet sind, heißt es.

In Winnenden und Schorndorf werden keine Frauen mit Wehen abgewiesen

An den Rems-Murr-Kliniken in Winnenden und Schorndorf werde keine Frau mit Wehen abgewiesen, verspricht Sprecherin Monique Michaelis. Sie bestätigt, dass der Bedarf an qualifizierten Hebammen und Entbindungspflegern wachse – was mit Blick auf die steigenden Geburtenzahlen nicht verwundert.

Die Rems-Murr-Kliniken investieren in Nachwuchsförderung: Im Oktober 2017 wurde eine eigene Hebammenschule gegründet. „Wir bilden dort unseren Nachwuchs für diesen Bereich selbst aus“, informiert Monique Michaelis.


Mehr Babys geboren

Die Geburtenzahlen an den Rems-Murr-Kliniken steigen stetig an. Im Jahr 2015 zählten die Kliniken in Schorndorf und Winnenden 2164 Entbindungen, davon 1488 in Winnenden. Im Jahr 2017 belief sich die Geburtenanzahl auf 2551, davon 1864 in Winnenden.

Der Trend setzt sich laut Auskunft der Rems-Murr-Kliniken auch in diesem Jahr fort: Mehr als 2600 Kinder kamen im Jahr 2018 (Stand 27. Dezember) zur Welt. Davon erblickten mehr als 2000 Babys in Winnenden das Licht der Welt.

Unter www.unsere-hebammen.de lässt sich auf der "Landkarte der Unterversorgung" einsehen, wo Hebammen/Hebammenkurse fehlen - und selbst einen Mangel melden.