Rems-Murr-Kreis

Mit dem EU-Strohhalm-Verbot die Welt retten?

Strohhalm Strohalme Symbol Symbolbild
Das Röhrle: Von Kindern und Cocktail-Trinkern heiß geliebt, nach wenigen Minuten im Müll. © Pixabay/CC0 Public Domain

Waiblingen. Das Trinkröhrle ist zu einem Sinnbild jenes geplanten Verbots geworden, mit dem die EU der Vermüllung der Welt mit weggeworfenem Plastik Herr werden will. Ein Röhrles-Verbot scheint lächerlich. Doch beim Blick auf die Plastikberge auch im Rems-Murr-Kreis wird klar: Man muss nach jedem Strohhalm greifen.

Müll an sich, vor allem auch Plastikmüll, hat die ungute Eigenschaft, dass er sich unkontrolliert vermehrt. Deshalb sind die Mitarbeiter der Abfallwirtschaft Rems-Murr, kurz AWRM, die bis vor kurzem noch Abfallwirtschaftsgesellschaft AWG hieß, angehalten, wilde Müllablagerungen so schnell wie möglich zu beseitigen. Sie wuchern sonst immer größer.

Die Straßen des Rems-Murr-Kreises können die Mitarbeiter der AWRM nicht täglich von den Nachlässigkeiten der Menschen befreien. Und so findet sich überall ganz viel, was nicht in den Rinnstein, sondern in den Mülleimer gehört. Zum Beispiel auch viele Trinkhalme – „Röhrle“, wie’s hier so schön heißt.

Plastikröhrle gibt’s umsonst dazu, Mehrweg kostet und nervt

Kunststoff, Plastik hat unser Leben erst zu dem gemacht, was es jetzt ist: hygienisch, praktisch, leichtgewichtig, kostengünstig. Um nochmals die Röhrle aufzugreifen: Ein Plastikröhrle gibt’s kostenlos zum Trinkerle dazu, wiegt nichts und nach dem Austrinken verschwendet niemand mehr nur noch einen Gedanken daran. Würde der Mensch eine Glas- oder Metall-Mehrweg-Variante benutzen, müsste sie erst gekauft werden, dann stets bereit im Rucksack stecken und hinterher auch noch gesäubert werden.

Kunststoffe, die im Meer landen, ballen sich inzwischen zu ländergroßen Inseln zusammen. Traumstrände weit ab der Zivilisation sehen aus wie Müllkippen. Tiere fressen die Hinterlassenschaften der Menschen und verenden elend. Mikroplastik wird selbst in den kleinsten Organismen ganz am Ende der Nahrungskette nachgewiesen – über die Auswirkungen, die das auch auf den Menschen haben wird, ist sich noch niemand im Klaren. Die EU hatte Ende Mai eine Richtlinie entworfen: Plastikgegenstände, die erstens problemlos mit alternativen Materialien hergestellt werden können und die zweitens nur für wenige Minuten und einmalig verwendet werden, sollen verboten werden. Das berühmte „Röhrle“ steht inzwischen für dieses Verbot.

Papier-Trinkhalme

Die Winnender Firma Eger stellt Papierhülsen und -röhren aller Größen und für verschiedenste Verwendungen her. Auch Trinkhalme werden hier inzwischen als mögliches Produkt betrachtet. „Aktuell sind wir mit einem Partner in Kontakt und werden in Kürze ein Papier testen, welches wasserresistente Eigenschaften hat und somit für die Produktion von Trinkhalmen geeignet sein könnte“, schreibt Michael Scheible, der Leiter des Verkaufsinnendienstes bei Eger. „Dieses Material ist dann natürlich kompostierbar, lebensmittelecht“ und entspreche allen Vorschriften. Trinkhalme aus Papier sind zwar noch ein Nischenprodukt, aber nicht ganz neu. Und sie funktionieren. „Wettbewerbsprodukte“, so Scheible, hielten im Wasser mehrere Tage durch. „Für Cola haben wir noch keine Erfahrungswerte.“ Sicher aber ist: Es geht doch!

Doch werden Röhrchen die Welt retten?

Gerald Balthasar, Vorstandsvorsitzender der Abfallwirtschaft Rems-Murr, ist oberster Zuständiger für Verwertung und Entsorgung von Müll, auch Plastikmüll. Wobei sein erstes Anliegen die Vermeidung ist. Mitarbeiter der AWRM besuchen beispielsweise regelmäßig die Schulen: 113-mal im vergangenen Schuljahr. Denn: „Wir können nur mit Informationen Einfluss nehmen“. Der Einfluss der AWRM sei begrenzt, man sei „am Ende der Kette“. Die Kinder bekommen zum Beispiel Vesperboxen geschenkt. Einen Trinkbecher als Ersatz fürs Röhrles-Getränk allerdings noch nicht.

1991 entstand der sogenannte „grüne Punkt“, jenes System, das Hersteller dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass am Ende des Verkaufsvorgangs der Verpackungsmüll eben nicht im Straßengraben, auch nicht in der Mülltonne, sondern in einem Sammelsystem landet, aus dem heraus so viel wie möglich wiederverwertet werden soll. Damals kamen auf jeden Rems-Murr-Einwohner zwischen acht bis neun Kilo eingesammelter Verpackungsmüll. Im Jahr 2017 haben die Entsorger für das Duale System im Rems-Murr-Kreis 14 500 Tonnen Verpackungsmüll abgeholt, sortiert und der weiteren Verwertung zugeführt. Das sind rund 35 Kilo pro Einwohner. Diese Steigerung ist exorbitant. Sie ist natürlich auch auf die inzwischen zur Selbstverständlichkeit gewordenen Sammel- und Trennarbeit aller Bürgerinnen und Bürger zurückzuführen. Doch Phänomene wie Kaffee zum Mitnehmen – stets mit viel Plastikmüll verbunden – tragen das ihrige bei.

Zukunftsmusik: 58,8 Prozent aller Kunststoffe sollen recycelt werden

Verwerten kann man den Plastikmüll auf zweierlei Weise: Entweder er wird verbrannt und dann zur Wärme- oder Stromerzeugung genutzt. Oder er wird wieder zu einem Plastikprodukt. Dafür müssen die Kunststoffe möglichst sortenrein, womöglich sogar farblich sortiert getrennt werden. Früher, sagt Balthasar, konnte man 30 Prozent so wiederverwerten, heute sind es 35 Prozent, neueste Sortieranlagen schaffen, so wird zumindest behauptet, 50 Prozent.

Abgesehen vom Grünen-Punkt-Plastikmüll gibt’s ja aber noch die Kunststoffe, die sehr wohl wiederverwertbar sind, aber in die Mülltonne gehören. Dazu gehört zum Beispiel die kaputte Wäschewanne, das verblichene Quietsche-Entchen und auch das berühmte Trinkröhrle. Was in die Mülltonne kommt, wird in Stuttgart-Münster verbrannt. Wer seinen Plastikmüll bei den Recycling-Stellen abgibt, trägt zu den knapp 100 Tonnen bei, die jedes Jahr wiederverwertet werden. Ab 2019 verlangt der Gesetzgeber im Übrigen, dass 58,8 Prozent aller Kunststoffe im Sinne der Umwandlung in neue Kunststoff-Produkte wiederzuverwerten sind.

Verbraucher in der Verantwortung

Niemand wird mit einem Beutel Trinkhalmen, Wattestäbchen, Plastikbesteck und -tellern zum Recyclinghof fahren. Dieser Müll wird immer in der Tonne oder in der Landschaft landen. Dabei könnte hier problemlos anderes Material eingesetzt werden. Wurde ja auch schon – früher. Aber Plastik ist ja so geschickt, so schön billig.

Gerald Balthasar nimmt den Bürger in die Verantwortung. Und wünscht sich den Gesetzgeber her. Der Preis der Plastikprodukte müsste sich beispielsweise an der Wiederverwertbarkeit orientieren. Eine „Plastiksteuer“ wäre ein „Anreiz“. Er sagt: „Wir sind am Anfang dieses Weges.“ Der Weg ist noch weit: Die EU muss die Richtlinie erst verhandeln. Wenn’s je zur Verabschiedung kommt, muss sie noch umgesetzt werden. Bis dahin fließt noch viel Süßgetränk durchs Röhrle hindurch.

Mikroplastik

Die aktuell größten Sorgen machen Umweltschützer zurzeit weniger die Plastikteile, die am Stück in der Landschaft liegen. Das sogenannte Mikroplastik, feinste Plastikpartikelchen, scheint noch viel schlimmer. Denn es lässt sich nicht mehr beseitigen.

Mikroplastik entsteht, wenn Plastik im Laufe der Jahre zerfällt. Mikroplastik, sagt Gerald Balthasar, produzieren wir aber auch jeden Tag. Bei jeder Autofahrt reibt sich Mikroplastik von den Reifen, mit jedem Schritt von den Schuhsohlen.

Bei jedem Duschen übrigens fließt es auch von unseren Körpern. Denn in Cremes, Peelings, Duschgels sind die Plastikpartikel verarbeitet.

Hier allerdings kann der Verbraucher gegensteuern. Ein Blick aufs ganz Kleingedruckte, nämlich die Inhaltsliste der Kosmetikprodukte, offenbart, ob Mikroplastik drin ist oder nicht. Ausschau halten muss man nach den Begriffen

Acrylate Copolymer (AC), Acrylate Crosspolymer (ACS), Dimethiconol, Methicone, Polyamide (PA, Nylon), Polyacrylate (PA), Polymethylmetacrylate (PMMA), Polyquaternium (PQ), Polyethylene (PE), Polyethyleneglycol (PEG), Polyethyleneterephtalate (PET), Polypropylene (PP), Polypropyleneglycol (PPG), Polystyrene (PS), Polyurethane (PUR), Siloxane, 

Viel Vergnügen! Ach, übrigens: In Kanada, England und den USA sind Mikroplastik-Partikel in Kosmetika verboten.