Rems-Murr-Kreis

Motorradlärm: Genervt vom Krach aus Auspuffrohren

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In Weinstadt-Schnait wurde versucht, mit temporären Geschwindigkeitsbeschränkungen den Lärm einzudämmen. © ZVW/Rainer Bernhardt (Archiv)

Weinstadt/Kaisersbach. Das Motorrad schnurrt leise vorüber – aber wehe, wenn der Fahrer das Gas aufreißt. Der Krach aus den Auspuffrohren ist ohrenbetäubend – und legal. Landauf, landab wächst der Ärger über den Krawall aus Auspuffrohren von PS-starken Autos und Motorrädern. Thomas Marwein, der Lärmschutzbeauftragte des Landes, hat dieser Tage vier Hotspots besucht. Unter anderem den beliebten Treffpunkt Wüstenrot unweit der Kreisgrenze.


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Die Vereinigten Arbeitskreise gegen Motorradlärm, ein Zusammenschluss von Motorradlärm-Betroffenen und -Bürgerinitiativen, zählt mittlerweile neun Hotspots zwischen Rems und Murr. Bürger haben sich gegen den Lärm aus den Aufpuffen zusammengetan. Dass der Lärmschutzbeauftragte bei seiner Tour keinen dieser neun Strecken im Rems-Murr-Kreis besucht hat, sei Zufall. Das Problem ist inzwischen im ganzen Land dasselbe, sagt Thomas Marwein. Ob im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Wald, ob in den Löwensteiner Bergen, auf dem Welzheimer Wald oder im Schurwald, sagte Marwein im Gespräch mit unserer Zeitung: „Die Anwohner sind genervt vom Motorradlärm.“ Genauer gesagt vom Verkehrslärm, bei dem nicht nur Biker an schönen Wochenenden die Ausrufezeichen setzen. 40 Prozent der Beschwerden beim Lärmschutzbeauftragten entfielen auf Motorräder, hauptsächlich zwischen Ostern und Oktober.

Auf Knopfdruck brüllen die Motoren laut auf

Aber nicht nur Motorräder sind viel zu laut, auch viele PS-starke Automobile machen Lärm. Deren Fans nennen den Krach „Sound“. „Die dürfen das!“, sagt Thomas Marwein über die technischen Möglichkeiten wie den sogenannten „Fahrerlebnisschalter“. Auf Knopfdruck können die Fahrer ihre Motoren aufbrüllen lassen – zum Nachteil der Anwohner. Hinzu kommt noch ein Phänomen, dass neu zugelassene Motorräder heute lauter sind als noch vor ein paar Jahren. Selbst Motorradfahrer haben sich schon gewundert, dass ihre moderne BMW mehr Lärm entwickelt als das Vorgängermodell. Die Hersteller begründen den kräftigeren Sound dieser Maschinen mit den Kundenwünschen.

Thomas Marwein betont, dass er nie „d i e Motorradfahrer“ sage. „Es sind nicht alle, die Krawall machen!“ Als Lärmschutzbeauftragter hat er schon häufiger die Polizei bei Kontrollen begleitet und mit Bikern gesprochen. Dabei sei er auf ganz unterschiedliche Charaktere gestoßen. Die einen versuchten, ihr Hobby so auszuüben, dass sie niemand auf die Nerven gehen. Andere wiederum wüssten, dass ihr Motorrad laut sei, betonten aber, dass die Auspuffanlage legal sei. Und wieder anderen sei es schlicht egal, sich wie Krawallbrüder aufzuführen.

Bundesregierung hält Regelung für ausreichend

Das Grundproblem, worauf schon Marweins Vorgängerin, Umweltstaatssektretärin Gisela Splett, hingewiesen hat, sind die gesetzlichen Vorgaben. Und die sind aus Sicht eines Lärmbeauftragten unzureichend, gehen aber über die Kompetenzen eines Bundeslandes weit hinaus. Nicht nur Deutschland schlägt sich mit dem Lärm herum. Seit dem 1. Januar 2016 gelten in der EU für Motorräder die Vorschriften für Abgas- und Lärmemissionen nach der UN-Regelung Nummer 41.04 („Euro-4-Norm“). Seither dürfen die Fahrgeräusche in einem definierten Betriebszustand maximal 77 (zuvor 80 beziehungsweise 78) Dezibel betragen. Doch dank des komplizierten Prüfverfahrens sind die Fahrzeuge nur auf dem Papier leiser.

Wie eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag ergab, hält die Bundesregierung die Regelung für ausreichend. „Die Geräuschvorschriften der UN-Regelung Nr. 41.04 sind seit 2012 verglichen mit der Vorgängerregelung realitätsnäher“, heißt es in deren Antwort. Allerdings ist auch dem Verkehrsministerium klar, dass die Prüfverfahren die Realitäten grob außer Acht lassen. „Durch die von der Technik mittlerweile möglichen Flexibilisierungen des Geräuschverhaltens ist die bisherige Übertragbarkeit des „Worst-Case-Falles“ (Messergebnisse der kritischsten Fahrsituation Volllastbeschleunigung in zwei Getriebestufen) auf den Gesamtnutzungsbereich des Zweirads (gesamter Geschwindigkeit in allen Getriebestufen und Fahrsituationen) nicht mehr gegeben.“ Das baden-württembergische Umweltministerium hat vor Jahren schon die Probe aufs Exempel gemacht und die Unterschiede zwischen den Fahrgeräuschen nach dem Prüfverfahren und dem wirklichen Getöse eines Motorrades dokumentiert. Das Video ist auf der Webseite des Ministeriums abrufbar.

Zumindest aber besteht die Absicht, so erklärte die Bundesregierung in einer weiteren Antwort zu dem Thema, sich für eine Änderung der Vorgaben einsetzen zu wollen. Künftig solle der „Real Driving Noise“ im Geschwindigkeitsbereich bis 100 km/h in allen Getriebestufen, Fahrsituationen und Fahrmodi erfasst werden. Doch das kann dauern, befürchtet Marwein.

Mit dem „Soundbooster“ den Lärmmuskel spielen lassen

So lange aber können Anbieter von Soundsystemen mit Slogans wie diesem werben. „Active Sound ist eine Möglichkeit, Fahrzeugen mit schwachem eigenen Sound (zum Beispiel Diesel-Fahrzeugen oder Fahrzeuge ohne Sportauspuffanlage) trotzdem einen hervorragenden Klang zu verpassen“, heißt es da beispielsweise: „Der Sound wird hierbei nicht vom Motor selbst erzeugt, sondern künstlich generiert über einen sogenannten Aktor (engl: Actuator) oder auch Booster/Soundbooster.“ Marwein, ansonsten um einen diplomatischen Ton bemüht, nennt solche Marketing-Gags „vollkommen unverständlich“. Im Rems-Murr-Kreis werden inzwischen Biker vielerorts mit Schildern ermahnt, nicht „wie die Sau“ zu rasen. Ein gut gemeinter Appell. Mehr noch nicht.