Rems-Murr-Kreis

Murrhardterin im Finale von Miss Happy Curvy 2019

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Marta Schanz. © Laura Edenberger
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Marta Schanz. © Juergen Schall

Murrhardt. Marta Schanz holt zwei Paar Schuhe mit stattlichen Absätzen aus dem Regal. Zur Vorbereitung aufs Finale von „Miss Happy Curvy“ im Mai gehört es, zu Hause das Laufen und die Haltung zu üben. Vor allem aber will sie sich nicht mehr verstecken wie früher: „Selbstvertrauen und Selbstakzeptanz dürfen nicht an der Kleidergröße hängen.“ Der Weg dorthin war nicht ganz einfach.

Den Wettbewerb Miss Happy Curvy, bei dem Frauen ab Kleidergröße 42 antreten und selbstbewusst ihre Kurven zeigen, hat Marta Schanz schon länger verfolgt. Nach der Premiere im vergangenen Jahr entschied sie im Herbst, sich fürs Casting der zweiten Auflage dieser etwas anderen Miss-Wahl zu bewerben. „Ich hab mich mit meinen Freunden und meiner Mutter besprochen und mir dann auch gesagt, man lebt ja nur einmal.“ Dieser Satz bekommt ein anderes Gewicht, wenn man weiß, dass die 33-Jährige an Multipler Sklerose erkrankt ist. Wenn sie zurückblickt, hat der Kampf mit ihrem Gewicht, das Thema Dick- beziehungsweise Dünn-Sein schon früh eine Rolle gespielt. „Ich bin als Jugendliche in der Schule gemobbt worden, mit 18 Jahren hab ich zwischen 80 und 95 Kilo gewogen.“ Als sie ihren ersten Freund hatte und auszog, verschärfte sich die Lage, sie nahm weiter auf 150 Kilo zu. „Ich hab mich einfach nur versteckt, die anderen sind auf Partys gegangen, da war ich um die 20 Jahre.“

Diagnose Multiple Sklerose war ein harter Einschnitt

Jahre später machten sich irritierende Beschwerden bemerkbar, Marta Schanz hatte das Gefühl, dass ihre linke Körperhälfte irgendwie wegsackt und hängt. Als sie in die Neurologie eingewiesen wurde, stellten die Ärzte fest, dass sie an Multipler Sklerose erkrankt war – vermutlich schon einige Jahre. „Ich hatte 13 entzündete Herde, das war wohl ein harter Schub.“

Die Diagnose war ein harter Einschnitt. Marta Schanz erhielt wichtige Unterstützung von professioneller Seite, genauso wie von Familie und Freunden, aber es gab auch Verbindungen, die zerbrachen. „Das Umfeld ändert sich, und auch ich habe mich mit der beziehungsweise durch die Krankheit verändert. Ich nehme bewusster, intensiver wahr. Das merke ich schon bei einem Spaziergang durch den Wald.“

"Ich will mich nicht mehr verteidigen"

Heute sagt sie: „Als ich um die 28 Jahre alt war, bin ich zur Frau geworden.“ Das Empfinden, schön zu sein, hänge nicht an der Kleidergröße, und der Wettbewerb sei eine tolle Möglichkeit, auch anderen Menschen Mut zu machen, die nicht den Normalmaßen entsprechen. Auch wenn sie 2016 nach einem Schub von 95 wieder auf 105 Kilo („ist jetzt mein Wohlfühlgewicht“) zugenommen hat, ist sie offensiver geworden. „Ich will mich nicht mehr verteidigen, ich geh raus und zieh mich schön an.“ Gleichzeitig tut sie etwas für ihren Körper und ihre Fitness, besucht Sport- und Yogakurse. Ein weiterer Schritt: 2017 wurde sie auf ein Casting für die „Plus Size Fashion Days“ aufmerksam, bei dem sie ausgewählt wurde und zwei Tage beim Event rund um Mode und Laufsteg in Hamburg dabei war.

Trotz dieser positiven Erfahrung hat sie überlegt, ob sie sich bei Miss Happy Curvy bewerben soll. Denn einerseits will sie das Leben in vollen Zügen genießen, andererseits möchte sie sich auch nicht zu viel Trubel zumuten, hat noch einen ganz normalen Alltag als Bürokauffrau in Gaildorf zu managen. Bemerkbar macht sich die Krankheit manchmal durch Spastiken auf ihrer linken Seite. „Es geht mir trotzdem noch gut“, sagt sie vor dem Hintergrund, dass sie sich mit anderen Betroffenen im Internet austauscht.

Über 150 Bewerber bei den Castings

Aber Miss Happy Curvy wird im Raum Stuttgart ausgetragen, bedeutet somit keine weiten Reisen, also reihte sie sich beim Wettbewerb fürs Casting ein und wurde eingeladen. Auch diese Erfahrung will sie nicht missen – „eine coole Jury“ und beeindruckende Mitstreiterinnen; und Mitstreiter – dieses Jahr wird nämlich auch Mister Special Size gekürt. Bei den Castings traten über 150 Bewerberinnen und Bewerber an.

„Perfekt unperfekt“: Menschen, die zu sich selber stehen

Ihr Ziel: zeigen, wer sie ist, wozu auch ihr Leben und ihre Krankheit gehören. Insofern hält sie es auch für problematisch, seinen Körper nur nach einem Schönheitsideal ab- und auszurichten, wie sich Narben entfernen oder Lippen aufspritzen zu lassen. Deshalb fand Marta Schanz es ziemlich klasse, dass beim Casting von Mister Special Size auch ein Teilnehmer mit Krücken kam. Das war „perfekt unperfekt“, sagt sie. Ebenso beeindruckt war sie von einer älteren Mitbewerberin, die bei der Präsentation sang und eine tolle Ausstrahlung hatte. „Ich fand, sie war auch ein bisschen Vorbild.“

Die einzige Kandidatin aus dem Rems-Murr-Kreis

Marta Schanz jedenfalls hat die Jury überzeugt, sie tritt nun mit 24 Frauen aus Deutschland und Österreich im Mai zum Finale an; sie ist dabei die Einzige aus dem Rems-Murr-Kreis.

Zwischendurch hat die 33-Jährige, die in Polen geboren wurde und als Kind mit ihren Eltern nach Schorndorf und später nach Murrhardt kam, auch bei weiteren Gelegenheiten in die Modeszene hineingeschnuppert – beispielsweise bei Fotoshootings – und tauscht sich in der „Plus Size Community“ aus. Sie findet es schade, dass die entsprechenden Modelle, die es in Geschäften zu kaufen gibt, oft lieblos ausfallen, weshalb sie sich in dieser Hinsicht im Internet umschaut.

Jetzt heißt es, immer mal wieder das Laufen zu trainieren. Familie und Freunde unterstützen sie, „auch mein Partner hat sich wirklich gefreut und ist stolz auf mich, dass ich im Finale bin“. Auch sonst will sie das Jahr genießen – es werde ein gutes, sagt sie mit einem Lächeln.


Der Wettbewerb

Die Wahl der Miss Happy Curvy 2019 findet am 18. Mai in der Filderhalle in Leinfelden statt. Ins Leben gerufen hat den Wettbewerb 2018 eine Stuttgarter Modeagentur. Ebenfalls entschieden wird, wer Mister Special Size 2019 wird. Zitat aus der Ausschreibung: „Der Wert des Menschen wird nicht durch seine Körperform oder Konfektion bestimmt. Unser persönliches Ziel ist es, Menschen zu begeistern. Mode ist eine Sprache der Freude und Energie jedes Einzelnen in allen Dialekten und Akzenten.“