Rems-Murr-Kreis

Nachricht des Jahres: Im Landkreis weiterhin zwei Krankenhäuser

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Oberbürgermeister Matthias Klopfer und seine Schorndorfer dürfen sich freuen: Die Zukunft ihres Krankenhauses scheint gesichert. Der Kreistag hat sich 2017 zum Klinikstandort Schorndorf bekannt. © Gabriel Habermann/ZVW

Wort des Jahres in der Rems-Murr-Kreispolitik: „Medizinkonzept“. Das klingt zwar zunächst eher abstrakt – die Entscheidung, die sich dahinter verbirgt, ist aber höchst konkret: Neben dem Klinikum in Winnenden hat auch das Krankenhaus in Schorndorf eine Zukunft.

Wir setzen voll auf zwei Häuser, wir planen sowohl mit Winnenden als auch mit Schorndorf, und um den Standort in der Daimlerstadt zukunftsfähig zu machen, investieren wir dort 60 Millionen Euro Sanierungs- und Instandhaltungskosten: So lässt sich das „Medizinkonzept“ zusammenfassen, auf das sich der Kreistag im Frühjahr 2017 einigte. Oder noch kürzer: Schorndorf gerettet.

Na gut – aber war das nicht sowieso klar? Schließlich hatte sich der Kreistag genau darauf doch bereits 2008 festgelegt: die Häuser in Waiblingen und Backnang dichtmachen, Schorndorf weiterführen und in Winnenden einen Neubau hinstellen. War’s nicht so?

Rückblick

Schon, schon. Nur: Im Jahr 2016 sickerte ein internes Gutachten an die Öffentlichkeit durch, das 90 bis 100 Millionen Euro Sanierungsbedarf in Schorndorf befürchtete, und dieser Hiobsbotschaft folgte umgehend eine Dolchstoß-Attacke – die komplette Winnender Chefärzte-Riege legte in einem Brief durch die Blume nahe, dass es womöglich am besten wäre, Schorndorf aufzugeben; „allenfalls vorstellbar“ sei dort künftig ein „Grund- und Regelversorger mit zweistelliger Bettenzahl“, eine Krankenhütte sozusagen.

Der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer konterte via Facebook, „so ein perfides, unprofessionelles und geschäftsschädigendes Verhalten“ habe er „noch nie erlebt“. Im Februar 2017 sammelte der Betriebsrat der Rems-Murr-Kliniken 740 Unterschriften für den Erhalt der Krankenhäuser in Schorndorf und Winnenden. Es roch nach einem Krankenhausstreit 2.0, einer Neuinszenierung jenes klassischen Zerwürfnisdramas, das Jahre zuvor wegen der Schließung in Backnang spektakulär uraufgeführt worden war.

Das „Medizinkonzept“ mit seinem millionenschweren Bekenntnis zu Schorndorf war insofern das Versöhnungs- und Befriedungswerk des Jahres. En passant geriet der 238 Seiten dicke Schriftsatz allerdings auch zur Abrechnung mit der Vergangenheit. Erbarmungslos präzise listete er all die Fehler auf, die beim Neubau Winnenden begangen worden waren. Seinerzeit sei keine „standortübergreifende Medizinkonzeption entwickelt“, die Aufgabenverteilung, Zusammenarbeit und Schwerpunktsetzung zwischen Schorndorf und Winnenden nicht genau definiert worden, den Planungen habe es an „Detailtiefe“ gefehlt. Dazu: haltlos überoptimistische Wirtschaftlichkeitsprognosen; zu wenig Parkplätze; und und und. Die Botschaft lautete: Jetzt wird alles besser, jetzt wird Versäumtes nachgeholt, jetzt arbeiten die beiden Häuser endlich vernünftig Hand in Hand, und deshalb haben sie eine Zukunft.

Unsere Kliniken bleiben ein Zuschussbetrieb

Zu diesem Neuanfang gehörte auch schonungslose Ehrlichkeit in Geldfragen: „Die Krankenhäuser werden ein Zuschussbetrieb bleiben“, erklärte Landrat Richard Sigel glasklar. Das hatte sich einst ganz anders angehört. Die Häuser würden so hohe Gewinne abwerfen, dass sich damit sogar die Bauschulden bedienen ließen: Das war das Versprechen, mit dem die Landkreisverwaltung einst dem Kreistag den Neubau Winnenden schmackhaft machte.

Die Wahrheit: Auch 2024 wird der Rems-Murr-Kreis wohl noch 5,5 Millionen Euro pro Jahr zuschießen müssen. Aber immerhin: Wir haben nun zwei gut ausgelastete, medizinisch renommierte Häuser. Alles gut soweit? Ja. Aber.

Denn in einer Hinsicht kündet das 2017 beschlossene Medizinkonzept Stand heute immer noch nur von Wunsch und Wollen statt von Tun und Können. Ein wichtiger Baustein lautet nämlich: Winnenden soll wachsen! Die Idee: Hier haben wir ein äußerst vorzeigbares Klinikum, es wird immer mehr Patienten anlocken, dadurch sinkt das Defizit – damit sich der Entwicklungskurs aber durchhalten lässt, brauchen wir mehr Betten, statt derzeit 620 künftig 750. Investitionsvolumen: zig Millionen Euro.

Streit um den Wachstumskurs

Mehr Betten – aus lokaler Sicht ist das eine finanzielle Notwendigkeit. Die Rems-Murr-Kliniken sind, wie es deren Leiter Marc Nickel einmal ausdrückte, „zum Wachstum verdammt“. Aus baden-württembergischer Perspektive aber stellt sich der Fall grundstürzend anders dar: Landesweit gibt es eher zu viele als zu wenige Krankenhausbetten, lässt sich eher von Über- als von Unterversorgung reden. Das Landessozialministerium, geführt von dem Grünen Manfred Lucha, schätzt, dass von etwa 250 Klinikstandorten in Baden-Württemberg perspektivisch nur etwa 200 überleben werden. Luchas Ressort muss sich also fragen: Sollen wir Genehmigungen für zusätzliche Winnender Betten rausschreiben und dafür Zuschussgelder fließen lassen, damit Überkapazitäten aufgebaut werden?

Bis heute hat das Sozialministerium nicht einmal alle der bereits stehenden 620 Winnender Betten genehmigt, sondern nur 570. Die Behandlung der Patienten aber, die in den 50 „wilden Betten“ liegen, wird von den Kassen nicht voll honoriert. Das fehlende Ja-Wort führt für den Rems-Murr-Kreis zu Einnahme-Ausfällen in Millionenhöhe.

Und wenn sich Lucha schon beim nachträglichen Abnicken von 50 Betten derartig ziert – darf sich der Kreis da Hoffnung machen auf einen künftigen Segen für nochmal 130?

Zusammengefasst: „Medizinkonzept“ ist unser Wort des Jahres 2017; hoffen wir, dass wir es 2018 nicht zum Unwort erklären müssen.