Rems-Murr-Kreis

Namen und Adressen aus dem Kreis auf Nordkreuz-"Todesliste"

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Symbolbild. © Alexander Roth

Waiblingen. Eine rechtsextreme Gruppe von „Preppern“ soll bundesweit Anschläge auf „linke Persönlichkeiten“ geplant haben. Recherchen unserer Zeitung haben nun ergeben: Auf der sogenannten „Todesliste“ des „Nordkreuz“-Netzwerks stehen mindestens 85 Namen und Adressen aus dem Rems-Murr-Kreis.

Etwa 30 Mitglieder einer rechtsextremen Gruppe namens „Nordkreuz“ haben für Angriffe auf politische Gegner rund 200 Leichensäcke und Ätzkalk bestellen wollen. Das hat das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) nach eigenen Angaben aus Quellen im Umfeld des Bundesamtes für Verfassungsschutz erfahren und Anfang Juli öffentlich gemacht.

Bereits 2018 bestätigte die Bundesregierung, dass die „Nordkreuz“-Gruppe Listen mit Namen und Adressen von etwa 25 000 „linken Persönlichkeiten“ gesammelt hat. Wie das RND unter Berufung auf Vernehmungsprotokolle des Bundeskriminalamts (BKA) berichtet, habe „Nordkreuz“ diese Listen angefertigt, um die darauf befindlichen Personen „im Konfliktfall“ liquidieren zu können.

Recherchen unserer Zeitung haben nun ergeben, dass auf der sogenannten „Todesliste“ (auch „Feindesliste“ genannt) des Prepper-Netzwerks mindestens 85 Namen und Adressen von Personen aus dem Rems-Murr-Kreis zu finden sind. Das BKA weist die in den Medien gängigen Begriffe „Todesliste“ und „Feindesliste“ zurück und spricht selbst von „Adresssammlungen“.

Was ist das für eine „Todesliste“?

Bei zwei Razzien in den Jahren 2017 und 2018 wurden laut RND bei „Nordkreuz“-Mitgliedern neben Waffen und Munition auch Listen mit Namen und Adressen gefunden.

Die erste, umfangreichere Liste, die unserer Redaktion vorliegt, enthält fast 25 000 Namen und Adressen. Sie stammen aus der Kundendatenbank eines Duisburger Punkrock-Versandhandels, der im Jahr 2015 gehackt wurde. Eine Gruppe namens „National Sozialistische Hacker-Crew“ hatte sich damals zu dem Cyberangriff bekannt. Die Täter konnten nicht ermittelt werden.

Dazu kommen Dokumente, die laut RND bereits im August 2017 bei der Durchsuchung eines Rostocker Anwaltsbüros sichergestellt wurden. In den Räumen des Rechtsanwalts, der ebenfalls „Nordkreuz“-Mitglied sein soll, fanden Polizeibeamte demnach Unterlagen über Politiker sowie die Namen von Flüchtlingsverbänden, Gewerkschaften und der Arbeiterwohlfahrt.

Wer oder was ist "Nordkreuz"?

Bei „Nordkreuz“ handelt es sich laut RND um etwa 30 Personen aus der sogenannten „Prepper“-Szene (siehe Info-Box), die sich über den Messenger-Dienst Telegram (ähnlich Whatsapp) austauschten. Gemeinsam sollen sie sich auf einen „Tag X“ vorbereitet haben, an dem die gesellschaftliche Ordnung zusammenbricht – wozu die Gruppe mit der Ermordung ihrer politischen Gegner offenbar beitragen wollte. Bei den Mitgliedern der „Nordkreuz“-Chatgruppe handle es sich überwiegend um aktive und ehemalige Angehörige von Spezialkräften der Polizei und Bundeswehr aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin ermittelt zudem gegen drei aktive und ein ehemaliges Mitglied des Sondereinsatzkommandos (SEK) der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern. Drei der Beschuldigten sollen seit 2012 Munition aus den Beständen des LKA gestohlen, und an den vierten Beschuldigten weitergeleitet haben. Bei diesem handelt es sich nach NDR-Informationen um den Gründer der „Nordkreuz“-Gruppe.

Wie gehen die Behörden nun vor?

Das Bundeskriminalamt (BKA) erklärt auf Nachfrage: „Nach Sichtung und Bewertung“ der „Nordkreuz“-Liste hätten sich keine Anhaltspunkte für eine „konkrete Gefährdung“ der Betroffenen ergeben.

Weiterhin weist das BKA darauf hin, dass die Veröffentlichung von Adresssammlungen „im Bereich der Politisch Motivierten Kriminalität weit verbreitet“ sei. Ziel solcher Listen sei es vor allem „Angst zu schüren und Verunsicherung zu verbreiten“.

Auch das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg informiert nach eigener Aussage die Betroffenen nur dann, wenn der Behörde „gefährdungserhöhende Erkenntnisse vorliegen“, von denen das BKA keine Kenntnis hatte.

Ob bereits Betroffene im konkreten Fall der „Nordkreuz“-Liste informiert wurden, wollte das BKA mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht mitteilen. Vom LKA lag dazu bis Redaktionsschluss keine Antwort vor.


Die Prepper-Szene

Der Begriff „Prepper“ leitet sich vom englischen Verb „to prepare“ („vorbereiten“) ab.

Ebenso wie die gleichnamige Szene in den USA, ist auch die deutsche Prepper-Szene nur schwer zu fassen. Manche Mitglieder horten bloß Lebensmittel und nehmen an Survival-Trainings teil, andere, wie die „Nordkreuz“-Gruppe, bewaffnen sich.

Das geht unter anderem aus Berichten des Landesverfassungsschutzes Brandenburg hervor, der folgende Faustregel aufgestellt hat: „Prepper werden dann ein Fall für den Verfassungsschutz, wenn sie sich nicht mehr nur für den „Tag X“ rüsten, sondern aktiv versuchen, den „Tag X“ herbeizuführen.“

Dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg liegen nach eigener Aussage keine belastbaren Zahlen zum personellen Umfang der Prepper-Szene in Baden-Württemberg bzw. im Rems-Murr-Kreis vor.