Rems-Murr-Kreis

Neonazi-Razzia in Fellbach

Streifenwagen Polizei Blaulicht Symbol Symbolbild
Symbolbild. © ZVW/Martin Schmitzer

Fellbach/München. Auch in Fellbach haben die Fahnder Räume durchsucht – die Polizei unter Federführung der Generalstaatsanwaltschaft München blies am Mittwoch zur bundesweiten Razzia gegen zwölf Neonazis, die versucht haben sollen, das verbotene Netzwerk „Blood & Honour“ wieder aufleben zu lassen. Einer von ihnen ist offenbar ein einschlägig bekannter Fellbacher.

15 Wohnungen oder Gebäude wurden am Mittwochmorgen durchsucht – acht in Bayern, drei in Thüringen, eines in Hessen, eines in Sachsen-Anhalt, zwei in Baden-Württemberg; einer der Schauplätze befand sich in Fellbach. Noch am selben Tag verhaftete die Polizei vier Personen in Bayern, Thüringen und Hessen.

Kein Neuling in der Szene

Die zwölf Beschuldigten, heißt es in einer Pressemitteilung, hätten geplant, das seit September 2000 verbotene Netzwerk „Blood & Honour Division Deutschland“ fortzuführen. Sie sollen verbotene Ware – CDs mit Hetzmusik, Kleidung mit Neonazi-Symbolen – aus dem Ausland eingeschmuggelt und in Deutschland verkauft haben.

Auf Nachfrage bestätigt ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft München nur, dass auch eine Wohnung in Fellbach Ziel der Razzia war, „mehr sage ich im Moment nicht. Die Ermittlungen laufen noch.“

Es munkelt aber vernehmlich, dass ein Fellbacher und ein Mitstreiter aus einem anderen Landkreis versucht hätten, eine „Blood & Honour“-Sektion Baden-Württemberg zu etablieren. Und der Fellbacher soll wahrhaftig kein Neuling in der Szene sein: ehemaliger Rems-Murr-Funktionär der NPD und auch Bundestagskandidat der Partei, allerdings in einem anderen Landkreis; gut vernetzter Kamerad – Fotos zeigen ihn bei einem Treffen mit kroatischen Faschisten in Österreich; und er soll früher mal Kopf des – allerdings wohl eher kläglich winzigen – württembergischen Ablegers der „Weiße Wölfe Terrorcrew“ (WWT) gewesen sein, einer Organisation, die 2016 verboten wurde. Im Zuge von Ermittlungen gegen die WWT durchsuchten Spezialkommandos der Polizei die Wohnung in Fellbach vor Jahren schon einmal.

Blood & Honour: Unselige Traditionen im Rems-Murr-Kreis

Seit längerem verdichtet sich der Verdacht, dass „Blood & Honour“ wieder aktiv sein könnte oder womöglich die Umtriebe auch nach dem Verbot nie ganz eingestellt hat. Ein verbreiteter Szene-Slogan lautet: „Trotz Verbot nicht tot!“ 2017 berichtete die Thüringer Landesregierung von Konzerten, bei denen wieder vermehrt die Embleme von „Blood & Honour“ auftauchten, im selben Jahr griff die Bundespolizei ein Dutzend Neonazis an der deutsch-tschechischen Grenze auf – sie hatten ein Schießtraining im Nachbarland absolviert. Stephan Kramer, Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, erklärte danach: „Einzelne terroristische Aktionen, Anschläge und Gewalttaten“ müssten „in Betracht gezogen werden“.

Gründer von „Blood & Honour“ war in den 80er Jahren der Brite Ian Stuart. Sein Ziel: Neonazis vernetzen, um Musik zu vertreiben und Propaganda zu verbreiten. Auch ein bewaffneter Arm namens „Combat 18“ mit rechtsterroristischen Ambitionen formierte sich.

Vieles weist darauf hin, dass der Raum Stuttgart Anfang der 90er Jahre als ein Brückenkopf bei der Etablierung von Blood & Honour in der Bundesrepublik Deutschland diente; und der Rems-Murr-Kreis spielte auch damals schon eine wesentliche Rolle.

Ian Stuart war seinerzeit regelmäßig in Stuttgart im Szenetreff „Kolbstube“. Er schloss Bekanntschaft mit der 1987 gegründeten Rechtsrockgruppe „Noie Werte“, deren Mitglieder zum Teil im Rems-Murr-Kreis lebten oder noch leben. Die Noien Werte genossen ob ihrer Nähe zu Stuart Kultstatus und bereisten mit ihrem Ziehvater schon früh die neuen Bundesländer.

Im Juli 1993, auf einem Grillplatz bei der Waiblinger Wasserstubensiedlung, fand ein Konzert mit Ian Stuart statt – in der Begleitband spielte mindestens ein Musiker der Noien Werte mit. Auf der Bühne schrie Stuart „Fuck the Turks, fuck the Jews“ und „Nigger, nigger, go, go, go“. Das Konzert wurde szenelegendär, weil es der letzte Auftritt in Stuarts Leben war; er starb kurz darauf bei einem Unfall.

1998 rechnete das Landeskriminalamt Thüringen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die später als Nationalsozialistischer Untergrund Morde, Anschläge und Banküberfälle begingen, „zum harten Kern der „Blood & Honour“-Bewegung“ in Jena.

Zu ihrem Bekanntenkreis gehörte Jan W., Chef von Blood & Honour Sachsen – und ein Kumpel der Noien Werte. Der NSU verwendete später nach seinen ersten Morden zwei Lieder der Noien Werte als Soundtrack für ein Bekennervideo.


Blut und Ehre

Blood and Honour ist englisch und bedeutet übersetzt „Blut und Ehre“ – dieser Wahlspruch war in das Koppelschloss der Hitlerjugend geprägt und in die Klingen der HJ-Fahrtenmesser geätzt.