Rems-Murr-Kreis

Neue App, um E-Fahrzeuge auszuleihen: Ein Pilotprojekt des Zeitungsverlags Waiblingen und seinen Partnern

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Markus Graf (links) leitet beim Zeitungsverlag Waiblingen das Projekt E-Mobilität, für welches sich der Kernener FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann intensiv interessiert. © Benjamin Büttner

Vor jedem Haus steht eine Blechkarosse, die stinkt und CO2 produziert. Intelligent ist das nicht. Elektrisch betriebene Fahrzeuge haben zwar auch ihre Tücken. Doch formt man ein buntes Netzwerk aus modernen Autos, Lastenfahrrädern, Rollern und mehr, genutzt von vielen, könnte ein Schuh draus werden.

Markus Graf ist beim Zeitungsverlag Waiblingen für E-Mobilität zuständig. Vom Projekt, das er verantwortet, hörte der FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann aus Kernen, der auch verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion ist. Flugs eilte der Politiker ins Zeitungshaus, um zu erfragen: Was macht ihr da?

Zu Fuß checken, ob die Simulationen stimmen

Viel spazieren gehen. Markus Grafs Leute gehen tagsüber dort entlang, wo nachts Zeitungsausträger unterwegs sind. Sie checken, ob die Computersimulationen und die Realität übereinstimmen: Stoppen Treppen oder Pfosten ein Lastenrad final? Wie lange dauert’s, 250 Zeitungen auszutragen, sofern man an einer zentralen Stelle ein E-Fahrzeug leihen kann und die Zeitungspakete direkt neben dem Hub lagern?

„Hub“ – das Wort kommt Markus Graf leicht über die Lippen. In der Netzwerktechnik bezeichnen Hubs Geräte, die Netzknoten sternförmig verbinden. Im Mobilitätsprojekt, das Graf managt, bezeichnen Hubs schicke Garagen. Sie bieten Platz für E-Lastenräder, E-Fahrräder, E-Roller, Mini-E-Autos inklusive Ladesäulen. Nutzer buchen via App ein Fahrzeug, via App gelangen sie ins Hub, schließen ihr Fahrzeug auf – und ab geht die Post.

Zeitungen verteilen: Eine logistische Herausforderung

Klingt nett, ist aber nur ein kleiner Teil der Geschichte. Markus Graf schwebt ein etwas größerer Wurf vor, und der Zeitungsverlag Waiblingen mit seinen Partnern Stadtwerke Waiblingen und Stadt Waiblingen spielt dabei eine bedeutende Rolle. Das Wirtschaftsministerium fördert elektromobile Logistik in Klein- und Mittelstädten, und mit logistischen Meisterleistungen kennt sich jeder Zeitungsverlag aus. Mitten in der Nacht müssen zigtausende Zeitungen in zigtausende Briefkästen. Wohl dem, der als Austräger viele Hochhäuser in seinem Bezirk hat und dort gleich zehn Exemplare auf einen Rutsch loswerden kann.

Zusteller sind sehr gefragte Leute

Die Realität sieht anders aus. Erstens finden sowohl Verlage als auch die Post als auch sonstige Logistikunternehmen kaum Zusteller. Zweitens steigt die Zahl der Lieferungen jeglicher Art an Privathaushalte am laufenden Band an, während die Zahl der zu liefernden gedruckten Zeitungsexemplare langsam, aber stetig sinkt. Nötig sind, folgert Markus Graf, regionale Lösungen, die sowohl betriebswirtschaftlich als auch ökologisch Charme versprühen. All den vielen kleinen Teufelchen im Detail wird man jetzt zu Leibe rücken. Im Rems-Murr-Kreis macht man zuerst Nägel mit Köpfen: Bereits Anfang 2021 werden erste Test-Hubs installiert. Zunächst proben Projektverantwortliche in Hegnach, wie sich die nächtliche Zeitungsverteilung von E-Mobilität gestützt optimieren ließe. Niemand verliert deshalb seinen Job – Zusteller sind und bleiben höchst gefragte Leute.

Ein E-Lastenrad kann auch ohne Fahrer fahren

Sie könnten es bald zu nächtlicher Stunde komfortabler haben. Man stelle sich vor, ein Zusteller packt seine Zeitungspakete ins Lastenrad, und solange er von Briefkasten zu Briefkasten nur wenige Meter zu gehen hat, fährt das Rad selbstständig neben ihm her. Kein Witz. Machbar.

Vielleicht möchte ein Zusteller nicht nur nachts zwei Stunden Zeitungen in Briefkästen stecken, sondern lieber einen Vollzeitjob haben. Er oder sie könnte nach getaner Zeitungsverteilerei Post austragen. Wieder von E-Mobilität gestützt.

Unterdessen staubt das E-Lastenrad die längste Zeit des Tages faul vor sich hin? Mitnichten. „Teilen“ heißt das Zauberwort, das heißt, per App kann jeder ein E-Fahrzeug leihen und es nach Gebrauch in einem anderen Hub wieder abstellen. Firmen könnten sich einklinken, um ihre Beschäftigten mit attraktiven Mobilitätskonzepten zu locken. Die Post könnte sich einbringen und direkt neben den Hubs Packstationen errichten, worauf das Hub zum „Mobilitätstreffpunkt“ avanciert, wie Markus Graf sagt.

An die Wartung ist gedacht

Wird’s zu kompliziert, verlieren alle die Lust. Sämtliche Lösungen müssen deshalb in einer einzigen App gebündelt sein, und selbstverständlich läuft sich das Projekt schnell tot, sollten in den Hubs kaputte E-Fahrräder vor sich hinrosten. An die Wartung hat man selbstredend gedacht; auch hierfür hat Markus Graf bereits einen Partner an der Hand.

Allein gelingt niemandem der große Wurf, und „sharing“, also teilen, kristallisiert sich nicht erst seit gestern als zukunftsträchtiges Prinzip heraus. Die App ist fertig entwickelt, berichtet Markus Graf, und im neuen Jahr wird die Sache sehr viel konkreter. Von „enorm vielen Fördermöglichkeiten“ berichtet der Projektleiter, und auch dahingehend „beraten wir Städte und Gemeinden.“ Längst hat er seine Fühler weit über die Grenzen des Rems-Murr-Kreises hinaus ausgestreckt. Denn was man nun zwischen Alfdorf und Fellbach an Erkenntnissen gewinnt, soll alsbald nutzbringend vielen anderen zur Verfügung stehen. Der Landkreis eigne sich ganz besonders als Testgebiet, weil man dort den Probebetrieb sowohl in städtischen wie auch in ländlichen Gebieten angehen kann.

Unterdessen überwinden Zeitungsausträgerinnen und - austräger im Rems-Murr-Kreis, man höre und staune, jedes Jahr 8 640 000 Höhenmeter, sprich, sie klettern x Mal den Mount Everest hoch. Wie sich das Leben erleichtern ließe, sofern E-Mobilitätslösungen zum Einsatz kommen – das findet Markus Graf mit Team jetzt heraus.