Rems-Murr-Kreis

Notfallrettung wird deutlich ausgebaut

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Symbolbild. © Ramona Adolf
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Mehr Geld für die Notfallrettung (von links): Landrat Richard Sigel mit Eberhard Kraut, dem Vorsitzenden des Bereichsausschusses für den Rettungsdienst, und seinem Stellvertreter, DRK-Geschäftsführer Sven Knödler.

Welzheim/Waiblingen. Im Norden und Nordosten des Rems-Murr-Kreises lassen Rettungssanitäter und Notärzte oft lange auf sich warten. Zu lange. Deshalb wird der Notarztstandort Althütte aufgelöst und durch zwei Notärzte in Welzheim und Murrhardt ersetzt. Die Notfallrettung wird insgesamt deutlich ausgebaut: mehr Rettungswagen, mehr Notärzte, mehr Personal.

Ein Strukturgutachten hat die Mängel im Rettungsdienst im Rems-Murr-Kreis aufgedeckt und ein ganzes Bündel an Abhilfen vorgeschlagen. Auslöser für das Gutachten war, dass die Hilfsfristen seit 2015/16 gerissen werden. Laut Gesetz müssen Sanitäter und Notärzte in 95 Prozent der Einsätze innerhalb von 15 Minuten vor Ort sein. Der Rems-Murr-Kreis lag 2014 und 2015 vorbildlich über den 95 Prozent und hob sich positiv von vielen, vor allem ländlichen Landkreisen in Baden-Württemberg, aber auch der Landeshauptstadt Stuttgart ab.

Doch 2016 rutschte die Quote unter 95 Prozent und lag 2017 bei nur noch 92,5 Prozent. Kleine Veränderungen verpufften, wie die Stationierung eines Rettungswagens in Sulzbach an der Murr. Denn die Zahl der Einsätze steigt und steigt seit Jahren. Der Rettungsdienst wird immer öfters auch bei Bagatellen gerufen; und die Wege ins neue Klinikum in Winnenden sind nun mal weiter als einst in die Krankenhäuser in Backnang und Waiblingen, vom immer dichteren Verkehr und den Staus ganz abgesehen, in dem auch Rettungsfahrzeuge stecken.

Standorte von Rettungswagen und Notärzten im Kreis

Rettungskette funktioniert: „Man kann sich im Kreis sicher fühlen“

Der Bereichsausschuss für den Rettungsdienst hat eine gewaltige Ausweitung der Notfallrettung beschlossen. Dessen Vorsitzender, der AOK-Geschäftsführer Eberhard Kraut, und sein Stellvertreter, DRK-Geschäftsführer Sven Knödler, stellten mit Landrat Richard Sigel als Vertreter der Aufsichtsbehörde bei einem Pressegespräch die Vorhalteerweiterungen in der Notfallrettung vor. Mit Blick auf die gerissenen Hilfsfristen betonte Sven Knödler, dass diese zwar eine Planungsgröße seien, an die sich der Rettungsdienst halten müsse, aber kein Qualitätsindikator. „Man kann sich im Rems-Murr-Kreis sicher fühlen“, betonte Knödler. Sanitäter und Notärzte müssten nämlich nicht nur schnell vor Ort sein. Im Durchschnitt dauert dies rund acht Minuten. Wichtiger aber als pure Schnelligkeit sei die Rettungskette, die im Rems-Murr-Kreis hervorragend funktioniere, so Knödler. Zu der gehören Tausende „Helfer vor Ort“, die meist schon in vier Minuten am Unglücksort sind, das bundesweit einmalige Defi-Netz, in dem die öffentlich zugänglichen Defibrillatoren hinterlegt sind, oder die strukturierte Notrufabfrage bei der Integrierten Leitstelle. Die Einsatzleiter können den Anrufer beispielsweise bei einem Herzstillstand anleiten, wie ein Verunglückter reanimiert und damit vor Folgeschäden geschützt werden kann.

Gleichwohl aber gaben die verschlechterten Hilfsfristen klare Hinweise, wo und wie die Notfallrettung verbessert werden muss. Die Maßnahmen im Einzelnen:

  • Das Budget des Rettungsdienstes (2018: 14,9 Millionen Euro) wird um vier Millionen Euro erhöht.
  • Das Rote Kreuz erweitert die Integrierte Leitstelle in Waiblingen um neun Vollzeitstellen.
  • Insgesamt werden fünfeinhalb neue Rettungswagen gekauft und 55 Sanitäter neu eingestellt. Von der Zahl der sogenannten Vorhaltestunden bedeutet dies eine Ausweitung der Notfallrettung um mehr als ein Drittel.

Sigel: „Das Geld ist da“ 

„Das Geld ist da“, hob Landrat Richard Sigel hervor. Wie schnell die Stellen jetzt besetzt werden können, ist in Anbetracht des Personalmangels nicht nur bei Sanitätern, sondern in der ganzen medizinischen und pflegerischen Branche eine andere Frage. Und das Monopol des Deutschen Roten Kreuzes in der Notfallrettung bröckelt weiter, nachdem schon die Rettungswache in Sulzbach vor ein paar Jahren vom Malteser Hilfsdienst übernommen wurde. Die Malteser betreiben künftig gemeinsam mit dem DRK auch den neuen Notarztwagen am Klinikum Winnenden; die Johanniter-Unfallhilfe kommt bei den Erweiterungen in Schondorf und Backnang zum Zug und das Arbeitersamariterbund in Waiblingen.

Schon vor Jahren war ein Notarzt in Althütte stationiert worden, um im Nordosten des Kreises schneller vor Ort sein zu können. Doch ein Notarzt war nicht genug. Künftig sollen zwei Notärzte in Murrhardt und Welzheim rund um die Uhr den Raum besser abdecken. Dafür muss die Rettungswache in Welzheim aufgerüstet werden. Es gibt dort derzeit weder Aufenthalts- und Schlafräume für den Notarzt noch eine Garage für sein Fahrzeug.

Die Notfallrettung im Rems-Murr-Kreis

Vor zehn Jahren war der Schock groß: Die Notfallrettung im Rems-Murr-Kreis wies gewaltige Lücken auf. Gerade im Norden und Nordosten kamen Sanitäter und Notärzte viel zu oft zu spät. Im Jahr 2008 war der Notarzt in Welzheim bei 175 Einsätzen nur 50-mal pünktlich am Unfallort. In Murrhardt kam er bei 140 von 193 Einsätzen zu spät. Pünktlich heißt spätestens 15 Minuten nach der Alarmierung.

Eine der ersten Maßnahmen gegen die Nöte in der Notfallrettung war seinerzeit, einen Notarzt in Althütte zu stationieren. Es war der Beginn von einer Reihe von Verbesserungen im Rettungsdienst. Dazu gehörten optimierte Abläufe zwischen Rettungsdienst und Klinikum in der Notaufnahme und schnellere Übergabezeiten. Doch angesichts steigender Einsätze sind diese allesamt verpufft, worauf die schlechter werdenden Hilfsfristen hindeuten. 2017 lag die Quote bei Notärzten und Rettungswagen nur noch bei 92,5 Prozent. Im Durchschnitt waren Sanitäter nach 7.48 Minuten am Unfallort und der Notarzt nach 8.30 Uhr.

„Die Einhaltung der Hilfsfristen brennt den Menschen seit Jahren unter den Nägeln“, sagte Landrat Richard Sigel am Mittwoch bei einem Pressegespräch. „Wir haben dem Thema höchste Priorität eingeräumt.“ Anbetrachts des Personalmangels rechnet der Bereichsausschuss für das Rettungswesen jedoch mit zwei bis drei Jahren, bis die nun beschlossenen Maßnahmen umgesetzt sind.