Rems-Murr-Kreis

Nur chillen ist auch keine Lösung

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Bei den Vielfalt-Games - eine Veranstaltung der Reihe „Vielfalt tut gut im Oberen Murr- und Rottal“ - Mitte August konnten die Jugendlichen auch ungewöhnliche Sportarten wie Bubble-Soccer ausprobieren. Generell ist Sporttreiben ein wichtiges Thema für die jungen Murrhardter. © Jörg Fiedler
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Sozialarbeiterin des Projekts Brückenschlag - Tatjana Riekert
Tatjana Riekert. © Jörg Fiedler

Murrhardt. Über zu wenig Sonne und mieses Freibadwetter kann man sich diesen Sommer wirklich nicht beklagen. Auch für die Jugendlichen in Murrhardt bedeutet das, dass sich das Leben in der Regel draußen abspielt. Wer nicht mit der Familie in die Ferien fährt, hat immer noch das Schwimmbad im Trauzenbachtal oder den Waldsee. Tatjana Riekert vom Projekt Brückenschlag hört sich aber auch schon für die Nachurlaubssaison bei den jungen Leuten in Murrhardt um, was es an Wünschen für gemeinsame, künftige Aktivitäten gibt.

Tatjana Riekert vom Projekt Brückenschlag, das städtisches Streetwork und kirchliche Jugendarbeit gleichermaßen berücksichtigt, geht auf Jugendliche in Murrhardt zu, um zu erfahren, was sie zurzeit in ihrer Freizeit machen und was sie sich in Zukunft wünschen. Um die Sache konkreter zu fassen, möchte sie auch wissen, wie sie sich selbst einbringen können und ob spontane, flexible oder regelmäßige Angebote auf die Liste zu setzen sind. Wöchentliche Treffen kann sie sich genauso gut vorstellen wie einmalige Aktionen. Bereits jetzt kristallisiert sich bei ihrer kleinen Umfrage heraus: „Die meisten möchten Sport machen“, sagt die Sozialarbeiterin. Nicht unbedingt Fußball, ein neuer Trend und Wunsch sei das Trainieren mit dem eigenen Körpergewicht. „Danach ist man fertig, aber auch glücklich“, erzählt Tatjana Riekert, die einen Trainerschein mitbringt und insofern auch professionelle Anstöße beziehungsweise Anleitung geben kann.

Sinnvolle Aktionen müssen von den Jugendlichen selbst ausgehen

„Freizeitgestaltung ohne Verein ist gar nicht so einfach“, sagt sie. Aber da die meisten auch nicht ins Fitnessstudio gehen können oder wollen, liegt es bei ihnen, aktiv zu werden und sich gemeinsam zu verabreden. Voraussetzung: „Das muss schon von den Jugendlichen selbst ausgehen.“ Auch wenn der Stadtgarten ein beliebter Aufenthaltsort ist, denkt die Sozialarbeiterin, dass er für eine gemeinsame Trainingseinheit zu wenig intim ist, sich aber ein anderes Plätzchen finden lassen müsste.

Auch das klassische Chillen, also das Sich-Entspannen und Nichtstun, findet im Sommer vor allem draußen statt, und so taucht auf der Wunschliste auch ein kostenloser, freier WLAN-Zugang als Punkt auf. Wie einfach war und ist es eigentlich, die Jugendlichen als Streetworkerin anzusprechen? Für Tatjana Riekert, die ihre regelmäßigen Runden nach ihrem Start im Spätherbst 2017 aufgenommen hat, funktioniert das relativ gut. „Das war für mich ja eine der größten Fragen, wie ich mit verschiedenen Gruppen und auch als Frau mit den Jungs in Kontakt kommen würde.“

Offensiv und ehrlich

Mit den meisten sei das gut angelaufen und in den Begegnungen ein nettes „Hallo“ eine mutmachende Ausgangsbasis. „Ich gehe auf die Leute zu, wenn ich aber merke, sie wollen ihre Ruhe, ziehe ich mich wieder zurück.“ Gibt es eine Art Grundregel oder Geheimrezept? „Ich glaube, es ist wichtig, offensiv, aber auch ehrlich zu sein, also so, wie man wirklich ist, und nicht rumzudrucksen“, sagt Tatjana Riekert. Ein Vorteil sei, dass sie einzelne Jugendliche auch von anderen Angeboten wie beispielsweise „Arche kickt“ (offenes Fußballspielen) oder Aktionen wie der Mädchenzeit im Jugendzentrum kennt, zu der es im Herbst ein Pendant für Jungs geben wird.

Bei den Begegnungen hat es sich schon ergeben, dass sie ein bisschen mit den Jugendlichen zusammen gekickt hat. Ein anderes Angebot, das Tatjana Riekert manchmal spontan macht und im Rucksack dabei hat, ist Wikingerschach - ein Geschicklichkeitsspiel, das in der Regel draußen ausgefochten wird. Es treten zwei Gruppen gegeneinander an, die jeweils für ihren König (Holzfigur) kämpfen und versuchen, die gegnerischen Holzklötze umzuwerfen.

Jenseits von Urlaubszeit und Freizeitprojekten spielen logischerweise weitere Themen wie der Übergang von der Schule zum Beruf, Bewerbung, Einzelfallhilfe, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit eine wichtige Rolle. Das heißt, Tatjana Riekert gibt Tipps fürs Vorstellungsgespräch oder zu Online-Tests, die heute oft Teil eines Bewerbungsverfahrens sind. Ebenso muss die Sozialarbeiterin Zeit für die Aktionen im Rahmen der Reihe „Vielfalt tut gut im Oberen Murr- und Rottal“ sowie des Jugendforums (Bau von Liegestühlen fürs Freibad) einplanen.

Jugendarbeit der Kirchengemeinden hat sich positiv entwickelt

Gut entwickelt hat sich ihrer Einschätzung nach auch die Jugendarbeit für die evangelischen Kirchengemeinden Murrhardt, Fornsbach und Kirchenkirnberg. In der Kernstadt hieß es, die Jungschar zu reaktivieren, in Fornsbach für die Jungschar ein neues Betreuerteam aufzubauen. Höhepunkt für beide Gruppen war jeweils ein gemeinsamer Tag mit Spielen, Bastel- und Kochangeboten, Fackelwanderung und Übernachtung. Die Jugendlichen in Kirchenkirnberg haben ihr Abenteuer noch vor sich - es findet im Herbst statt. Zudem gibt es einiges an Extras, wie das Jugendcafé für Konfirmanden, den Mitarbeiterstammtisch für Ehrenamtliche sowie Einzelaktionen wie den Kinderbibeltag.

Tatjana Riekert arbeitet gerne beim Projekt Brückenschlag, für das sich die drei Partner Paulinenpflege Winnenden, die Stadt Murrhardt sowie die evangelischen Kirchengemeinden Murrhardt, Fornsbach und Kirchenkirnberg zusammengetan haben. So fällt ihre erste Bilanz positiv aus. Mitgeholfen haben dabei auch die Kooperationspartner wie das Evangelische Jugendwerk, Arche, Jugendzentrum, der Kreisjugendring oder der Arbeitskreis mobile Jugendarbeit. „Vieles wäre ohne die Netzwerkpartner auch gar nicht möglich“, sagt sie.

Work-Life-Balance

Was hat ihr bisher noch geholfen? „Nicht abwarten, sondern auf die Leute zugehen und direkt sein.“ Das schließt auch ein Neinsagen mit ein. Es funktioniert auf Dauer nicht, sich mit Terminen zu überladen, was bedeutet, auch mal die eine oder andere kurzfristige Anfrage ablehnen zu müssen. Auch für Tatjana Riekert heißt es, ihre Work-Life-Balance im Blick zu behalten. „Das hat sich aber gut eingespielt.“ Auch ihr hilft der Sport und ein Sich-Auspowern - sie hat neben allgemeinem Fitnesstraining das Gewichtheben für sich entdeckt.

Insgesamt sagt sie: „Ich bin im Job angekommen und fühle mich in Murrhardt total wohl.“

Brückenschlag

Im Juli 2010 wurde der Grundstein für das Projekt „Brückenschlag“ gelegt. Gemeinsam mit den drei evangelischen Kirchengemeinden in Murrhardt, Fornsbach und Kirchenkirnberg und der Paulinenpflege Winnenden bietet die Stadt Murrhardt seither diese offene Jugendhilfe an.

Der Name „Brückenschlag“ ist Programm: Gerade die Querverbindungen zwischen kirchlicher Jugendarbeit und kommunaler Sozialarbeit bergen große Chancen für beide Seiten.

Die Arbeit umfasst Streetwork, Cliquenarbeit sowie Einzelfallhilfen bei Problemen mit Schule, Gewalt oder Drogen sowie die Interessenvertretung ausgegrenzter oder von der Ausgrenzung bedrohter Jugendlicher und die Vernetzung verschiedenster Institutionen.

Außerdem ist Rückert Ansprechpartner für die Stadt Murrhardt in Fragen der Jugendarbeit. Unter anderem erfolgt eine Kooperation mit dem Jugendzentrum, der Arche sowie der Schulsozialarbeit.