Rems-Murr-Kreis

Pflegepersonal an der Belastungsgrenze

Pflegepersonal an der Belastungsgrenze_0
Pflege im Krankenhaus: Angesichts der Personalsituation eine herausfordernde Aufgabe. Dieses Foto entstand nicht im Rems-Murr-Kreis, sondern in einem französischen Krankenhaus mit ausdrücklicher Einwilligung von Krankenschwestern wie Patient. © Chassenet/BSIP

Winnenden. „Niemand kann behaupten, dieses Haus mache schlechte Medizin – es geht uns um die Arbeitssituation in der Pflege“: Immer wieder erreichen uns solche Zurufe aus dem Klinikum Winnenden. Die Lage ist angespannt; aber letztlich wohl schlicht ein Spiegel der Verhältnisse in der ganzen Republik.

Du hechelst, um hier Tabletten abzuzählen, da eine Infusion anzuhängen, dort Insulin zu spritzen; und jetzt, denkst du, schnell Windeln wechseln auf Zimmer X und endlich den Neuzugang auf Zimmer Y dokumentieren – als dich auf dem Flur ein aufgelöster Angehöriger stellt. Er löchert dich mit Fragen und will unbedingt einen Arzt sprechen, du beschwichtigst, hörst zu, erklärst; bis das Telefon klingelt. Während du zum Hörer hastest, passt dich ein weiterer Angehöriger ab, er hat sich verlaufen und sucht Station XY. Oh je, denkst du, während du den Weg erklärst, eigentlich solltest du längst mit der Essensausteilung beginnen. Und da vorne einen Urinbeutel leeren. Und dort hinten eine Thrombose-Spritze setzen. Wenigstens, seufzt du, ist es heute beim Ziehen von Venenkanülen zu keiner Nachblutung gekommen, und der demente Patient auf Zimmer Z ist nicht stuhlverschmiert.

Alltag in deutschen Kliniken, Alltag auch in Winnenden: Solche Schilderungen hören wir von der Zeitung immer wieder. Wir haben Einschätzungen dazu eingeholt: fünf Thesen zum Pflegenotstand.


These 1: Die Stimmung unter den Pflegekräften ist schlecht, viele sind an der Belastungsgrenze.


Manchmal, berichtet eine Rems-Murr-Pflegekraft, „wissen Sie nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht“. So sei die Arbeit „nicht mehr gut zu machen. Weder für die Patienten. Noch für einen selbst.“

Der Betriebsrat: Ja, in den Rems-Murr-Kliniken „ist die Situation unserer Pflegekräfte nicht zufriedenstellend, sie sind aufgrund der hohen Patientenzahlen einer starken Belastung ausgesetzt. Die Belastungsgrenze ist bei vielen erreicht.“ Allerdings sei „dies kein isoliertes“ Rems-Murr-Problem, „sondern ein bundesweites. Der Betriebsrat hat in den letzten Jahren mehrfach Politiker zu diesem Thema angeschrieben. Antworten stehen bis heute aus.“

 „In deutschen Kliniken fehlen laut Studien 100 000 Pflegekräfte.“ Zitat aus „Notstand im Krankenhaus“ auf www.ndr.de 

Die Klinikleitung: „Auch in den Rems-Murr-Kliniken ist die Situation nicht überall zufriedenstellend“. Aber: Die „Stimmung unter den Pflegekräften“ sei nicht „grundsätzlich schlecht“, die „Mehrheit“ sei „motiviert und macht gerne ihre Arbeit“. Es gebe alle drei Jahre eine aufwendige Mitarbeiterbefragung. „Aus den Ergebnissen haben wir Dialogformate mit unseren Pflegekräften angestoßen, um Arbeitsbedingungen, Prozesse, Strukturen weiter zu verbessern.“ Der Betriebsrat: „Die aus der letzten Mitarbeiterbefragung abgeleiteten Maßnahmen führten, unserer Meinung nach, nicht zu dem gewünschten Erfolg.“

Eine Studie der Technischen Universität Berlin beleuchtete 2015 die „Situation der stationären Krankenpflege in Deutschland“. 46 Prozent der Befragten erklärten, sie seien „mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden“. 87 Prozent gaben an, sie seien zu wenige, um eine gute Pflege zu gewährleisten. 15 Prozent warnten, die Qualität sei aufgrund der Belastung so schlecht, dass die Patientensicherheit fraglich sei.

Die Klinikleitung: Manches „können wir leider nicht alleine ändern: Der Fachkräftemangel in der Pflege ist nach wie vor ein bundesweites Thema.“


These 2: Eine Pflegefachkraft für zehn, 15, 20 Patienten – das ist Alltag in Deutschland wie in Winnenden.


Manchmal, erzählen Winnender Pflegekräfte, seien sie auf einer Station mit 30 Betten in der Spätschicht zu zweit. Es komme vor, dass man wegen eines krankheitsbedingten Ausfalls „ad hoc nachts“ auf einer fremden Station ran müsse mit lauter Patienten, „die Sie nicht kennen“, darunter „schwerst Pflegebedürftige. Das ist keine Pflege mehr, das ist Schadensbegrenzung.“

Der Betriebsrat: „Diese Situation ist politisch gewünscht, und mehr ist auch nicht refinanzierbar. Allerdings muss man festhalten, dass mittlerweile vielschichtige Arbeitsplätze entstanden sind, die zur Unterstützung der examinierten Pflegekräfte eingesetzt werden.“

2017 befasste sich eine von der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung finanzierte Studie mit staatlichen Vorgaben zur Personalausstattung an Krankenhäusern: Während sich in Deutschland „im Schnitt eine Pflegekraft um 13 Patienten“ kümmere, betrage das Verhältnis in Schweiz, Schweden oder Niederlanden eins zu sieben oder acht. Beim Nachtdienst erbrachten bundesweite Stichproben, dass „eins zu 19“ nicht selten sei – und in deutschen Einzelfällen habe der Personalschlüssel bei bis eins zu 30 gelegen.

Die Klinikleitung: „Unser Stellenplan orientiert sich an der durch das Krankenhausfinanzierungssystem vorgegebenen Refinanzierung.“ Helfen würden eine „Finanzierung zusätzlicher Pflegestellen durch die Krankenkassen, zusätzliche Vorgaben für Mindestpersonalstärken, bessere Bezahlung und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen“. Allerdings dürften „bei der Bewertung der Personalsituation nicht nur examinierte Pflegekräfte berücksichtigt werden“ – in den Rems-Mur-Kliniken gebe es dazu „Stationssekretärinnen, Mitarbeiter bei der Medikationsbereitstellung, Krankenpflegehelfer, Pflegeassistenten, Anerkennungspraktikanten, Servicemitarbeiter und Patientenbegleitdienst“.


These 3: Servicepersonal hilft – wenn es genug gibt zu jeder Zeit.


„Jede Person, die zwei Hände, zwei Beine und einen Kopf hat“, bestätigen Winnender Pflegekräfte, „ist hilfreich“: Stationssekretärinnen, die Telefondienst machen und Verwaltungsarbeit übernehmen; Servicekräfte, die sich um die Essensausgabe kümmern; Patientenbegleitdienst, der Krankentransporte im Haus organisiert. Nur: „Die Sekretärin geht um halb vier – danach klingelt dauernd das Telefon“; die Servicekräfte seien meist nur im Frühdienst im Einsatz – in der Spätschicht werde es bitter; und der Transportdienst schaffe nur werktags.

Der Betriebsrat: Der Einsatz der Servicekräfte sei „vor allem am Wochenende verbesserungswürdig“. Auch die Stationssekretärinnen könnten „leider nicht im gewünschten Umfang eingesetzt werden“. Und „der fehlende Patientenbegleitdienst am Wochenende ist ein großes Problem“. Der Betriebsrat habe schon oft „auf diese Problematik hingewiesen“. Die Klinikleitung: „Die Servicekräfte werden bis Ende des Jahres aufgestockt“, ihr Einsatz am Wochenende „wird dann nach und nach ausgebaut“. Ob künftig Servicekräfte „auch in der Spätschicht eingesetzt werden“, werde „nach Rücksprache mit dem jeweiligen Bereich festgelegt“. Stationssekretärinnen seien von Montag bis Freitag im Einsatz, weil an diesen Tagen „erfahrungsgemäß die meiste Arbeit“ anfalle – ein Einsatz am Wochenende sei aber „in Ausnahmefällen“ möglich. Die Arbeitszeiten des Patientenbegleitdienstes seien bereits „werktags bis 20 Uhr verlängert“ worden. Eine Ausweitung aufs Wochenende ist aktuell offenbar nicht geplant.

Immer, klagen Winnender Pflegekräfte, habe die Komfortstation für Privatpatienten „Vorrang“ – bisweilen würden selbst aus krankheitsbedingt unterbesetzten Stationen Servicekräfte dorthin abgezogen.

Die Klinikleitung: Auf der Komfortstation „ist der Einsatz von Servicekräften für die Leistungsabrechnung mit den Krankenversicherungen vorgegeben und wird daher refinanziert“. Deshalb sind „25 Prozent aller Servicekräfte dauerhaft“ auf der Privatstation im Einsatz.


These 4: Die Fluktuation beim Pflegepersonal ist hoch, die Beschäftigten ächzen unter Überstunden.


Sie und ihre drei, vier engsten Kolleginnen, erzählt eine Pflegekraft aus Winnenden, kämen zusammen auf 300 Überstunden. Jüngere, die hochmotiviert in den Beruf eingestiegen seien, sagten „nach ein, zwei Jahren: So geht’s nicht weiter.“

Der Betriebsrat: „Fluktuation und Abwanderung aus dem Pflegeberuf ist ein generelles Problem. Die Rems-Murr-Kliniken haben es bisher noch nicht geschafft, dieses zu durchbrechen.“

Eine Studie der Technischen Universität Berlin zur „Situation der stationären Krankenpflege in Deutschland“ erbrachte 2015: 40 Prozent der Befragten erwogen, innerhalb des nächsten Jahres den Arbeitsplatz zu wechseln; wobei die eine Hälfte in ein anderes Krankenhaus oder in die Altenpflege wollte – und die andere Hälfte ganz raus aus der Pflegebranche.

Die Klinikleitung: Die Fluktuationsquote in den Rems-Murr-Kliniken sei „rückläufig“ und liege im Pflege- und Funktionsdienst „nur leicht“ über der Benchmark der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft. „In der Hochrechnung für 2018 liegen wir bei 10,1 Prozent“ – gegenüber 16,4 Prozent 2017. Ziel sei es, „die Fluktuationsrate weiter zu verringern“.

Die Gewerkschaft Verdi schätzte im Frühjahr 2018: Das deutsche Klinikpersonal habe mehr als 35 Millionen Überstunden.

Der Betriebsrat: „Im Pflege- und Funktionsdienst der Rems-Murr-Kliniken“ seien zum Stichtag 31. August 2018 insgesamt 46 000 Überstunden aufgelaufen.

Die Klinikleitung: 46 000 – damit bewege sich die Überstundenzahl pro Mitarbeiter „im mittleren zweistelligen Bereich“. Ende 2017, also ein halbes Jahr vorher, lag der Wert noch „bei circa 55 700 Stunden“. Die Mehrarbeit an den Rems-Murr-Kliniken sei damit „rückläufig“. Zu tun habe das auch mit der Vorgeschichte des Winnender Klinikums: Als die Häuser Backnang und Waiblingen zusammengelegt wurden, seien mitgebrachte Überstunden „vollständig“ übernommen worden. „Diese Altlasten werden immer noch abgebaut.“


These 5: Der Pflegenotstand zehrt an der Gesundheit der Pflegenden.


Pflegekräfte, erzählen uns Winnender Anrufer, seien in aller Regel „sehr motiviert, engagiert“ und auch „leidensbereit“. Aber im Alltag müsse man lernen, „dass einem vieles egal zu sein hat. Früher hat man Patienten versorgt, heute hakt man sie ab.“ Nackenschmerzen, Rückenleiden, psychosomatische Beschwerden, drohender Burn-out – damit hätten viele zu kämpfen.

Der Betriebsrat: „In einer angespannten Personalsituation“, wie sie in der Pflege herrsche, „ist jeder erhöhte Krankheitsausfall ein großes Problem. Derzeit erarbeitet der Betriebsrat gemeinsam mit der Geschäftsführung an einem Ausfallmanagement, um die Situation zu verbessern.“

Die Überlastung führt nach Ansicht des Deutschen Pflegerats zu emotionaler Erschöpfung. Manche Pflegende fallen wegen Burn-out aus. Andere leiden unter dem Gegenteil, dem sogenannten „Cool-out“: Sie lassen, um sich zu schützen, die Nöte der Patienten nicht mehr an sich heran.

Die Klinikleitung: Im Pflege- und Funktionsdienst liege die Krankheitsquote in den Rems-Murr-Kliniken 2017 und 2018 „unverändert bei 4,4 Prozent“. Es gebe zwar einzelne Stationen „mit erhöhter Krankheitsquote“ – dieses Phänomen sei aber „seit Februar/März wieder auf dem Rückgang“; geholfen habe unter anderem ein „betriebliches Konfliktmanagement, das von externen Mediatoren begleitet wird“.

Die „Ärztezeitung“ berichtete bereits 2014: „Die Beschäftigten im Gesundheitswesen nehmen seit Jahren einen Spitzenplatz in den Fehlzeiten-Statistiken ein. Ihre Krankenstands-Rate liege aktuell bei 4,6 Prozent und damit „deutlich über jenen 3,3 Prozent bei Banken oder 3,1 Prozent bei Bildung und Kultur“.


Zu den Antworten

Wir haben zur Pflegesituation in Winnenden sowohl dem Betriebsrat als auch der Klinikleitung einen Fragenkatalog zugesandt. Beide Institutionen waren offen für unser Recherche-Anliegen und haben uns ausführliche, mehrere Seiten umfassende Stellungnahmen zugesandt, aus denen wir auf dieser Seite zitieren.

Die Antworten der Klinikleitung haben Dr. Marc Nickel (Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken), Claudia Bauer-Rabe (Klinikleiterin in Winnenden) und Matthias Haller (Pflegedienstleiter in Winnenden) verfasst.

Ein Schlaglicht

Mitte September hat in einer Göppinger Klinik eine als „sehr erfahren und wertgeschätzt “ geltende Krankenschwester offenbar sechs Patienten versehentlich statt einer harmlosen Kochsalzlösung eine Infusion mit einem Betäubungsmittel gegeben, das nicht intravenös verabreicht werden darf. Eine 62-Jährige und ein 78-Jähriger starben. Die Kripo ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Noch ist der Fall nicht ausrecherchiert – Experten warnen allerdings seit Jahren: Die angespannte Personalsituation der Pflege erhöhe die Fehlergefahr.