Rems-Murr-Kreis

Politischer Aschermittwoch der CDU in Fellbach

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Günther Oettinger in Fellbach. © Ramona Adolf
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Beifall und Bier, Wimpel und Wein: Der politische Aschermittwoch der CDU in Fellbach.
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Ein glühendes Plädoyer für Europa hielt Günther Oettinger in Fellbach. © Benjamin Büttner

Fellbach. Würde er, wie er’s bisweilen schwungvoll tut, mal wieder in den Fettnapf hechten? Nichts da, EU-Kommissar Günther Oettinger hielt beim politischen Aschermittwoch der CDU in Fellbach eine schwungvolle Europa-Ruckrede. Nur um die U-Frage und die Rolle von Herrn O. lavierte er herum.

Und wenn diese Landespartei auch 364 Tage an Identitätskrisen leiden mag, mit Merkel hadert, Merz hinterherträumt und schwer am demütigenden Juniorchefjoch unter Kretschmann trägt – einmal im Jahr ist die Welt in Ordnung bei der baden-württembergischen CDU, dann feiern sie eine Selbstvergewisserungsmesse im hölzernen Weindom, ein „Mir sen halt mir“-Hochamt mit Spielmannszug-Tschinderassa und Wimpeln: politischer Aschermittwoch in Fellbach, 1500 Leute in der Alten Kelter. Hauptredner diesmal: Günther Oettinger, EU-Kommissar für Haushalt und Personal.

Wird der Humorbegabte sich, wie’s ihm gern mal widerfährt, wenn er sich wohlfühlt unter Vertrauten, davontragen lassen zu arg kühnen Witzen? Einmal hat er einen Bekannten zu dessen Geburtstag als „württembergischen Meister im Seitensprung“ gepriesen, einmal die Chinesen als „Schlitzohren und Schlitzaugen“ bezeichnet. Aber nein, in Fellbach tritt er in keinen Fettnapf, er fühlt nur zwei-, dreimal kokett mit dem großen Zeh die Fritteusentemperatur.

Man habe ihm vorher gesagt, welche Klippen er umschiffen solle: Zum Beispiel möge er, weil der Karnevalist Bernd Stelter sich neulich in Köln mit ödem Kramp-Karrenbauer-Gespöttel blamierte, bitte „keine Doppelnamen erwähnen . . . Annette, grüß Gott!“ Das in Richtung Widmann-Mauz, Chefin der Frauen-Union. Was aber die Europa-Parlamentarierin Ingeborg Gräßle betrifft: Die sei zwar „nicht pflegeleicht, als Ehefrau hätte ich sie maximal als Ergänzungsspielerin bevorzugt“ – aber, „hammerhart: Die liest Unterlagen! Und spricht fünf Sprachen. Fünf!“ Er selber kann bloß schwäbisch und Spurenelemente von Englisch. So viel zu Oettinger, dem Frauenversteher – den Kern seiner Rede aber bildet Europa, und da glüht der Mann.

Europa und seine Gegner: Salvini, Wilders, Le Pen und  . . .

Europa, das sind „unabhängige Gerichte, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, liberale Gesellschaft, parlamentarische Demokratie, soziale Marktwirtschaft, Freiheit, Freizügigkeit und Toleranz“ – und wenn uns diese „Werteordnung erhaltenswert erscheint“, dann „müssen wir endlich dafür kämpfen! Wir müssen kämpfen, denn andere wollen Europa zerstören“, von Salvini, Italien, über Wilders, Belgien, bis Le Pen, Frankreich.

Einen Namen, ein Land nennt Oettinger nicht; einen Mann, der von der „illiberalen Demokratie“ schwärmt, Richter kujoniert, die Presse knebelt und mit einer antisemitisch-verschwörungstheoretischen, einen dämlich grinsenden Jean-Claude Juncker und einen dämonisch grinsenden George Soros ausstellenden Plakatkampagne gegen Europa hetzt: Kann die CDU eigentlich auf Dauer noch den Ungarn Victor Orban und seine Partei Fidesz in der EVP ertragen, der Europäischen Volkspartei, der bürgerlich-konservativen Kontinental-Familie?

Beim Pressefrühstück vor dem Auftritt im Saal wurde er von den Journalisten dazu gelöchert – und ging, ganz diplomatischer EU-Kommissar, wie auf Eiern. Das Wahlprogramm der EVP, sagte er, werde „in diese Tagen erarbeitet“, Stichworte wie „Rechtsstaatlichkeit“ und „liberale Gesellschaft“ werden darin „mit Sicherheit stehen“ – und dann sei Orban „eingeladen“ sich dazu zu bekennen. Und wenn nicht? Das Wahlprogramm werde „ein Prüfstein für Fidesz“, so viel immerhin war Oettinger zu entlocken, und auch dies: Orbans Plakatkampagne sei „in keiner Form akzeptabel“.

Nationalistische Abschottung nennt Oettinger „gaga“

Dass ihm Orbans autoritäre Nationaltümelei und Abschottungsrhetorik zuwider sein muss, wird dennoch überdeutlich bei der Rede vor dem großen Publikum. Württemberg: Einst war diese Gegend bettelarm, ein „Auswanderungsland“. Bis „nach Aserbaidschan“ zogen die Hungernden auf der Suche nach einer Zukunft. Und heute? Ist Baden-Württemberg ein Land, „in das die Menschen strömen. Wir haben unser Glück gefunden durch ein Europa, das keine Grenzen mehr kennt“, exportieren „mehr Autos“, als auf unsere Straßen passen, stellen „viel mehr Pillen her, als der BadenWürttemberger schlucken kann“: Wohlstand, Arbeit, Erfolge dank dem „europäische Binnenmarkt“.

Zurück zu „nationalen Gebietsgrenzen“? Das wäre doch „gaga!“

Wenn Jung-Günther einst als abenteuerlustiger Kerl in Urlaub fuhr, „habe ich in Bregenz D-Mark in Öschis umgetauscht“, sprich Schilling, „am Brenner Öschis in Lira“ und auf dem Rückweg erst „Rest-Lira in Rest-Öschis“ und schließlich „Rest-Öschis in Stroh-Rum“. Wer damals oft verreiste, brauchte mehrere Portemonnaies für all das Kleingeld-Chaos. Heute haben wir den Euro. „Verlierer: die Geldbeutel-Industrie. Gewinner: wir Europäer.“

Bei „allem Respekt“: In Baden-Württemberg und Bayern zusammen „leben weniger Menschen als in Shanghai. Wenn wir in der Welt bemerkbar bleiben wollen“, schaffen wir das nur „als Europäer“.


Klatsch und Tratsch

Günther Oettinger über die CSU: Markus Söder habe sich neu erfunden, proeuropäischer, rhetorisch gemäßigter, „er macht ’nen guten Job. Und Dobrindt ist nicht mehr sichtbar – auch nicht schlecht.“

Über Kretschmann: „Er ist mein Freund. Er schwebt über allem. Macht wenig und deswegen wenig falsch. Ich mag ihn sehr.“ Nach der nächsten Landtagswahl werde die CDU ihm hoffentlich hinterdreinrufen dürfen: „Vielen Dank, Winfried, und tschüss!“

Über den Zeitenwandel: Der alte CDU-Weggefährte Thomas Strobl sei „grauer“ geworden, Wolfgang Reinhart hingegen (der als Strobls innerparteilicher Widersacher gilt) „noch immer schwarzhaarig. Erstaunlich!“

Über die Landesregierung ab 2021: „Schwarz-Grün wäre die gute Antwort auf Grün-Schwarz. Ich habe das schon 2006 gewollt“, aber damals habe es Widerstand „aus Pforzheim“ gegeben. Eine Anspielung auf Stefan Mappus: Der damalige CDU-Fraktionschef soll das Projekt sabotiert haben.