Rems-Murr-Kreis

Prostitution: Ein Beruf wie jeder andere?

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Symbolbild. © Alexander Roth

Waiblingen. Das relativ neue Prostituiertenschutzgesetz wirkt als „Existenzvernichtungsprogramm“: Diese Position vertritt der Verein Dona Carmen, der sich als Selbsthilfeorganisation für Sexarbeiterinnen versteht und „Rechte statt Razzien“ für Prostituierte fordert.



Nicht ein gutes Haar lässt der Verein am neuen Gesetz: Es schütze Prostituierte mitnichten, schimpft Dona Carmen. Der Verein möchte Sexarbeiterinnen rechtlich gleich behandelt sehen mit anderen Erwerbstätigen. Stattdessen sähen sich sowohl Prostituierte als auch Betreiber von Prostitutionsstätten einer Vielzahl von Repressionen ausgesetzt. Bordelle unterliegen einer Erlaubnispflicht, Prostituierte müssen sich anmelden und eine Gesundheitsberatung durchlaufen – das und noch einiges mehr sieht das Schutzgesetz vor. Fazit des Vereins Dona Carmen: Das Gesetz „zielt auf eine massive Entrechtung von Sexarbeiter/-innen und eine polizeiliche Reglementierung der Prostitution wie zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs. Nur die Mittel der Überwachung sind modernisiert.“ Aus Sicht des Vereins ist Prostitution eine Form der sexuellen Selbstbestimmung, die es zu respektieren gelte.

Der Staat lässt zu, dass die Sexindustrie die Frauen „zermalmt“

Das klingt befremdlich nicht nur für jeden, der sich mit Themen wie Zwangsprostitution und Menschenhandel befasst. Laut Bundesfamilienministerium soll das Gesetz helfen, „gefährliche Erscheinungsformen der Prostitution zu verdrängen und Kriminalität in der Prostitution wie Menschenhandel, Gewalt und Ausbeutung von Prostituierten und Zuhälterei zu bekämpfen.“ Prostitution sei kein Beruf wie jeder andere: „Prostituierte sind erheblichen psychischen und physischen Gefährdungen ausgesetzt.“

Die Therapeutin Dr. Ingeborg Kraus formuliert es in Vorträgen noch viel schärfer: Eine posttraumatische Belastungsstörung, die von Erfahrungen in der Prostitution herrührt, könne entsetzlichere Auswirkungen haben als eine solche Störung nach einem Kriegseinsatz: „Die Angstreaktionen sind zwar die gleichen, die Folgeschäden, die durch Prostitution verursacht werden, sind jedoch schwieriger zu überwinden. Das Selbstwertgefühl ist tiefer erschüttert.“ Mit Äußerungen wie diesen stößt Kraus regelmäßig auf heftige Kritik.

Führt ein Prostitutionsverbot in die Illegalität?

Die Therapeutin verurteilt es aufs Schärfste, dass Deutschland die Prostitution liberalisiert habe und Sexkäufer straffrei lasse. „Der deutsche Staat lässt diese Frauen durch die Sexindustrie ausbeuten und zermalmen“, heißt es in einer Zusammenfassung einer Rede, welche Ingeborg Kraus im Mai dieses Jahres in Paris gehalten hat. Sie sieht einen engen Zusammenhang zwischen Gewalt und sexuellen Missbrauchs, dem Prostituierte bereits in der Kindheit ausgesetzt gewesen seien. Aus Kraus’ Sicht geht es in Wahrheit nur darum, sexuelle Interessen von Männern zu schützen – und dafür die Frauen zu opfern.

Erklärte Gegner der Prostitution wie Ingeborg Kraus sehen sich heftigen Vorwürfen ausgesetzt. Befürworter führen ins Feld, Sexarbeiterinnen würden stigmatisiert. Sie pauschal in die Opferrolle zu drängen, sei nichts anderes als Diskriminierung. Ein Prostitutionsverbot würde die Frauen erst recht in die Illegalität drängen.

Die Fronten prallen hart aufeinander. Berufsverbände von Prostituierten zweifeln Studien an, auf welche beispielsweise Ingeborg Kraus sich beruft. Immer geht’s in der Kritik um den Vorwurf, freiwillig in der Prostitution tätige Frauen würden zu unmündigen Dummchen degradiert.

Gewalterfahrungen von Prostituierten

Wie viele Frauen sich aus freien Stücken für diese Arbeit entscheiden und auch den kompletten Lohn dafür selbst erhalten – das kann niemand mit Sicherheit sagen.

Eine der neueren Untersuchungen zur Thematik ist bereits 14 Jahre alt: 2004 hat das Interdisziplinäre Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld eine Erhebung vorgelegt, in der es um die Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit der Frauen geht. „Heute verspricht insbesondere der verstärkte Frauenhandel aus der ‘Dritten Welt’ beziehungsweise aus Osteuropa Höchstgewinne, die nach Schätzungen mit denen des Drogenhandels vergleichbar sind“, heißt es in der Erhebung, die sich insbesondere mit Gewalterfahrungen von Prostituierten auseinandersetzt. Eine der Ergebnisse der Forschung ist, dass die Frauen sich nur selten gegen Gewalt wehren, die von Zuhältern oder Freiern ausgeht: „Sie nehmen an, ihnen würde als Prostituierter weniger geglaubt als den Männern, und sie fürchten für die eigene Situation negative Konsequenzen.“ Fast alle der befragten Prostituierten haben der Erhebung zufolge sexuelle Belästigung erlebt, 82 Prozent psychische Gewalt, 87 Prozent körperliche Gewalt und 59 Prozent sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr. Um ein Vielfaches höher liege – im Vergleich zu allen Frauen – der Anteil derjenigen, die körperliche, psychische und sexuelle Misshandlungen in Kindheit und Jugend, insbesondere in der Familie, erlitten hatten. Ein Viertel der befragten Frauen hege häufig oder gelegentlich Selbstmordgedanken, fast ein Drittel leide unter Angstanfällen und Panikattacken.


Bezahlsex-Markt

Das Internet hat die Branche verändert; Prostituierte nutzen Plattformen, um ihre Dienste anzubieten. Es ist davon auszugehen, dass das Angebot im Bezahlsex-Markt dadurch wächst.