Rems-Murr-Kreis

Prozess: Rudersberger verkauft Drogen aus dem Darknet und ist selbst hochgradig abhängig

Landgericht
Das Landgericht Stuttgart. © ZVW/Alexandra Palmizi

Es könnte die allerletzte Chance für den 26-jährigen Rudersberger sein, der Drogenhölle zu entkommen. Von der zu erwartenden Haftstrafe wird er wohl zwei Jahre in einer Entziehungsanstalt verbringen. Dafür plädierten am Mittwoch vor dem Landgericht Stuttgart Staatsanwalt und Verteidiger.

Seit Mai wird dem einschlägig vorbestraften Deutschen der Prozess gemacht. Wie berichtet hat er eingeräumt, im Darknet, einem nicht normal zugänglichen Teil des Internets, mehrmals Drogen bestellt zu haben. Den Großteil zum Weiterverkauf, circa 20 Prozent für den Eigengebrauch. Die Festnahme erfolgte Anfang Dezember 2019.

Im Drogenrausch war der Mann auf der Treppe gestürzt und musste für eine Nacht in die Klinik gebracht werden. Danach wurde er verhaftet – weil ein an ihn adressiertes, mit Betäubungsmitteln gefülltes Paket inzwischen von einem Nachbarn angenommen worden war.

Dieser informierte die Polizei. In der Wohnung des Verdächtigen fanden die Beamten zahlreiche illegale Substanzen, von Marihuana und Ecstasy bis hin zu Kokain und Heroin, sowie Gerätschaften zum Herstellen und Verschneiden von Betäubungsmitteln.

Mit 14 Jahren Crystal Meth konsumiert

Ausgebreitet wird während der Verhandlung in Stuttgart ein im höchsten Maße trauriges Leben. Aus zerrütteten Familienverhältnissen stammend, trinkt der Beschuldigte mit neun Jahren Alkohol, mit elf ist er schon bei Hochprozentigem. Mit 14 konsumiert er erstmals Crystal Meth, mit 15 schlägt er sich obdachlos in Stuttgart als Bettler durch.

2015 lebt er in einer betreuten Wohngruppe in Waiblingen. Ohne Erfolg: 2018 kommt es wegen einer Überdosis zum Nierenversagen. Es ist der erste von zwei Fällen, in dem der Rudersberger dem Tod von der Schippe springt.

Zur Sucht hinzu kommen zwei Verurteilungen wegen des Handels mit Betäubungsmitteln, zuletzt sind dafür zwei Jahre und sechs Monate Gefängnisstrafe fällig. Bei einer im November 2018 begonnenen Therapie sieht er lange gut aus, doch zwei Tage vor dem eigentlichen Ende Anfang Mai 2019 führt ein Rückfall zur vorzeitigen Entlassung.

Nach einem weiteren Monat ist der zunächst in Schorndorf und später in Rudersberg Wohnende wieder voll drin in der Sucht. Nicht lange danach fängt er erneut zu dealen an.

Schwere Persönlichkeitsstörung

Im psychiatrischen Gutachten bescheinigt Heidi Gromann von der Winnender Gutachtenpraxis dem Beschuldigten eine schwere Persönlichkeitsstörung (Borderline), zudem sei die Sucht katastrophal. Der Rudersberger, ein kluger Mann mit großem Wissen in Chemie und Pharmakologie, begebe sich immer wieder bewusst in Lebensgefahr. „Was er in die Finger gekriegt hat, wurde am besten noch gespritzt, damit es möglichst heftig wird.“

Verminderte Schuldfähigkeit erkennt die Gutachterin aber nicht. Denn auf normalem Drogenpegel seien klare Handlungen möglich. Das Unrecht seiner Taten sei dem Beschuldigten voll bewusst gewesen.

Staatsanwalt fordert drei Jahre und sechs Monate Haft

Der Staatsanwalt stößt ins selbe Horn. Zwar habe er wohl noch nie zuvor gehört, dass sich jemand Crystal Meth intravenös spritzt. Doch der Beschuldigte wisse, was er tue. Es sei eine intellektuelle Leistung nötig, um im Darknet einzukaufen.

Zugunsten des Angeklagten spreche sein Geständnis. Insgesamt fordert der Anklagevertreter aufgrund der einschlägigen Vorstrafen drei Jahre und sechs Monate Haft. Basierend auf dem Gutachten von Heidi Gromann, die dem Abhängigen wegen der schon einmal fast zu Ende gebrachten Therapie eine Brücke baut und eine ordentliche Prognose bescheinigt, befürwortet der Staatsanwalt die zweijährige Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

Verteidiger hält zwei Jahre und zehn Monate Haft für ausreichend

Dafür plädiert auch der Verteidiger. Naturgemäß will er aber ein milderes Urteil. Zur Strafbarkeit gehöre nicht nur das Bestellen von Drogen, sondern auch das Entgegennehmen der Pakete. Weil der Mann drogenbedingt dazu nicht immer in der Lage gewesen ist, sei eine erhebliche verminderte Schuldfähigkeit möglich.  Eine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten sei ausreichend.

Abschließend sagt der Beschuldigte, er sei dankbar für die Chance zur Therapie. Er hoffe, sie irgendwo bei München, wo offenbar Bekannte leben, machen zu dürfen, „um neu anzufangen“. Das Urteil folgt an diesem Donnerstag.