Rems-Murr-Kreis

Remsbahn: Neuer Betreiber, alte Züge?

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Go-Ahead Remsbahn Betreiber ZügeFlottenmanager Christoph Schneider in der Werkstatt. Er ist optimistisch, dass die neuen Stadler-Flirt-Züge rechtzeitig die Zulassung erhalten – und wenn nicht: Plan B. Fotos: Habermann_0
Flottenmanager Christoph Schneider in der Werkstatt. Er ist optimistisch, dass die neuen Stadler-Flirt-Züge rechtzeitig die Zulassung erhalten – und wenn nicht: Plan B. © ZVW/Gabriel Habermann
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Störfaktor Mensch: Auch die Fahrgäste müssen sich an die neuen Fahrzeuge gewöhnen. So öffnen sich die Türen nach dem Halt erst mit ein paar Sekunden Verzögerung. © ZVW/Gabriel Habermann
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In der Werkstatt in Essingen werden die Züge regelmäßig gewartet.

Waiblingen/Essingen. Der Countdown läuft. Noch gut 40 Tage bis zum 9. Juni, wenn der Bahnbetreiber Go-Ahead den Zugverkehr auf der Remsbahn übernimmt. Ob der neue Betreiber allerdings schon mit den neuen gelbweißen Stadler-Flirt-Zügen startet oder ob Go-Ahead mit alten Zügen auf die Schienen gehen muss, ist derzeit offen. Für die 28 Züge des Schweizer Zugherstellers Stadler liegt noch keine Zulassung vor.



Go-Ahead arbeitet an einem Plan B, sagt Christoph Schneider, Flottenmanager und Leiter Betrieb von Go-Ahead in Baden-Württemberg, bei einem Werkstatt-Besuch in Essingen. Hier wird Go-Ahead in Zukunft ihre 66 Züge für den Zugverkehr im Land instandhalten und warten lassen.

Für den Start der Strecken Stuttgart-Aalen-Crailsheim sowie Karlsruhe-Aalen werden zunächst 28 Züge benötigt. Zehn sind bereits geliefert und im Probebetrieb. Dass der Schweizer Zughersteller Stadler die Züge liefert, ist sicher. Aber noch fehlt die Zulassung für die neuen Züge des Typs Flirt. Konkurrent Bombardier hatte den Bahnbetreiber Abellio, der ab 9. Juni die Strecken zwischen Heidelberg, Pforzheim und Stuttgart betreibt, mit der Lieferung im Stich gelassen. Zulassungsverfahren für Züge sind speziell, weiß Schneider. Schließlich handelt es sich bei diesen Schienenfahrzeugen um keine Modelle von der Stange.

Ministerium arbeitete bereits ein Ersatzkonzept aus

Das baden-württembergische Verkehrsministerium zeigt sich optimistisch, dass es mit der Zulassung bis zum 9. Juni klappt. Dennoch habe das Ministerium für alle Fälle mit Go-Ahead und dem Altbetreiber DB Regio als Rückfallebene ein Ersatzkonzept ausgearbeitet, teilt ein Ministeriumssprecher auf Anfrage mit. – Stadler arbeitet eigenen Angaben zufolge bei der Zulassung „eng und konstruktiv sowohl mit dem Eisenbahnbundesamt sowie mit dem Eisenbahnverkehrsunternehmen Go-Ahead zusammen, um den Betrieb im Netz BW 1 (Remsbahn) zum ,kleinen Fahrplanwechsel’ wie geplant aufnehmen zu können“. Weil es sich um ein laufendes Verfahren handele, macht Stadler keine näheren Angaben.

Wie knapp es bis 9. Juni werden kann, zeigt aber die Antwort des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA), das für die Zulassung zuständig ist. Der Hersteller Stadler habe die Zulassung von insgesamt vier Varianten der Flirt-Triebzüge beantragt: „Für die 3- und 4-teiligen Züge, die auf der Remsbahn zum Einsatz kommen, hat das Unternehmen dem EBA am 16. April 2019 Unterlagen vorgelegt; sie werden derzeit noch geprüft.“ Für die 5- und 6-teiligen Züge liege dem EBA bislang keine Dokumentation vor.

Die Uhr tickt von Tag zu Tag hörbar lauter

Auf seiner Internetseite erklärt das EBA, wie das Zulassungsverfahren läuft und wie lang es dauert. Das Gesetz mache für den Part, für den das EBA verantwortlich ist, eine ganz klare Aussage: Das EBA bestätige dem Antragsteller innerhalb von vier Wochen nach Vorlage der Antragsunterlagen deren Vollständigkeit und Prüffähigkeit, heißt es dort. Anschließend prüfe das EBA die Antragsunterlagen und entscheidet spätestens innerhalb von zwölf Wochen nach Bestätigung der Vollständigkeit über den Antrag. „Diese Frist schöpft das EBA aber so gut wie nie aus, meistens geht es schneller.“ Selbst wenn das Eisenbahn-Bundesamt jetzt ordentlich Gas gibt, tickt die Uhr von Tag zu Tag hörbar lauter.

Flottenmanager Christoph Schneider indes ist die Ruhe selbst. Zum Risikomanagement gehöre es, einen Plan B in der Hinterhand zu haben. Eben für den Fall, dass die Zulassung nicht rechtzeitig erfolgt. Obwohl dieser Plan B nicht sehr wahrscheinlich sei, betont Schneider. Im Vordergrund stünden die Vorbereitungen auf den 9. Juni, wenn Go-Ahead den Betrieb unter anderem auf der Remsbahn von der DB Regio übernimmt. „Wir sind seit zwei Jahren dabei, den Tag X vorzubereiten“, sagt Schneider. Der Ingenieur hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt, war Lokführer und studierte dann Maschinenbau. Eisenbahn sei ein Wirtschaftszweig, bei dem man ohne großes Fachwissen nicht weiterkomme. „Notwendig ist Expertise!“.

Go-Ahead gleicht einem Start-up-Unternehmen, hinter dem jedoch ein großer britischer Bahnbetreiber steht. In Deutschland und in Baden-Württemberg betritt Go-Ahead frisches Terrain, nachdem das Unternehmen 2016 die vom Land Baden-Württemberg ausgeschriebenen Zugstrecken gewonnen hat und den Platzhirsch DB Regio ausbootete. Seither arbeitet Go-Ahead am Plan A, der kompliziert genug ist. Der neue Betreiber geht mit neuen Zügen und neuem Personal an den Start. Dem 9. Juni, einem Sonntag, blickt Christoph Schneider relativ gelassen entgegen. Und auch in den folgenden beiden Wochen sind in Baden-Württemberg Pfingstferien, so dass sich der Ansturm auf die neuen gelbweißen Züge noch im Rahmen halten wird.

Die ganz große Herausforderung folgt im Dezember, wenn Go-Ahead auch die weiteren Strecken Stuttgart-Geislingen (Steige)-Ulm und Stuttgart-Würzburg übernimmt. Bis dahin benötigt der Bahnbetreiber für die 28 Züge nicht nur die 80 Lokführer plus Zugbegleiter, sondern für die insgesamt 66 Fahrzeuge rund 170 Lokführer. Mit der DB Regio hat Go-Ahead bereits eine Kooperation für 30 Triebfahrzeugführer der Bahn vereinbart, die auch für Go-Ahead fahren werden (wir haben berichtet).

Fachkräftemangel: Lokführer dringend gesucht

Der Fachkräftemangel scheint für Schneider mit die größten Sorgen zu bereiten. Er ärgert sich besonders über Äußerungen von Politikern, die behaupteten, dass in fünf Jahren Züge autonom fahren würden. Werden sie nicht, sagt Schneider, und Lokführer werden auch in 30 Jahren nicht überflüssig sein. Der Ruf des einstigen Traumberufs jedes Buben ist aber dahin. Wer wolle noch einen Beruf lernen, der angeblich auf Abruf ist, bedauert der gelernte Lokführer. „Jammern hilft nicht“, sagt Schneider, zuckt mit den Schultern und fügt an, dass Go-Ahead immer Personal für den Betrieb der Remsbahn suche.


Go-Ahead in Essingen

In der zweigleisigen Werkstatt können zwei Züge parallel instandgehalten werden.

Go-Ahead gehört eigenen Angaben zufolge zu den führenden Unternehmen im Personenverkehr. Mit 26 000 Mitarbeitern befördern es in Großbritannien rund ein Drittel der Bahnreisenden sowie sieben Prozent der Busfahrgäste. In Deutschland ist Go-Ahead hingegen ein Start-up: Der Betrieb der Stuttgarter Netze ist der Anfang. Mittlerweile hat Go-Ahead weitere Ausschreibungen gewonnen.

Die Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs ist Ländersache. Die Strecken werden ausgeschrieben und nach Zugkilometern bezahlt. Die im Vergleich zu 2003 deutlich günstigeren Preise ermöglichen es dem Land, die Angebote im Regionalverkehr ab Sommer Zug um Zug zu verbessern und die Takte zu verdichten. Das baden-württembergische Finanzierungsmodell für die Fahrzeuge sieht vor, dass die 66 von Go-Ahead betriebenen Züge vom Land Baden-Württemberg gekauft wurden. Go-Ahead hat sie zurückgepachtet und ist zuständig, dass die Fahrzeuge laufen. Instandgehalten werden die 66 Züge in der Werkstatt vom Zughersteller Stadler, der dort auch das Wartungspersonal stellt.

Rund 20 Millionen investiert Go-Ahead in das Bahnbetriebswerk mit Leitzentrale in Essingen. Noch ist das Gelände rund um den alten Bahnhof und die neue Werkstatt eine Baustelle. Zu dem Bahnbetriebswerk gehören eine Wartungshalle für Triebwagen, die 2-gleisig angelegt ist, mit Werkstatt, Lager, Verwaltung und Sozialräumen für das Werkstattpersonal, eine vollständig eingehauste, 120 Meter lange Außenreinigungsanlage für Triebwagen und eine Gleisanlage.