Rems-Murr-Kreis

Remstalkellerei verliert beste Lagen

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Die Stettener Yburg über der begehrten Weinlage Pulvermächer. © Schneider/ZVW (Archiv)
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Christoph Kern: „Mehr!“ © Gaby Schneider
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Die WG Stetten vor dem Absprung: Vorstand Rüdiger Borck ... © Gaby Schneider
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... und Aufsichtsrat Martin Wilhelm. © Gaby Schneider

Kernen/Weinstadt. Die Uhr tickt. In einer Woche sind die Mitglieder der Weingärtnergenossenschaft Stetten zu einer außerordentlichen Generalversammlung eingeladen. Einziger Tagesordnungspunkt: Austritt aus der Remstalkellerei. Bei der Weinkellerei Wilhelm Kern in Rommelshausen sind die 48 aktiven Genossenschaftswengerter hoch willkommen. Kern hofft, ab dem Jahrgang 2021 die begehrten Pulvermächer und Häder aus Stetten ausbauen zu können.

Damit die WG Stetten schon 2021 aus der Remstalkellerei austreten kann, muss die Kündigung vor dem 31. Dezember erfolgen. Christoph Kern ist nach der Mitgliederversammlung am Mittwoch zuversichtlich, dass es bei der außerordentlichen Generalversammlung die notwendige Dreiviertel-Mehrheit für den Austritt gibt, sagte Christoph Kern bei einem gemeinsamen Pressegespräch mit dem WG-Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Borck und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Martin Wilhelm.

Der Ärger der Stettener Weingärtner über die Remstalkellerei ist groß. Grund: das geringe Traubengeld, das die Genossenschaft ihren Mitgliedern zahlt. „Wir sind seit zwei Jahren gefrustet“, so Borck. Seit er Mitte der 90er Jahre zur Remstalkellerei stieß, heiße es Jahr für Jahr, es werde bald besser. „Die Situation ist komplett unbefriedigend.“ Er schaffe gern in seinem Wengert, ergänzte Martin Wilhelm. „Aber es sollte auch was bei rumkommen.“

Immer mehr Mitglieder mit ihren weit über das Remstal und Württemberg hinaus bekannten Lagen „Pulvermächer“ und „Häder“ haben der Genossenschaft den Rücken gekehrt. Die Rebfläche schrumpfte von 66 Hektar im Jahr 2002 auf heute 51,5 Hektar. Mit Neid blickten die Genossen auf ihre erfolgreichen Kollegen in den etablierten privaten Weingütern wie Haidle und Beurer oder auch auf die vielen ehemaligen Kollegen in der WG, die sich selbstständig machten.

Seit Sommer verhandelt Stetten mit der Weinkellerei Kern

Ein Ausdruck des wachsenden Ärgers in Stetten war, dass die WG es abgelehnt hat, sich an einer zentralen Traubenerfassung der Remstalkellerei zu beteiligen. Dies hätte bedeutet, dass sie auch ihre Kelter in eine neue Zentralkelter-Genossenschaft einbringen müssen. Damals sei dem Vorstand und Aufsichtsrat aus der Mitgliederschaft der Wunsch angetragen worden, sich nach einer Alternative zur Remstalkellerei umzuschauen, sagten Borck und Wilhelm. Seit Sommer liefen Gespräche mit der Weinkellerei Kern, die 2012 nach Rommelshausen gezogen ist. Ziel sei gewesen, eine Lösung für alle Mitglieder der WG Stetten zu finden.

Rüdiger Borck spricht von einer „Win-win-Situation“. Sie biete auch den sieben Haupterwerbs-Winzern eine Zukunftsperspektive und die Chance, vom Weinbau leben zu können. Wie berichtet, zählt das sogenannte Traubengeld der Remstalkellerei zu den geringsten in Württemberg. Aufgrund der Vermarktungsprobleme insbesondere des Jahrgangs 2016 hat die Remstalkellerei die Auszahlung des Traubengelds für drei Monate gestrichen.

„Einmalige Chance, Rebflächen vor der Haustür zu bekommen“

Die Weinkellerei Kern bietet ihren Erzeugern bessere Konditionen. Welche? Die Antwort von Christoph Kern lautete beim Pressegespräch kurz und trocken: „Mehr!“ Für die Weinkellerei, die die Trauben von 150 Erzeugern aus ganz Württemberg verarbeitet und vermarktet, bietet Stetten eine Chance der Profilierung und um sich stärker auf die Region Remstal-Stuttgart zu konzentrieren. „Es ist die einmalige Chance, Rebflächen vor der Haustür zu bekommen.“ Die Stettener Wengerter böten tolle Rebsorten in guten Lagen. Es handelt sich zu rund 68 Prozent um Weißweine, wie sie traditionell in Stetten angebaut werden. Die Lagen „Pulvermächer“, „Häder“ und „Brotwassser“ zählen zu den besten Riesling-Lagen und zu den wertvollsten im Remstal überhaupt, wie das Weinkulturmagazin „Württemberg“ einst schwärmte: „Wertvoll wie Gold“.

Zusammenarbeit mit Rommelshausen?

Für Kern ist die Übernahme von weiteren 48 Erzeugern eine Herausforderung und mit Investitionen verbunden, erhöht sich doch die zu vermarktende Menge von heute 1,5 Millionen Liter um rund ein Drittel. Christoph Kern machte keinen Hehl daraus, dass er im Gegenzug auf die Trauben von Erzeugern aus dem Unterland verzichten und das Sortiment mit heute 28 Rebsorten straffen will. Aus Gründen der Nachhaltigkeit sei es nicht sinnvoll, Trauben eine Stunde lang durch die Gegend zu fahren. Aber auch die Qualität leide unter dem langen Transport. Kern strebt eine „Fair’n Green“-Zertifizierung der Weine an, ein pragmatisches Zwischending zwischen Bio- und konventionellem Weinbau, bei der beispielsweise auf Glyphosat und mineralische Stickstoffdüngung verzichtet wird.

Das Interesse der Stettener Genossen an der Zusammenarbeit mit der Rommelshausener Weinkellerei sei groß, schätzt Christoph Kern die Stimmung bei der Versammlung ein. Auch Borck und Wilhelm gehen davon aus, eine Dreiviertel-Mehrheit für den Austritt zu finden. 75 Prozent seien jedoch eine „hohe Hürde“, so der Aufsichtsratsvorsitzende. Kern wird freilich nicht die ganze Genossenschaft übernehmen, sondern bietet allen Erzeugern, vom „Sonntagswengerter mit sieben Ar“ bis zum Haupterwerbsbetrieb, Lieferverträge an. Die Kelter am Südrand von Stetten bleibt im Besitz der WG Stetten. Was mit ihr geschieht, ist noch offen.

Verlust und Herausforderung

Das Ausscheiden der WG Stetten aus der Remstalkellerei sei ein Verlust, sagt Remstalkellerei-Geschäftsführer Peter Jung auf Anfrage – und, fügt er hinzu, eine Herausforderung. Jung und die kaufmännische Vorständin Heike Schacherl sind dabei, ein Konzept für die Remstalkellerei zu entwickeln, das im Frühjahr den Mitgliedern vorgestellt und den Erzeugern bessere und vor allem verlässliche Auszahlungen des Traubengelds garantieren soll. Da der Austritt der Stettener erst in zwei Jahren erfolge, könne sich die Genossenschaft auf geringere Rebflächen einstellen und diese in der Umsatz- und Vermarktungsplanung berücksichtigen.

Der Verlust von Rebfläche bedeutet, dass „wir beim Konzept die Flügel weiter straffen müssen“, ergänzt Schacherl. Die hohen Fixkosten durch den inzwischen zu großen Gebäudekomplex in Beutelsbach sind ein Grund für die Schieflage der Genossenschaft. Ein anderer ist die schwierige Vermarktung von Trollinger.

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