Rems-Murr-Kreis

Remstalkellerei zieht die Reißleine

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Die Genossenschaft stoppt Auszahlung des Traubengelds, des Lohns der Wengerter. © ZVW/Sarah Utz
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Martin Winterling kommentiert.

Weinstadt. Die wirtschaftliche Lage der Remstalkellerei ist nach eigener Einschätzung „desaströs“. Bis vorläufig Februar 2019 erhalten die Wengerter kein Traubengeld mehr. Das heißt nichts anderes, als dass den Betrieben der Geldhahn abgedreht wird. Der Schock erreichte die mehr als 1000 Mitglieder am Freitagmittag per Mail. Schon allein wie der Brandbrief verschickt wurde, wird von Mitgliedern als schlechter Stil und skandalös empfunden.

Hier geht's zum Kommentar von Martin Winterling.

„Kein Kommentar“, erklärte Remstalkellerei-Geschäftsführer Peter Jung am Montag auf Anfrage unserer Zeitung. Stand heute werde er kein Statement abgeben. Der Inhalt des Mitgliederrundschreibens sei ja offenbar bekannt. Ob und wann die Remstalkellerei dazu Stellung bezieht, mochte Jung nicht sagen. Jung hat am 1. August seine Tätigkeit als Geschäftsführer aufgenommen. Vor dem Hintergrund des Mitgliederrundschreibens, das eher einem Brandbrief gleicht, erscheint der überraschende Rücktritt des geschäftsführenden Vorstandsvorsitzenden Claus Mannschreck „aus persönlichen Gründen“ Mitte Oktober in einem ganz anderen Licht. Das Verhältnis zu Jung sei hervorragend gewesen, erklärten Mannschreck und Jung damals übereinstimmend. Doch die Zwischenbilanz, die Jung nach knapp vier Monaten im Amt über die Arbeit seiner Vorgänger vorlegt, ist vernichtend.

Hier gibt es das Mitgliederrundschreiben der Remstalkellerei als PDF zum Download.

In den vergangenen Wochen sei eine neue Bewertung der wirtschaftlichen Situation der Remstalkellerei vorgenommen worden, schreiben Geschäftsführer Peter Jung und die seit gut einem Jahr amtierende Vorständin für Finanzen und Verwaltung, Heike Schacherl, im Rundbrief. Das Bewertungsergebnis machte „einige Sofortmaßnahmen unabdingbar“. Die Remstalkellerei habe zwar „kein Liquiditätsproblem, jedoch befindet sie sich in einer wirtschaftlich desaströsen Lage und es müssen einige Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stabilität und weitere Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden“.

Jahrgang 2016 abgeschrieben?

Aus Sicht von Jung und Schacherl muss der Jahrgang 2016 abgeschrieben werden. Die Weine können „weder in Sachen Qualität noch in Sachen Quantität (große Übermengen) als marktgerecht bezeichnet werden“. Überhaupt sei der Markt viel zu optimistisch eingeschätzt worden – auch was die Qualität der eigenen Produkte angehe. Geradezu niederschmetternd fällt das Urteil über den 2016er aus, gerade vor dem Hintergrund des Superjahrgangs 2018. „Die Weine des 2016er-Jahrgangs haben nahezu über Nacht ihren kompletten Wert verloren“, heißt es im Rundschreiben. Es sei die Chance verpasst worden, den Wein rechtzeitig zu noch vertretbaren Preisen offen zu vermarkten, sprich an die Weingärtner-Zentralgenossenschaft zu verkaufen. Jung plant, die Keller und die Lager in Beutelsbach gründlich aufzuräumen und „alle alten Jahrgänge unserer Produkte sofort zu verwerten, da der Absatz einbricht“, wird der Ausverkauf der Jahrgänge 2014, 2015 und 2016 angekündigt.

Für die Mitglieder bedeutet dies ganz konkret einen Lohnstopp. Traubengeld wird in monatlichen Raten ausbezahlt, die nun ausbleiben. Gerade zum Jahresende kommen Rechnungen auf den Tisch und werden Zahlungen fällig. Aufgrund der verfehlten Absatz- und Umsatzerwartungen sei „eine Korrektur der vorläufigen Traubengeldauszahlungen der Jahrgänge 2014, 2015, 2016 und 2017 unabdingbar“. Nachdem schon im Geschäftsjahr 2017 das Traubengeld teilweise aus den Rücklagen gezahlt worden war, gibt es bis Februar 2019 vorläufig kein Geld, bis belastbare Zahlen vorliegen, wie viel die Trauben wirklich wert waren. Schon heute liegt das Traubengeld der Remstalkellerei unter dem Durchschnitt der württembergischen Genossenschaften und gilt mit 7000 bis 8000 Euro pro Hektar als wirtschaftlich kaum auskömmlich. Zum Vergleich: Spitzengenossenschaften wie die Fellbacher Weingärtner zahlen das Doppelte und mehr. Die Remstalkellerei verliert deshalb seit Jahren Mitglieder und Rebflächen, weil sich die Wengerter anderweitig orientieren, sich selbstständig machen oder inzwischen private Weingüter beliefern.

Was nun aus der Zentralkelter wird? Wir haben nachgefragt.


Die Weinführer 2019 überbieten sich gegenseitig in Lobeshymnen für Remstäler Weine. Die hiesigen Weingüter zählen zu den besten in Württemberg, Deutschland und der Welt. Im Remstal kann guter Wein gemacht und mit ihm gutes Geld verdient werden.

Umso trauriger stimmen die neuerlichen Meldungen über die Remstalkellerei, einer Genossenschaft mit mehr als acht Jahrzehnten Tradition (und heute auch mit vielen ausgezeichneten Weinen). Seit Jahrzehnten schleppt die Remstalkellerei aber strukturelle Probleme mit sich herum – und schiebt sie vor sich her. Die Klagen über die schlechten Auszahlungspreise ziehen sich durch die jüngere Geschichte der Remstalkellerei wie das Jammern über das Wetter im Wengert. Das zeigt der kurze Blick ins Archiv.

Die Folge sind wiederholte Kurswechsel. Grundsätzliche Probleme, wie eine nachhaltige Kostensenkung durch eine zentrale Traubenannahme, sind geblieben. Zuletzt musste 2013 Geschäftsführer Heiko Schapitz gehen, nachdem er eine verheerende Bilanz vorgelegt hatte und die Mitglieder auf ihre Rebstöcke trieb. Schapitz war nicht der erste Geschäftsführer, der kapitulierte – oder aufgeben musste. Die Vorstände der Genossenschaft zeigten sich – wieder einmal und entgegen der Erfahrung der Altvorderen – sicher, die Geschäfte selbst besser führen zu können als ein Geschäftsführer. Und so ein gestrichener Chefposten sparte ja obendrein Geld, dachten sich die sparsamen Schwaben.

2018: Kommando zurück. Die Remstalkellerei holte Peter Jung als Geschäftsführer. Der Rheinländer, seit 1. August im Amt, macht nun das, was ein neuer Geschäftsführer zu tun pflegt. Tabula rasa. Er räumt auf, kehrt das Unterste zuoberst und malt die Gegenwart in dramatisch dunklen Farben, auf dass vor diesem Hintergrund sein Werk einmal umso heller leuchten möge.

Auffällig in seinem Mitgliederrundschreiben, mit dem er den Wengertern die Weihnachtslaune gründlich vermieste, ist der Hinweis auf das Gegeneinander der Ortsgenossenschaften. Der jahrelange, ja seit mehr als einem Jahrzehnt andauernde Zank und Streit über eine zentrale Traubenannahme führte dramatisch vor Augen, dass es an den Strukturen für die richtige Entscheidung fehlt.

 

„Tiefe Gräben zwischen den Ortsgenossenschaften“

Nach vier Monaten im Amt hat der aus dem Rheinland stammende Peter Jung die Reißleine gezogen und kündigt eine „umfangreiche Konsolidierungsstrategie“ an, die er bei einer außerordentlichen Generalversammlung im Frühjahr 2019 vorstellen wolle. „Eines ist jedoch bereits heute sicher: Eine erfolgreiche Zukunft des genossenschaftlichen Weinbaus im Remstal kann es nur dann geben, wenn die bisherigen Gräben zwischen den einzelnen Ortsgenossenschaften überwunden werden und alle an einem Strang ziehen!“ Er zielt wohl auf das Trauerspiel „zentrale Kelter“ ab und schiebt den Wengertern den Schwarzen Peter für die miserable Lage der Remstalkellerei zum Teil zu. Nach mehr als einem Jahrzehnt Diskussion ist die zentrale Traubenannahme noch immer nicht in trockenen Tüchern. Einzelne Ortsgenossenschaften sind ausgeschert und kochen lieber weiter ihr eigenes Süppchen, genauer gesagt: keltern ihre Trauben lieber selbst, mit der Konsequenz, dass die Kosten der Remstalkellerei viel zu hoch sind – und die Traubengelder entsprechend niedrig. – Das Rundschreiben endet mit Wünschen „für eine besinnliche Adventszeit und erholsame Feiertage“.

Die Risiken für die Remstalkellerei

Die Zahlen sprechen für sich: Die Remstalkellerei hat ein Kostenproblem. Die Kosten für Personal und Gebäude bleiben hoch, während Rebflächen und Erlöse wegbrechen. Das Traubengeld, sozusagen der Lohn der Wengerter, ist mit 7000 bis 8000 Euro pro Hektar kaum auskömmlich. Ein Weingärtner beziffert seine Kosten mit rund 8000 Euro pro Hektar, so dass bei der ganzen Arbeit im Wengert eigentlich kein Gewinn gemacht wird.

Im Geschäftsbericht 2017 hat die Remstalkellerei die Probleme ihres Geschäftsmodells genau benannt. Eine zentrale Traubenannahme, an der sich aber nicht alle Ortsgenossenschaften beteiligen, würde nicht nur die Kosten senken, sondern auch die Qualität erhöhen. Im Geschäftsjahr 2017 brach der Gewinn dramatisch ein, wofür die Remstalkellerei zum einen die Frostschäden verantwortlich machte, zum anderen aber auch „notwendige Bestandskorrekturen“. Die Jahrgänge 2014 und 2015 wurden abgewertet, das Traubengeld wurde 2017 zum Teil aus den Rücklagen gezahlt, so dass diese weiter abschmolzen.

Als Risiken für ihre Zukunft benennt die Remstalkellerei in ihrem Geschäftsbericht folgende Punkte: – Anhaltender Verlust von Rebfläche und Mitgliedschaft; – Trend zu Großbetrieben: „Rebflächen unterliegen bei nicht kostendeckenden Auszahlungsleistungen größerer Fluktuation“; – Genossenschaftliche Mitbestimmung der Mitglieder. Eine Stimme je Geschäftsanteil sei für Mitglieder, die im Haupterwerb tätig sind, nicht mehr zeitgemäß, weil sie in den Mitgliederversammlungen untergebuttert werden; – Lange Planungszeiten, wie zum Beispiel für die Zentralkelter (17 Jahre); – Preiserhöhungen sind am Markt nur schwerlich ohne Mengenverlust durchzusetzen; – Risiko von kleinen Ernten bei unveränderter Fixkostenstruktur: – Fazit: „Einzelereignisse sind nicht in der Lage, den Bestand der Remstalkellerei zu gefährden.“ Anders kann es aber ausschauen, wenn Mehreres auf einmal zusammenkommt.