Rems-Murr-Kreis

Rettungsgasse: Für viele noch ein Fremdwort

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Nach einem Unfall ist der Kappelbergtunnel am Donnerstagmorgen (24.5.) in Richtung Stuttgart gesperrt. © ZVW/Sarah Utz
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Bei dreispurigen Straßen wird die Rettungsgasse zwischen der linken und der mittleren Spur gebildet.
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Nach einem Unfall war der Kappelbergtunnel am Donnerstagmorgen (24.5.) in Richtung Stuttgart gesperrt.

Fellbach/Waiblingen. Vor dem Kappelbergtunnel staute sich am Donnerstagvormittag nach einem Unfall der Verkehr. Die Autos bildeten eine beinahe vorbildliche Rettungsgasse. Zeitigt die Kampagne der vergangenen Wochen und Monate Erfolge? Marco Flittner schüttelt den Kopf. „Leider nein“, sagt der DRK-Rettungsdienstleiter. Für viel zu viele Verkehrsteilnehmer sei Rettungsgasse noch immer ein Fremdwort.

Die Autobahnpolizisten des Aalener Präsidiums haben hingegen den Eindruck, dass die Rettungsgasse stärker ins Bewusstsein der Autofahrer gerückt ist, sagt ein Polizeisprecher auf Anfrage. Darauf deuteten Anrufe bei der Polizei hin, bei denen sich Autofahrer auch über andere Verkehrsteilnehmer beschwerten, weil die die Lücke fürs eigene schnelle Vorankommen genutzt haben. Seit Oktober sind die Vorschriften verschärft worden. Wer bei Stau keine Gasse bildet, muss mit bis zu 320 Euro Bußgeld und einem Fahrverbot rechnen.

Rettungsgasse rettet Leben

Die Rettungsgasse bei Staus auf mehrspurigen Autobahnen und Bundesstraßen rettet Leben. Sie ermöglicht Notärzten, Sanitätern, Feuerwehrleuten und Polizei ein schnelles Durchkommen bis zum Unfallort.

Doch die Fahrer der Notarzt- und Rettungswagen des Roten Kreuzes machen im Rems-Murr-Kreis Tag für Tag die Erfahrungen, dass die Autofahrer eben keine Gasse freiräumen. Ein einziger Verkehrsteilnehmer reicht aus, dass der Notarztwagen stecken bleibt und wertvolle Zeit verliert, sagt Marco Flittner.

"Es fehlt das Bewusstsein, dass ein Unfall passiert sein könnte"

Besonders ärgerlich – und im Übrigen auch verboten – sind Autofahrer, die die Lücken nutzen, um sich durch den Stau zu schlängeln. Dass die Rettungsgasse-Kampagne erfolgreich ist, könne er so nicht bestätigen, sagt Flittner. Das am Donnerstag kurz vor der Wiedereröffnung gegen 9.30 Uhr aufgenommene Foto vor dem Kappelbergtunnel täusche:

„Es fehlt das Bewusstsein, dass ein Unfall passiert sein könnte“, sagt Flittner. Nach seiner Erfahrung bilde sich erst eine Rettungsgasse, nachdem das erste Rettungs- oder Polizeifahrzeug mit Tatütata sich durchgekämpft hat. Diese Gasse bleibe dann aber in aller Regel frei.

Stehen die Autos dicht an dicht, ist keine Rettungsgasse möglich

Schwierig für die Sanitäter am Steuer wird es, wenn die Straßen so dicht sind und die Fahrzeuge so eng hintereinanderstehen, dass Autofahrer gar nicht nach links oder rechts ausweichen können. Flittner weiß ein Lied davon zu singen. Das beginnt vor der Haustür des Roten Kreuzes in Waiblingen an der verstopften Hallenbadkreuzung. Auch vor dem Heslacher Tunnel in Stuttgart stehen die Autos dicht an dicht, dass sie gar keine Rettungsgasse bilden können – selbst wenn sie wollten, kritisiert Flittner die Verkehrsplaner. Umso wichtiger sei es, dass sich die Fahrer der Rettungswagen richtig verhalten. Sie werden einmal im Jahr geschult. So sollen sie nur im allergrößten Notfall auf die Gegenfahrbahn ausweichen – und bei den Autofahrern den Eindruck vermeiden, eine Rettungsgasse zu bilden sei doch überflüssig.

„Es geht einfach nicht vorwärts!“

Ein kritischer Punkt ist der Stadttunnel in Fellbach, weiß Flittner. „Es geht einfach nicht vorwärts!“ Im Tunnel stellen die Sanitäter deshalb Blaulicht und Martinshorn ab, um die Autofahrer nicht zu unüberlegten Manövern zu verleiten. Denn Platz zum Ausweichen oder für eine Rettungsgasse hätten sie dort sowieso keinen.

Gerade im morgendlichen Tran bemerken viele Autofahrer das Blaulicht nicht und überhören selbst das Martinshorn. Moderne Autos seien so gedämmt, dass sie Außengeräusche kaum ins Innere lassen. Läuft noch laute Musik, muss der Sanitäter hoffen, dass der Fahrer zumindest auf das Lichtsignal aufmerksam wird.

Rettungsleitstelle versucht, Einsatzfahrzeuge nicht durch Staus zu schicken

Sind die Sanitäter am Steuer auch von den aktuellen Baustellen auf der Bundesstraße 29 mit den täglichen Staus genervt? Marco Flittner verneint. Die Rettungsleitstelle versuche, die Einsatzfahrzeuge möglichst nicht durch die Staus zu schicken, verweist Flittner auf die „Georeferenzierte Alarmierung“ in der Waiblinger Leitstelle für Rettungsdienst und Feuerwehr. Das Fahrzeug, das vermutlich am schnellsten am Unfallort ist, wird losgeschickt. Markante Baustellen, wie die auf der B 29, seien ins System eingepflegt, so dass möglichst kein Notarzt feststeckt. Noch kann das System jedoch keine Staumeldungen verarbeiten. Im Rems-Murr-Kreis sei so ein System noch Zukunftsmusik.


Probleme mit der Rettungsgasse

Die Initiative Rettungsgasse-jetzt.de listet die Probleme auf, mit denen sich Rettungskräfte bei einer Blaulichtfahrt konfrontiert sehen:

Autofahrer reagieren nicht sofort, machen keinen Platz,

Vor roten Ampeln warten viele Autofahrer auf „Grün“, anstatt vorsichtig über die Haltelinie zu fahren und Platz zu machen.

Hektische, falsche Reaktionen gefährden den übrigen Verkehr oder die Einsatzfahrt.

Die Rettungsgasse wird an der falschen Stelle gebildet.

Auf Autobahnen wird nicht schon bei Staubildung, sondern erst bei Eintreffen der Einsatzfahrzeuge die Rettungsgasse gebildet.

Bestehende Rettungsgassen werden wieder geschlossen.

Lange Fahrzeuge/Gespanne fahren an den Rand, aber das Heck ragt noch in die Rettungsgasse.

Lkw und Reisebusse fahren beziehungsweise stehen auf mehreren Spuren nebeneinander.

Durch zu wenig Abstand zum Vordermann bleibt den Fahrzeugführern kein Platz, um das Fahrzeug zur Seite zu manövrieren.

Im Stau wartende Personen haben das Fahrzeug verlassen und stehen nah an der Rettungsgasse.

Der Fahrer eines im Weg stehenden Fahrzeugs ist nicht im Fahrzeug und nicht aufzufinden.

Weitere Infos gibt es im Internet unter www.rettungsgasse-jetzt.de


Das sagt der Gesetzgeber

Autofahrer sind schon seit den 1980er Jahren verpflichtet, auf Autobahnen und außerorts mit mindestens zwei Fahrspuren in Fahrtrichtung eine Rettungsgasse zu bilden. Und das nicht erst beim Eintreffen von Blaulicht, sondern sofort, wenn der Verkehr stockt, informiert die Interessen-Gemeinschaft „Rettungsgasse-Jetzt.de“. Aber was bedeutet stockender Verkehr? Der richtige Zeitpunkt zum Bilden der Rettungsgasse wurde nun konkretisiert. Ab 1. Januar 2017 sieht die StVO vor, dass die Rettungsgasse bei „Schrittgeschwindigkeit“ gebildet werden muss.

Im Paragrafen 11 Absatz (2) StVO heißt es: „Sobald Fahrzeuge auf Autobahnen sowie auf Außerortsstraßen mit mindestens zwei Fahrstreifen für eine Richtung mit Schrittgeschwindigkeit fahren oder sich die Fahrzeuge im Stillstand befinden, müssen diese Fahrzeuge für die Durchfahrt von Polizei- und Hilfsfahrzeugen zwischen dem äußerst linken und dem unmittelbar rechts daneben liegenden Fahrstreifen für eine Richtung eine freie Gasse bilden.“ Demnach ist die Rettungsgasse immer zwischen dem äußerst linken und dem unmittelbar rechts daneben liegenden Fahrstreifen zu bilden. Völlig egal, wie viele Spuren in dieselbe Fahrtrichtung führen.

Seit Oktober 2017 kann es ein höheres Bußgeld für Autofahrer geben, die keine Rettungsgasse gebildet haben. Es drohen mindestens 200 Euro Bußgeld – statt zuvor 20 Euro. Werden Dritte dabei gefährdet, erhöht sich die Geldbuße auf 280 Euro. Kam es zu einem Sachschaden, liegt das drohende Bußgeld bereits bei 320 Euro. Hinzu kommt in den letzten beiden Fällen ein einmonatiges Fahrverbot.