Rems-Murr-Kreis

Rettungswagen und Notärzte halten Hilfsfrist nicht ein

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen. Rettungswagen und Notärzte haben im Rems-Murr-Kreis auch 2018 die gesetzlich festgelegte Hilfsfrist gerissen und waren nicht in 95 Prozent der Einsätze innerhalb von 15 Minuten vor Ort. Mehr Rettungswagen rund um die Uhr und zwei neue Standorte für Notärzte sollen die Misere beheben. Das hat der Bereichsausschuss für das Rettungswesen beschlossen. Nun steht der Zeitplan für den Ausbau.

Der neue Notarzt in Welzheim soll im vierten Quartal 2019 seinen neuen Standort in Welzheim beziehen. Zusammen mit der Verlegung des Standortes Althütte nach Murrhardt gehört der Welzheimer Rund-um-die-Uhr-Notarzt zu den Maßnahmen, die dem Notstand im Welzheimer Wald abhelfen sollen. Denn der gehört mit dem hinteren Murrtal seit jeher zu den Problemzonen für die Rettungsdienste.

 

Warum dauert es wieder länger, bis Sanitäter und Notärzte vor Ort sind?

Nach internen Berechnungen des Bereichsausschusses lag die Hilfsfrist im Jahr 2018 in der Notfallrettung leicht über dem Wert des Vorjahres (92,5 Prozent) bei 93,4 Prozent, bei den Notärzten verschlechterte sich jedoch die Hilfsfrist von 92,5 auf 91,4 Prozent, teilt Eberhard Kraut, Vorsitzender des Bereichsausschusses für den Rettungsdienst im Rettungsdienstbereich Rems-Murr-Kreis, auf Anfrage mit. Damit seien die Hilfsfristen im Rettungsdienstbereich Rems-Murr wie schon 2017 und 2016 nicht eingehalten worden. Gründe für die Probleme, dass die Hilfsfrist nicht mehr eingehalten werden kann, sind laut Kraut:

  • die kontinuierliche Zunahme der Einsätze in den vergangenen Jahren,
  • der demografische Wandel;
  • eine veränderte Anspruchshaltung und mehr „Bagatelleinsätze“,
  • die Abnahme der Versorgung durch die Hausärzte oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst,
  • die Änderungen der Kliniklandschaft, wobei sich insbesondere die Schließung der Krankenhäuser Waiblingen und Backnang ausgewirkt haben und zu längen Anfahrtswegen nach Winnenden führten;
  • der Rettungsdienst wird zum „Lückenbüßer“ im Gesundheitssystem.

Was wird gegen den Missstand unternommen?

Wie berichtet, hatte der Bereichsausschuss bereits im Januar 2018 ein Strukturgutachten in Auftrag gegeben und im August die Ergebnisse vorgestellt. Handlungsfelder für eine schnellere rettungsdienstliche Versorgung der Bürger im Rems-Murr-Kreis sind mehr Fahrzeuge und mehr Personal. Konkret handelt es sich um 55 zusätzliche Vollzeitkräfte und 5,5 neue Fahrzeuge. Auch die Zahl der Mitarbeiter in der Integrierten Leitstelle werde sukzessive um etwa neun Vollzeitarbeitskräfte auf rund 30 erhöht.

 

Wieso dauert die Umsetzung der Maßnahmen so lang?

Nun hat der Bereichsausschuss diese Pläne konkretisiert und einen Zeitplan vorgelegt, bis wann die Aufstockungen über die Bühne gehen sollen. Einem privaten Krankentransport- und Sanitätsdienst, dem Fellbacher Sani-Team Fellbach, geht die Aufstockung zu langsam. Es hatte sich angeboten, innerhalb von vier Monaten mit neuen Rettungsfahrzeugen auf der Straße zu sein. Schneller als DRK, ASB, Malteser und Johanniter, die sich den Kuchen Rettungsdienst teilen. In einem Brief an Landrat Richard Sigel erneuert nun Helmut Winkler seine Kritik, dass die Umsetzung so schleppend erfolge. „Dieser Zustand ist des Rems-Murr-Kreises nicht würdig“, schreibt Winkler. „Die Bevölkerung hat einen Anspruch auf eine schnelle Hilfe im Notfall.“

Im ersten Anlauf war Winkler mit seinem Angebot mit Verweis auf das Rettungsdienstgesetz abgeblitzt. Nur die vier Hilfsorganisationen – Arbeiter-Samariter-Bund, DRK, Johanniter Unfallhilfe und Malteser – dürften Notfallrettung durchführen. Der Landrat hat Winklers Schreiben nicht beantwortet, teilt das Landratsamt mit. Der Bereichsausschuss suche das persönliche Gespräch. Das Sani-Team bietet derzeit Krankentransporte in Stuttgart und im Rems-Murr-Kreis, würde aber gern auch in der Notfallrettung mitmischen. Winkler nimmt die Notfall-Organisationen direkt aufs Korn. Sie würden gern den Satz für sich in Anspruch nehmen, dass in der Notfallrettung jede Minute zählt, da es um Leben um Tod gehe. „Wenn man sich allerdings bis zu drei Jahre Zeit lassen will, bis ein weiterer Rettungstransportwagen auf der Straße ist, passt der Satz nicht mehr.“

Ist Geschwindigkeit wirklich alles im Rettungswesen?

Qualität geht vor Schnelligkeit, kontert der Bereichsausschuss Winklers Vorhaltungen. Die Umsetzung müsse den qualitativen und rechtlichen Vorgaben entsprechen, heißt es wiederum mit Verweis auf das Rettungsdienstgesetz, das Arbeits- und Arbeitsstättenrecht oder das Medizinprodukterecht. Zudem müssten Standorte umgebaut oder ergänzt werden. „Hier ist aufgrund der aktuellen Auftragslage in der Baubranche in Verbindung mit aufwendigen baulichen Planungen im Vorfeld mit nicht unerheblichem Zeitaufwand zu rechnen.“ Nicht zu unterschätzen sei die Zeit für Baugenehmigungen. Ebenfalls spielen die bei einer Beschaffung der Spezialfahrzeuge langen Lieferzeiten eine Rolle.

Wie weit ist das Rote Kreuz mit seinen Plänen?

Die Rund-um-die-Uhr-Notärzte in Welzheim und Murrhardt gehen im Herbst an den Start, kündigt Sven Knödler, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Rems-Murr, an: „Bei der Umsetzung der vom Bereichsausschuss beschlossenen Maßnahmen liegen wir als DRK im Zeitplan.“ Das DRK hatte bis vor kurzem im Kreis das Monopol im Rettungswesen inne und betreibt auch die Integierte Leitstelle, wo die Fäden für sämtliche 112- und 116117-Anrufe zusammenlaufen; 112 für Notrufe, 116117 für den ärztlichen Notdienst. Neuerdings sind aber auch die anderen Hilfsorganisationen mit im Boot. Sven Knödler kann jedoch nicht ausschließen, dass die Fahrzeuge nicht rechtzeitig geliefert werden, die Umbauten nicht fertig werden oder die Kliniken keine Notärzte stellen könnten. „All diese Punkte liegen nicht in unmittelbarer Hand des DRK.“


Die Rettungskette muss stimmen

Die Hilfsfrist ist nicht alles, schreibt der Bereichsausschuss und versucht, die Kritik an der Nicht-Einhaltung der 15-Minuten-Frist zu entkräften. „Die gesamte Rettungskette muss betrachtet werden“: Im Durchschnitt treffen die Rettungstransportwagen in 7 Minuten und 48 Sekunden und die Notärzte in 8 Minuten und 44 Sekunden ein.

Die Qualität hängt also von wesentlich mehr Punkten ab und ist nach Auffassung des Bereichsausschusses im Rems-Murr-Kreis – im landes- und bundesweiten Vergleich – hervorragend:

  • Helfer vor Ort: Im Rems-Murr-Kreis werden bei schwerwiegenden Notfallereignissen (Herz-Kreislauf-Stillstand, Bewusstlosigkeit, Amputation etc.) standardisiert immer parallel zum Rettungsdienst sogenannte Helfer vor Ort von den DRK-Ortsvereinen alarmiert. Mittlerweile gibt es mehr als 170 Helfer. Jede Gemeinde ist abgedeckt.
  • Strukturierte Notrufabfrage bei der Integrierten Leitstelle Rems-Murr bedeutet, dass die Einsatzleitung beispielsweise Telefonreanimation vornimmt.
  • Verbesserung der Wege bei der Notaufnahme am Rems-Murr-Klinikum in Winnenden: Übergabeprozesse wurden verbessert und Übergabezeiten verkürzt.
  • Optimierung von Versorgungsabläufen zwischen Klinikum und Rettungsdienst.
  • Aktivitäten des Kardiovereins „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“ in Kooperation mit dem DRK, ein bundesweit einmaliges Modell.
  • Defi-Netz Rems-Murr: Aufbau einer bundesweit einmaligen Datenbank in der Integrierten Leitstelle Rems-Murr, in welcher die Koordinaten von öffentlich zugänglichen Defibrillatoren erfasst sind.
  • Aufgrund des noch bis ins Jahr 2020 dauernden Ausbaus des Rettungsdienstes zwischen Rems und Murr geht der Bereichsausschuss davon aus, dass auch 2019 die Hilfsfrist gerissen werden wird.