Rems-Murr-Kreis

Roller im Weg, Schaden am Auto: Mann attackiert im Zorn fremdes Kind in Fellbach-Schmiden

Gewalt
Weit verbreitet: Aggression. © Alexandra Palmizi

Ein Erwachsener verletzt auf offener Straße im Zorn ein fremdes Kind: Das ist am Dienstagnachmittag in Fellbach-Schmiden passiert. Ein Schaden an seinem Auto hatte zum Wutausbruch geführt.

Ein 39-jähriger VW-Fahrer hatte in der Meißner Straße in Fellbach-Schmiden in eine Tiefgarage einfahren wollen. In der Einfahrt spielte ein zehnjähriger Junge zusammen mit zwei Freunden. Die Kinder gingen auf die Seite, um das Fahrzeug passieren zu lassen, heißt es im Polizeibericht – doch ließ eines der Kinder seinen Roller in der Einfahrt liegen. Der VW-Fahrer bemerkte das nicht und fuhr über den Roller hinweg, was einen Schaden an seinem Wagen verursachte.

Zehnjähriger leicht verletzt

Die Kinder erschraken und rannten weg. Das versetzte den 39-Jährigen offenbar in Wut, weil er jemanden für den Schaden verantwortlich und später haftbar machen wollte. Der Mann bekam den Zehnjährigen zu fassen und „zog ihn offenbar mehrere Meter über den Asphalt“, wie es im Polizeibericht weiter heißt. Der Junge erlitt leichte Verletzungen. Damit nicht genug: Der 39-Jährige nahm dem Jungen einen Schuh weg, sozusagen als Pfand – „damit der Junge für die Schadensregulierung mit seinen Eltern wieder zurückkommt“.

Mehr Gewalt im öffentlichen Raum

„Die Gewaltbereitschaft steigt in allen Bereichen, der Respekt nimmt ab“, hatte Polizeipräsident Reiner Möller Anfang April in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt: Aggressionsdelikte im öffentlichen Raum erreichen inzwischen einen Anteil von rund 40 Prozent an allen Straftaten. Dafür „gibt es viele Gründe“, so Reiner Möller seinerzeit: „Ein wichtiger ist, dass die Einstellung der Menschen sich gewandelt hat.“

Im Schmidener Fall richtete sich die Aggression gegen ein Kind. Dass jemand ein ihm unbekanntes Kind auf offener Straße tätlich angreift, kommt selten vor. Der VW-Fahrer muss jetzt mit einem Strafverfahren rechnen. Zeugen des Vorfalls, der sich am Dienstag kurz vor 16.30 Uhr abgespielt hat, sollen sich bei der Polizei melden, Telefon 0 71 51/9 50-0.

"Man sollte nicht wegschauen"

Wie reagieren Bürger richtig, die aggressives Verhalten beobachten?

„Man sollte nicht wegschauen“, sagt Klaus Bosch aus Schorndorf, Kriminalhauptkommissar a. D., Sicherheitsberater und Gewaltschutz-Trainer. Seine Maxime: „Helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen“ und den Fokus aufs Opfer richten. Sonst eskaliert eine Situation leicht; eine Haltung im Sinne von „Dem Bürschle, dem zeig ich’s“ nützt niemandem. Zumal ein Helfer, der seinerseits einen Täter angeht, nicht mit Hilfe von anderen rechnen kann, das ist Klaus Boschs Erfahrung: Passanten werden denken, selbst schuld, warum hat er sich eingemischt.

Laut rufen, den Aggressor siezen

Deshalb rät Bosch zur Einmischung aus der Ferne: Lassen Sie das Kind in Ruhe! Lassen Sie die Frau in Ruhe! Laut rufen, den Aggressor in jedem Fall siezen, rät Klaus Bosch – und dann: die Polizei rufen. Im Gespräch bleiben und fragen, was zu tun ist, bis eine Streife eintrifft. Abstand zum Aggressor halten, sich nicht selbst in Gefahr bringen – und je nach Situation Passanten gezielt ansprechen und sie um Unterstützung bitten.

Anzeige erstatten

„Die Leute sind gereizt“, diese Einschätzung dürfte Klaus Bosch in diesen Zeiten mit vielen teilen. Die coronabedingte Sondersituation geht an die Nerven, das ist spürbar. Sei es im Supermarkt, wenn’s zu Stresssituationen kommt, wenn sich Leute nicht an Regeln halten. Sei es im Straßenverkehr, der jetzt wieder angezogen hat.

In der Polizei-Statistik taucht natürlich nur auf, was angezeigt wird. Der 39-Jährige, der in Schmiden das Kind anging, kann jetzt nur deshalb einem Strafverfahren unterzogen werden, weil es zur Anzeige kam. Klaus Boschs Rat vor diesem Hintergrund: „Man soll in der Regel immer Anzeige erstatten.“