Rems-Murr-Kreis

Rudersberger Schulzentrum vorsorglich geschlossen

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Bleibt mindestens bis einschließlich kommenden Dienstag (10.03) komplett zu: Das Rudersberger Schulzentrum. © ZVW/Danny Galm

Rems-Murr-Kreis.
„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir im Rems-Murr-Kreis die ersten Coronavirus-Infizierten haben“, sagte Dr. Karl-Michael Hess, Vorstand der Ärzteschaft Rems-Murr Süd, geradezu prophetisch noch am Dienstagmittag im Gespräch mit dieser Zeitung über mangelnde Ausstattung der Ärzteschaft im Kampf gegen den Krankheitserreger und die Ansteckungsgefahr für das medizinische Personal. Am Nachmittag dann die Meldung des Landesgesundheitsministeriums: Bei einem 44-jährigen Mann „mit leichten Symptomen“ aus dem Rems-Murr-Kreis ist am Montag vom Hausarzt ein Mund-Abstrich entnommen worden. Das Testergebnis fiel positiv aus. Wo hat er sich das Virus eingefangen? „Die Infektionskette wird derzeit noch ermittelt. Die stationäre Aufnahme wurde veranlasst“, so das Ministerium.

Unter Beobachtung in Quarantäne im Winnender Klinikum

Der 44-Jährige befindet sich zur Beobachtung in Quarantäne im Winnender Klinikum. Laut Mitteilung des Landratsamtes hat der Mann „eine Vorerkrankung“. Der Gesundheitszustand des Mannes sei aber „medizinisch stabil“. Die Rems-Murr-Kliniken seien aufgrund der Erfahrungen mit Influenza-Patienten vorbereitet und hätten den Patienten isoliert.

Es handelt sich um den Vater zweier Schüler des Rudersberger Schulzentrums. „Als uns das Gesundheitsamt gegen Mittag vom positiven Testergebnis des Vaters informierte, wurden die beiden Kinder vorsorglich aus dem Unterricht genommen. Das Corona-Test-Ergebnis steht bei den beiden noch aus, deshalb haben wir in Absprache mit den Gesundheitsbehörden entschieden, das gesamte Schulzentrum an diesem Mittwoch, 4. März, vorsorglich zu schließen“, sagte Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Schulamtes in Backnang, dieser Zeitung. „Sollte der Test bei den beiden Schülern wie beim Vater positiv ausfallen, müssten wir uns in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt weitere Schritte überlegen.“

Unterdessen hat sich wegen des ersten Corona-Patienten im Winnender Rems-Murr-Klinikum erstmals Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth in einer Videobotschaft an seine Mitbürger gewandt:

Wie geht’s jetzt allgemein weiter mit der Covid-19-Prävention im Kreis?

Erst am vergangenen Sonntag hatte Landrat Dr. Richard Sigel zusammen mit den Landräten der Nachbarkreise Esslingen, Göppingen und Ludwigsburg an Landesgesundheitsminister Manfred Lucha geschrieben und landesweite Mobile Dienste zwecks Corona-Virus-Tests zu Hause bei potenziell Infizierten angeregt. Denn: Es sei wichtig, Kontakte Covid-19-Erkrankter oder potenziell Infizierter mit anderen Menschen zu vermeiden. „Somit sollten diese Personen auch möglichst nicht in Krankenhaus-Notaufnahmen, Notfallpraxen oder Gesundheitsämter kommen müssen.“

Bei Hausbesuchen könne auch die Beurteilung erfolgen, „ob die Person aufgrund ihres Gesundheitszustandes ins Krankenhaus eingewiesen werden muss oder ob eine häusliche Isolation möglich ist“. Der Ärzteschaft sei es nicht möglich, solche Hausbesuche und Test-Mundabstriche parallel zur Regelversorgung durchzuführen, auch mangels Infektionsschutzausrüstung. „Abhilfe könnte durch eine personelle Aufstockung des ärztlichen KV-Notdienstes und dessen zentrale Ausstattung mit PSA (persönliche Schutzausrüstung) geschaffen werden“, so die Landräte an Lucha.

Landrat Dr. Sigel ist nun jedoch der Meinung, dass die Beteiligten auf diese Entlastung nicht länger warten können: Deshalb habe der Rems-Murr-Kreis „angesichts der aktuellen Vorkommnisse bereits alle Vorbereitungen für eine zentrale Anlaufstelle für Verdachtsfälle getroffen“, heißt es in einer Mitteilung des Landratsamtes.

Dem Vernehmen nach soll die Örtlichkeit dieser zentralen Anlaufstelle an diesem Mittwoch bekanntgegeben werden. Diese wird auch von der Ärzteschaft begrüßt. Laut deren Sprecher Dr. Karl-Michael Hess kursierten schon seit einigen Wochen Frust und Sorgen, die dem Landratsamt gegenüber auch geäußert wurden. „Wir niedergelassenen Ärzte haben zumeist gar nicht die Ausstattung, um Patienten auf das Coronavirus zu testen“, so Hess.

„Bei Verdacht zu Hause bleiben, den Arzt nur anrufen!“

Es fehle an Schutzausrüstung, also Atemschutzmasken der Güteklasse FFP3, Schutzbrillen und Schutzkleidung. So dass auch keine Hausbesuche machbar seien, schon gar nicht wegen der momentanen Regel-Patienten-Belastung während der momentanen Infekt-Zeit. Eine Forderung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns zur „Unterstützung der Regelversorgung in Bezug auf Covid-19 durch einen flächendeckenden Hausbesuchsdienst“ wäre unmöglich umzusetzen gewesen, sagte Hess.

Und: Die meisten Arztpraxen hätten keine isolierfähigen Räumlichkeiten, um bei Verdachtspatienten einen Mundabstrich zu nehmen. „Es besteht ja dann immer die Gefahr der Ansteckung der gesamten Praxis. Also: Bitte zu Hause bleiben und nur anrufen“, betont Dr. Hess.

Infektionsrisiko in den Arztpraxen

Der Schorndorfer Allgemeinmediziner Dr. Klaus Mannschreck und Arzt-Kolleginnen hätten zwar in ihrer Gemeinschaftspraxis ein isolierfähiges Zimmer, wo man im Notfall von Infizierten einen Text-Mund-Abstrich machen könnte. „Aber das hat auch keinen gesonderten Eingang“, sagt Mannschreck. „Selbst wenn wir genügend Schutzausstattung hätten und einen Patienten außerhalb der Sprechstunden ins isolierfähige Zimmer durch die leere Praxis bringen würden, wenn der Test später positiv ausfiele, wäre das Hygiene- beziehungsweise Infektionsrisiko für unsere Praxis zu groß. Wir müssten dann wohl für mindestens zwei Wochen dichtmachen.“

So verwiesen Mannschreck und andere Ärztinnen und Ärzte in der jüngsten Vergangenheit bestimmte Patienten an das Gesundheitsamt. „Unsere Praxis hatte nach telefonischer Anamnese drei Verdachtsfälle, die wir an das Gesundheitsamt verwiesen haben. Das Gesundheitsamt hat in einem Fall einen Hausbesuch und Mundabstrich veranlasst. Der Test ist aber negativ ausgefallen“, sagte Dr. Mannschreck.

Ein Kinderarzt beruhigt besorgte Eltern

„Bleibt vernünftig. Geht nicht unnötig schnell zum Arzt, verstopft die Wartezimmer und steckt womöglich dadurch noch andere an. Ruft erst mal nur an“, appelliert auch der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel an Mütter und Väter. „Schon weil Coronaverläufe bei Kindern unter 9 oder 10 Jahren ohne Vorerkankungen relativ milde sind und bislang nicht lebensgefährlich zu Tage traten. Das zeigen die Erfahrungen in anderen Ländern, auch in China.“ Auch er könne mangels Ausstattung keine Corona-Testabstriche machen.

Wenn man mit den Kindern nicht in einem Corona-Risiko-Gebiet gewesen ist oder Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatte, seien Erkältungssymptome beim Kind höchstwahrscheinlich eben nur auf eine Erkältung oder grippalen Infekt zurückzuführen. Es sei eben gerade Infektzeit, sagt Dr. Brügel.

„Hat das Kind 38,5 Fieber und Husten, rennt aber in der Wohnung oder im Haus rum, ist lebendig und spielt und zeigt keine besorgniserregenden Symptome, auch dann wäre Zu-Hause-Bleiben und Hausmedizin die beste Lösung.“ Kinder sollten nach Abklingen eines Infekts sogar lieber noch zwei Tage daheim bleiben und fit sein, bevor sie wieder Kita oder Schule besuchen – wegen der Ansteckungsgefahr für andere..