Rems-Murr-Kreis

Sind unsere Bahnhöfe barrierefrei?

Barrierefrei
Defekt! Dieser Aufkleber ist leider viel zu häufig an den Aufzügen der Bahnhöfe zu finden. Zum Beispiel am 9. August in Waiblingen. © Habermann / ZVW

Winnenden. 20 der 26 Bahnhöfe im Rems-Murr-Kreis haben das Prädikat „Barrierefrei“. Das heißt aber nicht, dass Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte oder Eltern mit Kinderwagen problemlos mit Aufzügen zu den Gleisen gelangen. Die durchschnittliche Verfügbarkeit beträgt zwar „97 Prozent“. Das bedeutet aber konkret: An elf von 365 Tagen im Jahr ist nichts mit barrierefrei.

97 Prozent ist ein Durchschnittswert, den die Deutsche Bahn Station & Service AG auf eine Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Siegfried Lorek hin nannte. Und die 97 Prozent beziehen sich zudem nur auf die kundenrelevanten Zeiten von 6 bis 22 Uhr. Und es handelt sich um einen Durchschnittswert. Vor Ort kann dies ganz anders ausschauen wie der barrierefreie Bahnhof in Winnenden, der Heimatbahnhof von Siegfried Lorek, mit seinen dauerdefekten Aufzügen Ende vergangenen Jahres und in diesem Frühjahr zeigte. „Es ist völlig inakzeptabel, dass die Aufzüge der Bahn häufiger defekt sind“, sagt Lorek, der selbst regelmäßig mit seiner Frau und dem Kinderwagen mit der Bahn nach Stuttgart fährt.
 


„Gerade mobilitätseingeschränkte Menschen sowie Eltern mit Kinderwagen müssen sich auch darauf verlassen können, dass die Bahnsteige auch tatsächlich barrierefrei erreichbar sind.“

Diese sechs Bahnhöfe sind nicht barrierefrei

20 der 26 Bahnhöfe im Rems-Murr-Kreis haben einen barrierefreien Zugang zu den Bahngleisen, weist eine Übersicht des baden-württembergischen Verkehrsministeriums aus. Auf einen Umbau warten entlang der Remsbahn folgende Bahnhöfe:
 

  • Plüderhausen (kein Termin);
  • Urbach (kein Termin);
  • Geradstetten (Zugangsrampe zu Gleis 2 soll Dezember 2018 fertig sein);
  • Stetten-Beinstein (Aufzüge zu Gleis 1 und 2 werden nachgerüstet, Inbetriebnahme voraussichtlich im Dezember 2020).
     

Entlang der Murrbahn ist der Oppenweiler nicht barrierefrei sowie der Bahnhof Backnang nur bedingt. In Backnang sollen drei Aufzüge an den städtischen Steg angebaut werden. Über mangelnde Fördergelder sollte die Bahn nicht klagen, wenn sie ihre Bahnhöfe modernisiert. Das Land fördert eigenen Angaben zufolge „Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse der Gemeinden“, wozu barrierefreie Bahnhöfe zählen, mit der Hälfte der Kosten. Bei der Nachrüstung an der Station Stetten-Beinstein übernimmt das Land sogar 88 Prozent der zuwendungsfähigen Investitionskosten sowie 70 Prozent der Planungskosten.

Lorek: „Die Herstellung der Barrierefreiheit wird durch das Land mit mindestens 50 Prozent der Baukosten unterstützt. Dann ist definitiv auch von der für die Haltestellen zuständigen DB Station & Service AG zu erwarten, dass sie sich ordentlich um die Wartung ihrer Aufzugsanlagen kümmert. Hierzu gehört ein Wartungsvertrag mit einer kurzen Reaktionszeit sowie der Vorhaltung von notwendigen Ersatzteilen.“

Das sagen Land und Bahn

Dass die Aufzüge in den als barrierefrei deklarierten Bahnhöfen funktionieren, ist dem Land ein großes Anliegen. „Deshalb dringt das Verkehrsministerium bei bekannten Ausfällen auf deren Behebung.“ Zuständig freilich ist die DB Station & Service AG. Konkret zu den vielen Defekten in Winnenden schreibt das Verkehrsministerium, es bedauere den aktuellen Zustand am Bahnhof Winnenden und erwartet. „dass die DB Station & Service AG diesen Missstand beseitigen wird“.

Lorek hatte sich auch an die Bahn gewandt. In der Antwort der DB Netze heißt es: „Am Bahnhof Winnenden kam es vereinzelt zu länger andauernden Störungen durch Vandalismus und fehlende spezielle Ersatzteile.“ Dies erkläre die langen Ausfallzeiten im Oktober 2007. Aber auch im Frühjahr 2018 fielen mehrfach wieder Aufzüge aus. Das Bahnhofsmanagement kümmere sich an 83 Bahnhöfen in der Region Stuttgart um 100 Personenaufzüge und 62 Fahrtreppen. Die Verfügbarkeit in „kundenrelevanter Zeit“ von 6 bis 22 Uhr liege bei 97 Prozent., „die wir durch permanentes Monitoring und entsprechende Maßnahmen, wie die Erhöhung der Ersatzteilverfügbarkeit, sicherstellen“. – Derzeit ist im Waiblinger Bahnhof wieder ein Aufzug defekt. Allem Monitoring zum Trotz.


Ziel: Barrierefrei

Die Barrierefreiheit von öffentlichen Verkehrsmitteln gehört zu den Zielen, die im Regionalverkehrsplan 2025 festgelegt sind. Nach dem aktuellen Stand haben 79 Stationen in der Region Stuttgart einen barrierefreien Zugang zum Bahnsteig. So könnten heute bereits 97 Prozent der Fahrgäste den Bahnsteig stufenfrei erreichen, heißt es im RVP.

Beim Einstieg in die Züge sieht es jedoch anders aus. Barrierefreiheit wird nur bedingt erreicht. Die optimal auf die S-Bahn-Fahrzeuge in der Region abgestimmte Bahnsteighöhe beträgt 96 Zentimeter über Schienenoberkante. Im Netz der S-Bahn Stuttgart weisen nach heutigem Stand noch 32 von 83 Stationen eine Höhe von 76 Zentimeter auf, so dass beim Einstieg in das Fahrzeug eine Stufe von mehr als 20 Zentimeter zu überwinden sei. Planungen für eine Bahnsteigaufhöhung laufen unter anderem in Rommelshausen.

Das Problem ist, dass außer S-Bahnen auch Regionalzüge an manchen Bahnhöfen halten und die Einstiegshöhen unterschiedlich sind. Mit der aktuellen S-Bahn-Flotte aus ET 423 und ET 430 werde in jedem Zug eine Anlegerampe mitgeführt, mit der Rollstuhlfahrende in den Zug gelangen können. Die ET 430 genügen vollständig den formalen Ansprüchen der Barrierefreiheit. Die ET 423 wurden mit Informationssystemen und Sprechanlagen nachgerüstet.

Taktile Leitsysteme auf den Bahnsteigen sind laut Verband Region Stuttgart an 26 S-Bahn-Stationen vorhanden. Für die Nachrüstung der S-Bahnsteige mit taktilen Leitsystemen und Informationssystemen kommen ebenfalls zunächst die stark frequentierten Stationen infrage.