Rems-Murr-Kreis

Skandal auf der Rems-Schiene

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Am Montag um 8.30 Uhr ist das elektronische Stellwerk Schorndorf ausgefallen. © Joachim Mogck

Waiblingen/Schorndorf. Wie soll man das nennen – Chaos auf der Schiene? Der richtige Ausdruck ist: Skandal auf der Schiene. Die Bahn hatte am Montagmorgen wegen einer Stellwerkstörung mal wieder überhaupt nichts im Griff: S-Bahn-Ausfälle zwischen Schorndorf und Waiblingen, desaströse Nichtinformationspolitik, ratlos auf der Suche nach Ersatzbussen umherirrende Passanten.

„Stellwerkstörung“ mal wieder, klagt der ältere Kunde – damit sei klar: Nicht Go-Ahead ist schuld, der neue Betreiber des Regionalbahnverkehrs auf der Remsschiene; denn für funktionierende Stellwerke „ist eindeutig die Bahn zuständig.“ Aber die lasse die Strecken-Infrastruktur verwahrlosen. „Stellwerkstörung, Stellwerkstörung“, seit Jahren gehe das so, und der Dauer-Ärger „hat ein Gesicht: Mehdorn. Stuttgart 21. Die Bahn-Politik.“ Anstatt sich um ihre Kernaufgabe zu kümmern und die Schienenwege in Schuss zu halten, investiert die Bahn rund um die Welt in Logistikunternehmen, lässt Flugzeuge aufsteigen, Lastwagen brummen; und versenkt nebenbei Milliarden in der Stuttgarter Baugrube.

Waiblinger Bahnhof, 9.45 Uhr. Die Regionalbahnen von Go-Ahead werden ankommen. Irgendwann. Der 9.28er und der 9.59er aus Schorndorf sind auf der Anzeigetafel mit jeweils 40 Minuten Verspätung angekündigt. Die S-Bahnen? Nichts geht. Seit 8.30 Uhr, wie ein Bahnsprecher später mitteilen wird (zu den Hintergründen siehe Extra-Text „Nur drei Ersatzbusse – der IC stand 80 Minuten“).

Frage in die Runde der ratlos auf die Tafel Starrenden: Wissen Sie, wie's weitergeht? Erster Mann: „Überhaupt nichts. Nicht mal ne Auskunft kriegt man. Einmal hieß es: Es besteht ein Busnotverkehr. Aber wo er fährt, weiß niemand.“ 

Nicht einsteigen bitte!

Zweiter Mann: Um 7.20 Uhr sei er in Vaihingen/Enz losgefahren, er wolle nach Winterbach. Jetzt ist es 9.54 Uhr, und wie er weiterkommen solle, wisse er nicht.

Dritter Mann: „Auf bahn.de hieß es, Ersatzverkehr ab 9.15 Uhr. Jetzt ist es 9.55 Uhr.“ Er wolle doch bloß, verdammt nochmal, von Cannstatt nach Geradstetten!

Fragen wir im Service-Center. Während der Reporter reingeht, kommt gerade eine Frau raus und bittet: „Seien Sie nett zu denen da drinnen! Die können doch auch nichts dafür.“ Na gut, also ganz höflich: Guten Tag, wo fährt der Ersatzbus? Frau am Schalter: „Vor dem Bahnhof, hinterm Zebrastreifen beim Pavillon.“ Also hin.

Dort stehen an die hundert Menschen. Eine Frau sagt: „Ich will nach Rommelshausen, ich hab um 10.30 Uhr einen Zahnarzttermin. Da wird mir ein Zahn gezogen. Seit Januar hab ich damit Ärger. Wenn das nicht klappt, krieg ich einen Herzkasper.“
Doch siehe, Punkt 10 Uhr kommt ein Bus. Gedränge, Kampf um die besten Plätze in der Schlange vorm Einstieg. Die Kundin in der Pole-Position fragt: „Nach Schorndorf?“ Der Busfahrer: „Nee . . . Nicht einsteigen bitte! Hallo! Nicht einsteigen!!“
Und wann, lieber Mann, kommt der Ersatzbus? „Kann ich Ihnen nicht sagen.“

"Keiner sagt einem was!"

„Katastrophe“, murmelt jemand. „Der letzte Busfahrer hat gesagt: In zwei Minuten kommt der Ersatzbus – aber jetzt steh ich hier seit 40 Minuten.“

10.05 Uhr, wieder biegt ein Bus in die Haltebucht für den Notverkehr. Die Türe öffnet sich. Nach Schorndorf? Der Busfahrer schüttelt den Kopf, drückt schnell den Knopf, und während die Tür sich vor den Nasen der Wartenden mit einem Zischen schon wieder schließt, ruft er noch tröstend durch den schmäler werdenden Schlitz: „Es kommt mit Sicherheit einer.“

Langsam macht sich Meuterstimmung breit. „Keiner sagt einem was! Scheiß-Organisation!“

Ein Mann klagt: Er wollte mit der S-Bahn von Stuttgart nach Winterbach, wurde in Waiblingen ausgespuckt – unterwegs auf der Strecke aber habe es „keine Information“ gegeben, wie es weitergeht, „es gibt nie ne richtige Information!“ Und in Waiblingen: „Nirgends ein Schild, nirgends ein Wegweiser“ Richtung Ersatzbus-Haltestelle. „Ist doch alles nur grauenhaft. Und dann heißt's, man soll den öffentlichen Nahverkehr benutzen.“

Die Ersatzbus-Türen gehen kaum noch zu

10.07: Der Ersatzbus kommt – ja, diesmal ist er es tatsächlich. Eine Lehrerin pfercht ihre Kinderlein rein, hoffentlich geht jetzt keines verloren im Gedränge, „wir wollen ins Schullandheim nach Gschwend.“ Ruckzuck sind die Sitzplätze belegt, auf dem Gang drängen sich etwa 40 weitere Leute stehend so dicht, dass die Türen kaum noch zugehen – und auf der Straße bleibt ein Dutzend Leute resigniert zurück.

An Gleis 7 aber fährt, man staune, um 10.15 Uhr die Go-Ahead-Regionalbahn von Schorndorf her ein – und da schau her, wer aussteigt: der Zeitungskollege Joachim Mogck. Er sei, erzählt er, um 8.40 Uhr an den Schorndorfer Bahnhof gekommen, auf der Anzeigetafel „sah da noch alles harmlos aus“. Er habe sich bloß gewundert: Warum stehen dann überall so viele ratlos guckende Menschen rum? „Dann gab es eine Durchsage: Stellwerkstörung. Die Leute haben nicht gewusst, was tun. In den Durchsagen hieß es immer bloß: Stellwerkstörung, Stellwerkstörung, Stellwerkstörung. Auf einmal hieß es: Der Ersatzbus fährt in der Grabenstraße ab.“ Also seien alle losgerannt. Er aber habe zu warten beschlossen – und jetzt, Grüßgott, sei er ja da. Tja, ergänzt der erfahrene Bahnpendler knochentrocken: „War halt mal wieder Chaos.“


Nur drei Ersatzbusse – der IC stand 80 Minuten

Die Störung: Am Montag um 8.30 Uhr, teilt ein Bahnsprecher mit, sei das „elektronische Stellwerk Schorndorf“ ausgefallen, „das von Waiblingen aus bedient wird. Es waren keine Bedienhandlungen mehr möglich.“ Gegen 10.15 Uhr habe das Stellwerk wieder funktioniert. In der Ausfallzeit war der Streckenabschnitt Schorndorf-Waiblingen unbefahrbar. Bereits am Sonntag war die Strecke teilweise nicht befahrbar gewesen. In dem Fall hatte das Stellwerk in Waiblingen nicht funktioniert.

Die gestrandeten Züge: Alle Züge, die in dem Moment, als das Stellwerk in die Knie ging, bereits auf der Strecke unterwegs waren, wurden „zurückgesetzt an die nächstliegenden Bahnsteige“ – so habe man den Reisenden „die Möglichkeit gegeben, auszusteigen“. Betroffen waren davon auch der IC Stuttgart-Nürnberg („er stand 80 Minuten in Winterbach“) und der IC Nürnberg-Stuttgart („er stand 46 Minuten in Schorndorf“). Die nachfolgenden IC-Züge seien „großräumig über die Murrbahn umgeleitet“ worden.

Die Ersatzbusse: Da der Stellwerk-Ausfall mitten in der morgendlichen Hauptverkehrszeit lag, sei es „schwierig“ gewesen, Ersatzfahrzeuge bei Bus-Unternehmen zu akquirieren. Schließlich sei es gelungen, „drei Busse“ aufzutreiben, die zwischen Schorndorf und Waiblingen pendelten. Deren Kapazität habe aber „natürlich nicht“ gereicht, um den Ausfall aller Züge zwischen 8.30 Und 10.15 Uhr zu kompensieren. Zur Einordnung: Von Schorndorf nach Waiblingen fahren morgens zwischen 8.30 und 10.15 Uhr sieben S- und vier Regionalbahnen, hinzu kommen weitere sieben S- und vier Regionalbahnen in die Gegenrichtung.