Rems-Murr-Kreis

So erfolgreich sind unsere Kreisschulen

Klassenzimmer Schule Stühle Klasse Symbol Symbolbild
Symbolbild. © Pixabay (CC0 Creative Commons)

Waiblingen. Schulen sind Sache der Städte und Gemeinden? Bei weitem nicht nur. Acht berufliche Schulen und fünf sonderpädagogische Einrichtungen betreibt der Rems-Murr-Kreis, dazu mehrere Schulkindergärten für Menschen mit Behinderung. Das Angebot erfreut sich großer Beliebtheit – drei ermutigende Thesen zum Stand der Dinge; und eine, die eher besorgt stimmt.

These 1: Die beruflichen Schulen im Kreis werden sehr gut angenommen.

„Erfolgsgeschichte“: Das Wort wählte bei der Vorstellung des Schulberichts 2018 in der jüngsten Sitzung des Verwaltungs-, Schul- und Kulturausschusses Landrat Richard Sigel – die Zahlen geben ihm recht. In den 70ern besuchten pro Jahr etwa 8000 Schüler die beruflichen Schulen im Rems-Murr-Kreis. 2016 gab es einen Allzeitrekord: mehr als 11 200 Schüler. Danach hätte es laut Prognose des Statistischen Landesamtes einen Rückgang geben müssen auf 10 000 Schüler; in Wahrheit sind es aktuell immer noch gut 11 000.

Der Mix stimmt, von beruflichen Gymnasien über duale Ausbildung und Berufskolleg bis zu Förderprogrammen wie AV Dual (dazu später mehr). Besonders sticht die Entwicklung der Grafenbergschule Schorndorf heraus: Die Schülerzahlen sind von 2014 bis 2018 um 12 Prozent gestiegen, vor allem wegen des starken Zuwachses bei den Bauberufen.

These 2: Inklusion hin oder her – die Sonderschulen boomen.

Kinder mit und ohne Behinderung lernen zusammen in derselben Schule: Das ist eine der Grundideen der Inklusion. 2006 unterzeichnete Deutschland eine UN-Konvention, die ein „inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen“ fordert. Der Landtag von Baden-Württemberg verabschiedete 2015 eine Änderung des Schulgesetzes: Eltern von betroffenen Kindern können seither wählen zwischen einer allgemeinen Schule oder einer sonderpädagogischen.

Theoretisch hätten danach die Schülerzahlen in Sonderschulen schrumpfen müssen. Praktisch war 2018 für solche Schulen an Rems und Murr das Jahr mit der zweithöchsten Belegungszahl in der Kreisgeschichte: 639 Kinder und Jugendliche, nur fünf weniger als im Allzeitrekordjahr 2006.

In der Fröbelschule Schorndorf, die vor zehn Jahren 75 Schüler beherbergte und heute mehr als 100 betreut, herrscht bereits Raumnot, es gibt Gedankenspiele für bauliche Erweiterungen.

Warum ist das so? An der Fröbelschule besteht eine Klasse aus sechs Schülern, und auf 101 Kinder kommen 65 Lehrkräfte (wenngleich viele in Teilzeit). Die Kinder genießen Schutzräume, Nähe, intensive Förderung, das Personal kann auf ihre speziellen Bedürfnisse sensibel und hochindividuell eingehen. Den allermeisten Eltern ist das offenbar wichtiger als eine sicher gut gemeinte Inklusion in eine Regelschule.

These 3: Flüchtlingsintegration? Die beruflichen Schulen schaffen das.

143 Flüchtlinge haben von 2015 bis 2018 ihren Hauptschulabschluss gemacht an den beruflichen Schulen des Kreises, 114 wurden in Ausbildung vermittelt. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Programm AV Dual: Besonders betreuungsbedürftige junge Leute gehen einerseits zum Unterricht und werden andererseits über Betriebspraktika an das Berufsleben herangeführt; obendrein werden sie von AV-Dual-Begleitern an die Hand genommen, unterstützt, beraten. Im Schuljahr 2017/2018 schafften fast 80 Prozent der jungen Flüchtlinge, die an AV Dual teilnahmen, ihren Schulabschluss, rund die Hälfte ergatterte direkt im Anschluss einen Ausbildungsplatz.

Zitat aus dem Schulbericht 2018: Es habe sich gezeigt, dass der „Betreuungsbedarf bei Geflüchteten besonders im Bereich der Praktikumssuche oder auch der allgemeinen Orientierung im deutschen Behördenalltag noch recht hoch“ sei – gleichzeitig falle aber „eine überdurchschnittlich hohe Motivation“ auf und „die Bereitsschaft, die gebotenen Chancen zu ergreifen“.

Zumindest in diesem Bereich also lässt sich mit Fug und Recht sagen: Wir schaffen das.

These 4: Die Pflege-Ausbildung ist ein Sorgenkind.

Acht Prozent Rückgang zwischen 2014 und 2018: In der Entwicklung der Schülerzahlen an der Maria-Merian-Schule Waiblingen, wo die Pflegeberufe einen Schwerpunkt bilden, spiegelt sich ein grundsätzliches Problem. Aktuell sei an der Merian-Schule „die Hälfte der Altenpflegeplätze unbesetzt“, berichtete Dr. Michael Vogt, beim Landratsamt Leiter des Amts für Schulen, Bildung und Kultur, im Kreistagsausschuss. In einer alternden Gesellschaft den Bedarf an Pflegepersonal zu decken – das ist eine große Zukunftsaufgabe an Rems und Murr wie in ganz Deutschland. Ein Schritt zur Lösung soll die von der Bundesregierung beschlossene Reform der Pflege-Ausbildung sein: Alten- und Krankenpflege werden zusammengelegt, in allen Pflegeschulen beginnt künftig die Ausbildung mit einer zweijährigen generalistischen Einheit, erst danach folgen Spezialisierungen. Ziel: mehr Personal speziell für die Altenpflege zu gewinnen und die Pflegeberufe insgesamt wieder attraktiver zu machen.

Ob es gelingt? Das weiß momentan noch niemand. Eine anständige Entlohnung wäre womöglich hilfreicher.


Digitalisierung

Wie gelingt Bildung in Zeiten der Digitalisierung? Dieser Herausforderung stellen sich die beruflichen Schulen im Kreis offenbar recht entschlossen – zum Beispiel mit mittlerweile bereits 26 Tablet-Klassen, in denen der mobile Computer zum täglichen Unterrichtsalltag gehört. Eine Mathematik-Lehrerin hat die Vorteile des Geräts einmal so beschrieben: „Um eine Sinuskurve auf ein Blatt Papier zu zeichnen, benötigt ein Schüler etwa fünf bis sieben Minuten. In der gleichen Zeit kann ich mit einem Tabletcomputer in etwa 100 verschiedenen Schaubildern aufzeigen, welche Auswirkungen es auf die Kurve hat, wenn ich einzelne Parameter verändere.“

Im Schulbericht 2018 des Landkreises heißt es: Das Tablet habe sich „zu einem bewährten Lehr- und Lernwerkzeug im schulischen Umfeld entwickelt“; und noch markanter: „Die Potenziale von Tablets als ,Schweizer Taschenmesser der Medienpädagogik’ sind mittlerweile fast unbestritten.“