Rems-Murr-Kreis

So kämpfen Naturparks gegen das Artensterben

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Eine Honigbiene voller Blütenstaub fliegt die nächste Blume an. © Evi Seeger
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Ein Feuersalamnder.
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Amphibienamt
Ihnen liegt der Schutz von Amphibien im Rems-Murr-Kreis am Herzen (von links): Stefan Hein und Dietmar Reiniger. © Gaby Schneider

Welzheim. Wie kann zu Hause auf das weltweite Problem des Artensterbens reagiert werden? Vertreter der sieben Naturparks in Baden-Württemberg stellten im Welzheimer Rathaus ihre Strategien vor, um der Natur zu ihrem Recht zu verhelfen. Hoffnungen liegen dabei auf den im vergangenen Jahr angelegten Wildblumenwiesen. Sie sollen alle Menschen dazu anregen, Ähnliches zu tun.

96 Flächen mit insgesamt 46 211 Quadratmetern sind im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald zu Naturwiesen geworden. Einige der Flächen davon liegen auch im Rems-Murr-Kreis, beispielsweise in Alfdorf, die anderen in den benachbarten Kreisen Heilbronn, Ludwigsburg, Schwäbisch Hall, Hohenlohe und Ostalbkreis, die ebenfalls zu unserem Naturpark gehören. Und der Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald ist damit nicht allein. Sieben Naturparks gibt es in Baden-Württemberg; Vertreter aller trafen sich nun in Welzheim. Um Finanzen ging es, um die Projekte und natürlich um die eine Million Arten, die weltweit vom Aussterben bedroht sind.

460 Wildbienenarten im Ländle

Unter dieser Million sind viele Insekten. 45 Prozent der 460 Wildbienenarten, die in Baden-Württemberg heimisch sind, stehen auf der Roten Liste. Es sind Tiere wie die Seidenbiene oder die frühe Schlürfbiene. Damit diese Bienen endlich wieder einen Lebensraum finden, wurden im vergangenen Jahr standortangepasste, regionale und mehrjährige Wildblumensamen eingesät. Und so langsam werden die Wiesen tatsächlich auch bunt. Doch die vielen Quadratmeter im Schwäbisch-Fränkischen Wald reichen genauso wenig, wie die Gesamtfläche von 33,5 Hektar in allen sieben baden-württembergischen Naturparks reicht, um dem Insektensterben Einhalt zu bieten. Es ist zu wenig, liegt zu weit auseinander. Insekten brauchen ein engvernetztes Biotopsystem, um sich ernähren und ihren Genpool bei der Fortpflanzung austauschen zu können. Ihre Flugstrecken sind kurz.

Blumenwiesen auf Schulgelände

Damit die Arbeit der Naturparks nicht umsonst ist, werden die Kinder als Multiplikatoren und Erzieher ihrer Eltern mit ins Boot geholt. Vor allem in den Naturparkschulen – fünf davon gibt es schon im Rems-Murr-Kreis – wird ein Fokus auf Naturerfahrung und -wissen gelegt. Wildblumenwiesen auf dem Schulgelände gehören mit dazu.

Die vom Naturpark angelegten Blühwiesen, sagt Bernhard Drixler, Geschäftsführer des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald, könnten nur ein Zeichen sein. Es gehe um die Sensibilisierung der Bevölkerung. Dafür sind innerhalb von zwei Jahre 370 000 Euro vom Land in die Naturparks geflossen. Doch es zähle jede Fläche – auch im Kleinen.

Gartenbesitzer sollten’s auch einfach mal wachsen lassen, Gewerbetreibende werden angesprochen, damit sie Blühflächen auf ihrem Gelände anlegen. Landwirte bauen inzwischen Blühflächen an, um dann die Samen abzuernten – eine neue Einnahmequelle und der Start für neue Wildblumenwiesen. Im Naturpark Südschwarzwald gibt es sogar „Wiesenmeisterschaften“: Landwirte, die bei der Bewirtschaftung ihres Grünlands auf hohen Artenreichtum achten und zugleich möglichst gutes und ausgewogenes Futter fürs Vieh damit erzeugen, werden ausgezeichnet.

Die Naturpark-Landwirte

Ein wichtiger Bestandteil der Naturpark-Arbeit ist die Zusammenarbeit mit den Landwirten. Denn die Landwirte sind diejenigen, die unsere artenreiche Kulturlandschaft pflegen und damit auch schützen.

Um die Arbeit der Landwirte zu unterstützen, gibt es deshalb regelmäßig Naturparkmärkte. Der nächste findet am Sonntag, 19. Mai, in Plüderhausen statt.

Der Brunch auf dem Bauernhof findet dieses Jahr am Sonntag, 4. August, statt. Im gesamten Naturparkgebiet laden landwirtschaftliche Betriebe ein zu einem Brunch-Buffet mit regional produzierten Speisen und Getränken. Wer in diesem Jahr mit dabei ist, wird noch bekanntgegeben.


Waiblingen. Von geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit ist bis zu eine Million vom Aussterben bedroht. Zu diesem Fazit eines jüngst vorgestellten UN-Berichts passt ein Vorhaben des Landratsamtes: Noch in diesem Jahr soll ein „Runder Tisch Amphibienschutz“ organisiert werden, denn Molche, Unken, Frösche und Salamander werden immer seltener.

„Wir konnten schon lang kein Wachsen der Bestände mehr verzeichnen, stattdessen werden viele Arten immer seltener“, sagt Dietmar Reiniger, Amphibienschutzbeauftragter des Landratsamts. Man sei allerdings bemüht, das weitere Aussterben von ganzen Arten, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, zu verhindern.

So wurden beispielsweise im Rahmen der Aktion „5 vor 12“ fünf künstliche Biotope angelegt, die der Stabilisierung der Populationen von Wechsel- und Kreuzkröten dienen sollen. „Die Kreuz- und die Wechselkröte sind tolle Arten, deren Schutz mir besonders am Herzen liegt“, sagt Reiniger. Sie und alle anderen Amphibienarten tragen zur Biodiversität bei und sind wichtige Glieder der Nahrungskette. „Amphibien vertilgen nicht nur Insekten und Würmer, sondern stellen auch selbst Nahrung für den Reiher oder die Ringelnatter dar.“

Es gibt aber auch Positives zu berichten: „Die Hochzeit der Amphibienwanderung ist nun vorbei und wir konnten an den von uns streng betreuten Stellen im Landkreis keine toten Tiere auffinden. Alle ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen haben gute Arbeit geleistet“, sagt Reiniger. Anhand der Zahl der gewanderten Amphibien lasse sich allerdings nicht auf die Amphibienbestände hier in der Region rückschließen. Die Zahlen seien sehr ungenau und zudem würde nicht jede Amphibie jedes Jahr zum Laichgewässer wandern. Reiniger erläutert: „Es kommt oft vor, dass die Amphibien ein oder zwei Jahre aussetzen. Deswegen schwankt die Zahl der gewanderten Amphibien jährlich.“ Eines stehe leider fest: Die Bestände der Amphibien gehen stetig zurück.

Ehrenamtliche Helfer sind gefragt 

Amphibien machen sich im Frühjahr auf Wanderschaft, Ziel ist ein geeignetes Laichgewässer, in welchem sie ihre Eier ablegen können. Abhalten vom Wandern lassen sich die Amphibien nicht, sie wandern immer wieder zu den Laichgewässern, in welchen sie selbst ihre Metamorphose durchlebt haben. Nicht selten müssen die Amphibien auf dem Weg zu den Laichgewässern Straßen überqueren.

„Die Gefahr für die Amphibien besteht nicht nur darin, überfahren zu werden, sondern auch darin, durch Druck zerquetscht zu werden. Vor dem Auto baut sich ein Überdruck auf, unter dem Auto ein Unterdruck. Ist die Kröte nun unter dem Auto, ist sie diesem Druck ausgesetzt. Dabei platzen die Organe der Kröte“, sagt Reiniger.

Um den massenweisen Tod der Tiere zu verhindern, stellte das Straßenbauamt auch dieses Frühjahr an bekannten Amphibienwanderrouten mobile Schutzzäune auf. Die Zäune führen entlang der Straße und enden bei in den Boden eingelassenen Eimern, in welche die Amphibien hineinfallen. Hier waren ehrenamtliche Helfer gefragt, die die Eimer, möglichst in den frühen Morgenstunden, über die Straße trugen und die Amphibien aus den Eimern befreiten.

Das Landratsamt plant einen „Runden Tisch Amphibienschutz“

Teilweise wurden entlang der Straßen auch stationäre Leiteinrichtungen gebaut. Dabei handelt es sich um Systeme aus Beton, die die die Amphibien entlang der Straße zu kleinen Tunneldurchlässen leiten. Stefan Hein, Dezernent im Landratsamt, erklärt: „Diese Systeme sind sehr teuer. Da liegt man schnell bei mehreren hunderttausend Euro. Deswegen lassen sich sie sich nur selten verwirklichen. Wird eine Straße jedoch neu gebaut oder saniert, kann im Vorfeld abgeklärt werden, ob Schutzmaßnahmen notwendig sind. Diese können dann, mit geringerem Kostenaufwand, in das Straßensystem integriert werden“.

Und: Das Landratsamt plant noch in diesem Jahr einen „Runden Tisch Amphibienschutz“. Bei dieser Veranstaltung soll unter anderem gemeinsam über potenzielle Gefahrenstellen und Verbesserungen diskutiert sowie über Fördermöglichkeiten für mobile Amphibienschutzzäune informiert werden. Ein genaues Datum stehe bis dato noch nicht fest, er soll aber auf alle Fälle vor der nächsten Amphibienwanderung (Frühjahr 2020) stattfinden. Eingeladen wurden hierzu alle Gruppen, die jedes Jahr aufs Neue Aktiv bei den Krötensammelaktionen mitwirken und die Verantwortlichen von der Straßenbauverwaltung.


Was jeder tun kann

Wer selbst etwas zum Schutz der Amphibien beitragen möchte, kann beim Spazierengehen mit dem Hund darauf achten, dass dieser nicht in kleineren Laichgewässern badet, da das eine große Gefahr für die dort angesiedelten Amphibien darstellt. Größere Seen stellen kein Problem dar.

Eine weitere Möglichkeit ist die naturnahe Gestaltung des eigenen Gartens. „Wenn man in seinem Garten einen kleinen Tümpel oder einen Teich anlegt, besteht durchaus die Möglichkeit, dass sich ab und zu eine Kröte hineinverirrt. Wichtig ist nur, dass man, sobald man eine Kröte im Garten gesichtet hat, von nun an auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verzichtet, da diese Irritationen auf der Haut der Amphibien auslösen können“, erläutert Reiniger.