Rems-Murr-Kreis

So steht es um die Unterrichtsversorgung im Kreis

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Grundsätzlich mehr Lehrer einstellen? Oder erstmal regelmäßig ausgefallene Stunden zählen? Der Backnanger SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber kann sich mit der Position von Kultusministerin Susanne Eisenmann nicht anfreunden. © Büttner / ZVW

Backnang/Stuttgart. Zum ersten Mal wurden, kurz vor Ferienbeginn, eine Woche lang alle ausgefallenen Schulstunden in allen öffentlichen Schulen gezählt. Die Zahlen zeigen: Es sah in Land und Kreis im vergangenen Schuljahr nicht gut aus mit der Unterrichtsversorgung. Und für das kommende ist keine Revolution in der Lehrerversorgung angekündigt.

Kultusministerin Susanne Eisenmann sprach von „schulscharfem“ Gewinn von „Steuerungswissen“, als sie am 27. Juli Zahlen veröffentlichte. Der 27. Juli war der zweite Tag der Sommerferien, eine Zeit also, in der Themen wie Unterricht und Schulbesuch bei Betroffenen schlagartig in die allerunereichbarsten Regionen des Bewusstseins hinabsinken.

Gruber: "Immer mehr Schulstunden fallen aus“

Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Zahlen, die im Juni, also kurz vor den Sommerferien, erhoben worden waren, in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden, war somit groß. Aber Kultusministerin Susanne Eisenmann hat offensichtlich nicht mit dem Backnanger SPD-Abgeordneten Gernot Gruber gerechnet.

Der hat, pünktlich zum Ferienende, die Statistik des Kultusministeriums unter die Lupe genommen. Und, so heißt es in seiner Pressemitteilung, es sei ihm nicht entgangen, „dass schulübergreifend immer mehr Schulstunden ausfallen“.

Susanne Eisenmann hatte vom 11. bis zum 15. Juni zum ersten Mal an allen öffentlichen Schulen zählen lassen, wie viele Unterrichtsstunden ausfielen. Rund 4500 Schulen im ganzen Land waren aufgefordert, der Rücklauf, so die Mitteilung auf der Homepage des Kultusministeriums lag bei 100 Prozent. Das heißt definitiv: Das Thema brennt.

Unterrichtsausfall: Das Thema brennt

Über alle Schularten hinweg lag der Unterrichtsausfall bei 4,1 Prozent aller Stunden des Pflichtunterrichts. Das heißt: Stunden, die nicht zum Pflichtunterricht gehören und die die ersten sind, die gestrichen werden, wenn die Lehrer knapp werden, sind nicht mitgezählt. Wie viele Förder- oder AG-Stunden also ausgefallen sind, bleibt im Dunkeln. Den geringsten Unterrichtsausfall gab es bei den Grundschulen mit 1,2 Prozent, allgemeinbildende Gymnasien liegen mit 6,6 Prozent an der Ausfall-Spitze.

Gruber rechnet um: Von 100 Schulstunden fallen in Baden-Württemberg im Schnitt vier Stunden aus. „Das ist deutlich mehr als noch vor zwei Jahren“, kritisiert er. An allen Schulen sei ein Anstieg des Unterrichtsausfalls zu verzeichnen; an Gemeinschaftsschulen um 40 Prozent und an Gymnasien gar um 45 Prozent.

Die Lehrerinnen und Lehrer sind an erster Stelle und mit 33,2 Prozent krank, außerdem sorgen außerunterrichtliche Veranstaltungen, Fortbildungen und Mutterschutz beziehungsweise Elternzeit für den Mangel. Begegnet wird dem Problem mit Vertretungslehrern, aber auch damit, dass Klassen zusammengelegt werden oder noch gesunde und anwesende Lehrerinnen und Lehrer Überstunden machen müssen.

Ministerin Eisenmann will „dem Ausfall von Unterricht wirksam“ vorbeugen

Im Rems-Murr-Kreis fallen an den Grund- und Sonderpädagogischen Schulen sowie an den Gemeinschaftsschulen sogar noch mehr Stunden aus als im Landesdurchschnitt. Bei den Realschulen sieht es erfreulicherweise um zwei Prozentpunkte besser aus, der Rems-Murr-Schnitt liegt bei 2,8 Prozent. In Bezug auf Gymnasien und Berufsschulen gibt es keine exakt für den Kreis ausgewiesenen Zahlen.

Ministerin Eisenmann will „dem Ausfall von Unterricht wirksam“ vorbeugen. Denn es seien „zu einem nicht geringen Teil“ – zu 76,8 Prozent – „planbare Faktoren“ die zu der für alle Beteiligten unbefriedigenden Situation führen.

Es sei Aufgabe der Schulverwaltung, aber auch der Schulen, an „passgenauen Vertretungskonzepten“ zu arbeiten. Am Freitag, 7. September, wird das Backnanger Schulamt seine Konzepte und die Situation der hiesigen Schulen in einem Ausblick auf das kommende Schuljahr öffentlich machen.

Lehrer wurden innerhalb der Schulen und von Schule zu Schule hin und her geschoben

Gernot Gruber allerdings denkt, dass Vertretungskonzepte für Lehrerausfälle, die nicht mit Krankheit zu tun haben, nicht ausreichen werden, um die Schülerinnen und Schüler ausreichend mit Unterricht zu versorgen. Zu dem Drittel Ausfall wegen Krankheit erklärt er: „Die vorgehaltene Krankenvertretung ist vielerorts schon zum Schuljahresbeginn aufgebraucht, da kann die Schulleitung konzeptuell noch so kreativ sein!“

Gruber fordert die Landesregierung auf zu handeln, statt die Verantwortung auf die Schulen abzuschieben. Diese ächzten im vergangenen Schuljahr in ihrer Not schon öffentlich über das Problem und versuchten mit den wildesten Methoden, den Unterricht am Laufen zu halten. Lehrer wurden innerhalb der Schulen und von Schule zu Schule hin und her geschoben, manche Klassen hatten in einem Fach gleich zwei verschiedene Vertretungslehrer, den einen beispielsweise für dienstags, den anderen für donnerstags.

Gernot Gruber erklärt, es sei ihm „unbegreiflich“, wie sich CDU und Grüne weiter gegen einen Ausbau der Krankenreserve sperren könnten. Will heißen: Gruber fordert mehr Lehrerinnen und Lehrer. Kultusministerin Susanne Eisenmann hat bekannt gegeben, dass sie zukünftig mehrmals im Jahr die ausgefallenen Schulstunden zählen lassen will.


Unterrichtsausfall im Kreis

  • Im Bereich des Schulamts Backnang sind in der Zeit vom 11. bis zum 15. Juni in den Grundschulen 1,6 Prozent der Schulstunden ausgefallen. (Baden-Württemberg: 1,2 Prozent)
  • Im Bereich der Werkreal- und Hauptschulen lag der Ausfall bei 3,1 Prozent. (Baden-Württemberg: 3,4 Prozent)
  • Realschulen konnten sich freuen – es fielen nur 2,8 Prozent aus. (Baden-Württemberg: 4,3 rozent)
  • In den Gemeinschaftsschulen sah es schlechter aus: 4,5 Prozent. (Baden-Württemberg: 2,8 Prozent)
  • In den Sonderpädagogischen Einrichtungen lag der Ausfall bei 3,7 Prozent. (Baden-Württemberg: 2,5 Prozent)
  • Zu Gymnasien und Berufsschulen wurden keine Rems-Murr-Zahlen ausgewiesen.
  • Da das Kultusministerium in Zukunft regelmäßig zählen will, wird es sehr interessant sein zu beobachten, wie sich die Zahlen in der klassischen Grippe- und Erkältungszeit entwickeln.