Rems-Murr-Kreis

So viel Obst wie selten zuvor

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So viel Obst wie selten zuvor_0
Ganz selten finden sich in den Bäckereien frische Erdbeer- und Zwetschgenkuchen in der Auslage. Dieses Jahr überschneidet sich die Saison. © Habermann / ZVW
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Die Apfelbäume hängen voll!
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Tomaten gibt es im Überfluss. „Machen Sie einen günstigeren Preis“, baten Erzeuger, „aber nehmen Sie bitte eine größere Menge ab.“
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Mirabellen im Remstal bei Kleinheppach.

Waiblingen/Backnang. Augenfällig wird das üppige Obstjahr ja schon beim Bäcker: Bleche mit Erdbeerschnitten und Zwetschgendatschi liegen da einträchtig nebeneinander. Normalerweise verabschiedet man sich als Verbraucher schweren Herzens vom Genuss der herrlichen Erdbeerschnitten. Etwas zeitversetzt kommt dann erst der „Trost“: Die ersten Bleche mit Zwetschgendatschi erfreuen das Herz. „Dieses Jahr ist es etwas anders als in den Vorjahren“, meint Bäckermeister Tobias Maurer.

„Die Erdbeersaison geht etwas länger als vergangenes Jahr. Bei uns waren es rund zwei Wochen“, so Tobias Maurer. Die Zwetschgensaison hingegen sei zwei Wochen früher gestartet. „Wir beginnen üblicherweise mit den Zwetschgen, sobald es gut backfähige auf dem Markt gibt. Und auch das war in diesem Jahr früher.“ Derlei Überschneidungen hätten durchaus Seltenheitswert. „Es ist jetzt nichts ganz Ungewöhnliches, aber halt auch nicht die Regel“, so Maurer.

„Anfang Juli, als auf den Feldern noch Erdbeeren geerntet werden, war schon die erste Zwetschgensorte Katinka auf dem Wochenmarkt“, bestätigt Daniel Schmid, Obst- und Gemüseanbauer aus Waiblingen. Für das blaue Steinobst sieht es auch nach Auskunft der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) gut aus.

Demnach sei in Baden-Württemberg mit einer „überdurchschnittlichen Ernte“ zu rechnen. Und nicht nur die Verfügbarkeit von Zwetschgenkuchen profitiert von der Wärmeperiode. „Alles kam sofort und in rauen Mengen“, schildert Lebensmittel-Einzelhändler Klaus Abramzik die Lage. Er spricht auch von „Tomaten ohne Ende“.

Die üppige Ernte habe sich teilweise auch in günstigeren Preisen niedergeschlagen. Bei den Remstal-Tomaten hätten drei seiner Lieferanten gebeten: „Machen Sie einen günstigeren Preis, aber nehmen Sie bitte eine größere Menge ab.“ Bei den Erdbeeren konnte Klaus Abramzik früher als in den Vorjahren regionale Ware anbieten und sie auch deutlich länger im Sortiment behalten. „Dieses Jahr geht es dem Remstal richtig gut. Wenn kein Hagel mehr kommt, ernten auch die Wengerter satt.“

Beim Spaziergang ist es schon jetzt kaum zu übersehen: Die Apfelbäume hängen voll. Die Bäume sind sogar „brechend voll“, wie Johannes Eder von der Beratungsstelle für Obst-, Gartenbau und Landschaftspflege im Landwirtschaftsamt sagt. Auch der Fachmann geht von einer üppigen Ernte aus, er spricht von einem „Überertrag“: Durchschnittlich trage ein konventioneller Apfelbaum zwischen 75 und 100 Kilogramm Früchte, das heißt „im Durchschnitt aller Jahre“. In diesem Jahr liege der Wert „deutlich über 75 Kilogramm“.

„Wir haben einen guten Herbst vor uns“

„Bereits Mitte Juli legen Obstbäume die Blütenknospen fürs Folgejahr an“, informiert Obstbauberater Eder über den zweijährigen Rhythmus der Obstbäume (siehe unten stehend „Alternanz“). Begünstigt wurde die gute Alternanz zusätzlich vom frostfreien Frühjahr 2018 mit viel Sonne und einer trockenen Blüte. Die wiederum habe den Insektenflug und die Bestäubung angekurbelt. „Die Blüte war überragend. Ein Baum hat schöner geblüht als der nächste“, sagt Eder. Bereits zehn Prozent einer Vollblüte reichten für einen ordentlichen Ertrag aus. Dieser Wert ist nach Auskunft Eders deutlich überschritten. Auch sein Fazit klingt nach vollen Obstkörben: „Wir haben einen guten Herbst vor uns.“ Seit über einer Woche können erste Frühäpfel geerntet werden.

Aus Erzeugersicht nicht nur ein Grund zur Freude. Viel Menge heißt nicht automatisch viel Ernte. Geschäftsführer und Lebensmitteleinzelhändler Sebastian Aupperle berichtet von einem Bio-Apfelbauern, der schon ausdünnen muss. „Die Qualität könnte unter der Übermenge leiden“, so Aupperle. Auch Astbruch könne die Ernte minimieren. „Wer nicht ausdünnt, kriegt viele kleine Früchte oder Früchte ohne gute Farbe“, ergänzt Schmid.

Das Jahr sei logistisch schwer zu managen, gibt Daniel Schmid zu bedenken. „Die ganze Ernte muss auch von wem geerntet werden. Man hat ja nicht unendlich viele Mitarbeiter zur Verfügung. Sie können nicht mehr schaffen als 100 Prozent. Sie können auch nicht schlagartig aufgestockt werden.“

Zumal in Osteuropa die Beschäftigungsverhältnisse derzeit auch sehr gut seien und viele sich nicht auf den weiten Weg nach Deutschland machen. Einige Früchte seien demzufolge liegen geblieben. Zudem habe die Menge die Preise unter Druck gebracht. Schmid sind Erzeuger bekannt, die mit den Preisen nicht mehr klarkommen, viele steigen aus.

Die riesige Ernte könne schlimmstenfalls dazu führen, dass zur aktuell startenden Jungpflanz-Zeit weniger angepflanzt wird für die kommende Saison. „Es ist eine Tendenz zu erkennen, dass das Jungpflanzen-Geschäft etwas stagniert“, sagt Schmid.

„Alles war in voller Menge da“

Er sei schon mit einer ungewöhnlichen Spargelernte in die Saison gestartet. „Es kamen keine Kälteeinbrüche, dadurch standen extrem schnell große Erntemengen zur Verfügung“, so Spargelanbauer Schmid. In normalen Jahren steige die Menge langsam an, insbesondere beim Spargel. Dieses Jahr sei der Spargel auf einen Schlag auf einem sehr hohen Ertragsniveau geblieben.

Er sei der Vorläufer für alle weiteren Kulturen gewesen. „Alles war in voller Menge da und die Menge ist nie abgerissen. Es gab keine Lücke.“ Lückenlos daher auch die Erdbeerernte. Gute Nachrichten also für alle Erdbeerschnitten-Fans, sie könnten uns aus Schmids Sicht noch eine Weile erhalten bleiben.

Die späte Sorte Malwina sei durch, es sei aber eine kleine zweite Erdbeerernte zu erwarten. „Die sogenannte Spätsommerernte reift heran“, so Schmid. Auf seinen Feldern blühe derzeit die Sorte Clery, eine frühe Erdbeersorte, die aufgrund der warmen und trockenen Witterung ein zweites Mal geerntet werden kann.


Getreide bis zu 40 Prozent weniger

So gut es die Natur heuer mit den Obstbauern meint, so schlecht geht es den Bauern, die auf Getreide, Mais oder Kartoffeln setzen. Die Landwirte müssen im Südwesten sich wegen der Hitze auf Ernteeinbußen einstellen. „Der Weizen und die Sommergerste haben durch die Trockenheit gelitten“, sagte ein Sprecher des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg. Bis zu 20 Prozent verglichen mit dem Fünfjahresschnitt könnte der Ertragsrückgang bei den beiden Getreidesorten betragen, an einzelnen Stellen sogar bis zu 40 Prozent.
Der Regen in den vergangenen Tagen habe jedoch den Äckern im Südwesten gutgetan. „Der war wichtig für Mais, Zuckerrüben, Soja und Kartoffeln, die brauchen jetzt Wasser“, erklärte die Sprecherin.

Alternanz

Zu verdanken sei der Erntesegen außer dem warmen Frühjahr und Sommer 2018 auch den Einflüssen des Frostjahrs 2017. Grund ist die Alternanz: Im Obstbau schwanken die Fruchterträge im zweijährigen Rhythmus. Im Vorjahr hatten die Bäume weniger zu tun: Bedingt durch die schwache Blüte brauchten sie keine Energie, um Früchte auszubilden. Mit der Folge, dass sie ausruhen konnten und ihnen viel Zeit zur Verfügung stand, neue Blütenknospen anzulegen. Sie stecken sozusagen die gesamte Energie ins Ausbilden der Blütenknospen.