Rems-Murr-Kreis

So will die Remstalkellerei aus der Krise finden

Remstalkellerei_0
Symbolbild. © ZVW/Joachim Mogck

Weinstadt. Es hat länger gedauert als gedacht und erhofft. Ein halbes Jahr hat sich die Remstalkellerei Zeit für ihre Vorschläge gelassen, wie die Genossenschaft aus der Krise geführt werden kann. Im Kern führt kein Weg an einer höheren Qualität der Weine vorbei. Vom Trollinger wird sich die Remstalkellerei ein Stück weit verabschieden müssen.



Im November 2018 hatten die Geschäftsführer der Genossenschaft die Notbremse gezogen, die Auszahlung des Traubengelds an die Mitglieder wurde gestoppt und die wirtschaftliche Lage als desaströs bezeichnet. Ein Auslöser für den Brandbrief war, dass in den Tanks schätzungsweise zwei Millionen Liter Wein aus alten Jahrgängen lagerten, die Geschäftsführer Peter Jung und Finanzvorständin Heike Schacherl als unverkäuflich erachteten. Die Sonderverwertung, also die Verwendung des Weins beispielsweise für Glühwein, ist inzwischen weitgehend abgeschlossen. Das brachte aber weniger Geld in die Kasse, als wenn der Trollinger in Flaschen verkauft worden wäre.

Welche Vorschläge haben Vorstand und Aufsichtsrat der Remstalkellerei den Mitgliedern gemacht, um die Genossenschaft auf die Spur zu bringen?

Im vergangenen halben Jahr seien mit den Gremien, mit Unternehmensberatern und mit Experten alle Möglichkeiten durchgespielt worden, sagt Geschäftsführer Peter Jung. Am Schluss sei die klassische Variante übrig geblieben, nämlich zu konsolidieren, die Prozesse zu optimieren und vor allem die Weine besser zu vermarkten. Die Remstalkellerei will im Weinberg ansetzen und die Wengerter schon bei der Auswahl der Rebsorten, beim Anbau und nicht zuletzt bei der Lese unterstützen und beraten. Den Wengertern soll künftig genau vorgeschrieben werden, welche Trauben wann geerntet und in welcher Kelter abgeliefert werden. Das sei nicht nur eine Frage der Kosten, sondern vor allem der Qualität.

Was halten die Weingärtner von dem Sanierungskonzept?

Peter Jung beschreibt die Reaktion der rund 400 Mitglieder am Montagabend in der Prinz-Eugen-Halle in Großheppach als „konstruktiv-kritisch“. Dass es mit der Remstalkellerei so nicht mehr weitergehen kann, ist angesichts der miserablen Zahlen in der Vergangenheit allen klar. Im November 2018 wurde den Mitgliedern für drei Monate das Traubengeld gestrichen. Seither gibt es weniger Geld für die abgelieferten Trauben. So will die Remstalkellerei vermeiden, dass sie von ihren Mitgliedern eines Tages Geld zurückfordern muss.

Welche Konsequenzen hat dies für die Wengerter im Remstal?

Sie müssen sich umstellen. Um marktgerechte Weine zu bekommen, müsse im Weinberg angefangen werden. Dazu gehört auch eine langfristige Rebsortenstrategie. Noch wird fast auf einem Drittel der 500 Hektar Trollinger angebaut. Der Anteil muss verringert werden. Selbst wenn es Peter Jung lieber diplomatisch formuliert und von einem ausgewogenen Mix von traditionellen und internationalen Sorten spricht. In ganz Württemberg gilt der Trollinger inzwischen als Problemsorte. Er trifft den Geschmack des Publikums nicht mehr. Nicht nur das Remstal kämpft mit Vermarktungsproblemen. Erst kürzlich ist das Weinfactum Cannstatt unter das Dach der fast 15-mal so großen Felsengartenkellerei in Besigheim geschlüpft. Hauptgrund: Immer weniger Menschen trinken Trollinger.

Welche Weine sollen künftig im Remstal wachsen?

Peter Jung spricht von einer Kehrtwende hin zu schweren, gerbstoffbetonten Weinen. Die Remstalkellerei will zudem ihre Qualitäten klar voneinander abgrenzen. Basis sind die Brot- und Butterweine in der Literflasche, darüber folgt das mittelpreisige Segment in der Dreiviertelliterflasche, in denen rebsortentypische Weine verkauft werden. Bei den Premiumweinen rücken Lage und Herkunft stärker in den Vordergrund. Und um das Besondere der Oberklasse hervorzuheben, werden Remstäler Rieslinge, aber auch der Sauvignon Blanc wieder in edle Schlegelflaschen abgefüllt.

Reicht das, um die Kellerei zu sanieren und Weingärtnern auskömmliche Einkommen zu garantieren?

Vermutlich nicht. Allerdings sind die Möglichkeiten begrenzt. Die für Finanzen zuständige Vorständin Heike Schacherl betont, dass die Kosten nicht das Problem Nummer eins waren und sind. „Die Stellschrauben sind ausgereizt.“

Wenn die Kosten nicht das Problem sind, welche sind es dann?

Schwieriger noch als Kosten im Griff zu behalten und die Vermarktung zu verbessern, wird es sein, die in fast 80 Jahren eingefahrenen Strukturen zu ändern. So hat die Remstalkellerei keinen Zugriff auf die Traubenerfassung. Die ist wichtig für einen guten Wein. Doch die Keltern werden von den Ortsgenossenschaften verantwortet. Seit 20 Jahren wird über eine zentrale Kelter diskutiert. Der Grundsatzbeschluss ist gefasst. Der Baubeginn im Frühjahr 2019 wurde wegen der Krise der Remstalkellerei erneut verschoben. Zudem ziehen nicht alle Ortsgenossenschaften mit und wollen eine eigene Kelter behalten. „Unser Ziel ist ganz klar, enger zusammenzurücken und zusammenzuwachsen, um Reibungsverluste zu verringern“, sagt Peter Jung.

Ein herber Verlust, da in den Stettener Edellagen Pulvermächer und Häder hervorragende Weißweine wachsen. Aus Sicht von Jung ist der Verlust der WG Stetten mit 50 Hektar dennoch zu verkraften. Für die meisten Mitglieder ist es schwer, eine Alternative zur Genossenschaft zu finden. Den Trend zur Selbstvermarktung oder der Belieferung von privaten Weingütern gibt es seit Jahren. Doch auch dort wachsen die Bäume beziehungsweise die Reben nicht in den Himmel.


Jahresabschluss

Traditionell lädt die Remstalkellerei ihre Mitglieder Anfang Juni zur Generalversammlung, bei der die Wengerter mit ihrer Genossenschaft oft genug auch schon abgerechnet haben. Derzeit ist aber der Jahresabschluss für das Jahr 2018 erst noch in Bearbeitung. Einen Termin für die Generalversammlung gibt es noch keinen.