Rems-Murr-Kreis

Soforthilfe nach Vergewaltigung

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Symbolbild. © ZVW/Danny Galm
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Eines von fünf Plakatmotiven, mit denen für das Projekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ geworben wird.

Waiblingen. „Vertraulich: Eine Anzeige erfolgt nicht, weder durch ein Krankenhaus, eine Praxis oder eine Beratungsstelle.“ Dies ist der Schlüsselsatz für das Modellprojekt „Soforthilfe nach Vergewaltigung“. Opfer von sexualisierter Gewalt werden psychologisch und medizinisch betreut und Beweise gesichert, selbst wenn sie vor einer Anzeige gegen den Täter zurückschrecken.

Der Sozialausschuss des Kreistages hat am Montag dem Projekt zugestimmt. In Baden-Württemberg nimmt bisher nur ein einziger Landkreis an dem Modellprojekt teil, das Helios-Klinikum in Pforzheim. In Hessen sind es bereits neun Landkreise, in deren Krankenhäusern die Opfer medizinische Hilfe bekommen, gerichtsfest Spuren gesichert und psychosoziale Hilfen vermittelt werden.

Träger des Projekts ist die Beratungsstelle Frauennotruf in Frankfurt, die das Modell „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ bundesweit übertragen will. Im Rahmen der Haushaltsberatungen im Kreistag beantragten die Anlaufstelle für sexualisierte Gewalt, die Rems-Murr-Kliniken, die Polizei und die Beauftragte für Chancengleichheit im Landratsamt, das Projekt für den Rems-Murr-Kreis zu übernehmen.

Im Startjahr 2019 fallen rund 10 500 Euro Kosten an, in den Folgejahren jeweils rund 7000 Euro. Die Erfahrungen der Stadt Frankfurt zeigten, dass höchstens zehn Betroffene im Jahr sich nach einer Vergewaltigung in den Krankenhäusern melden. Durch gezielte Werbung, die die Betroffenen ermutige, sich zu melden, könnten die Zahlen aber steigen.

Im Rems-Murr-Kreis wurden im vergangenen Jahr 227 (2016: 149) Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung erfasst. Die hohe Zunahme bei den Straftaten lässt sich auf eine Gesetzesänderung zurückführen, die den Schutz der sexuellen Selbstbestimmung verbessern sollte. So wurden auch sexuelle Belästigungen darunter erfasst.

Die Dunkelziffer an Vergewaltigungen ist vermutlich erheblich größer. Opfer von sexuellen Übergriffen benötigen jedoch medizinische Versorgung und psychologische Betreuung, egal ob sie den oder die Täter bei der Polizei anzeigen.

Spuren der Gewalt werden zeitnah gesichert

Nach der Tat sind viele Opfer nicht in der Lage, die Entscheidung Strafanzeige ja oder nein zu treffen. Viele befürchten auch, dass über ihren Kopf hinweg Anzeige erstattet wird, und suchen keine Hilfe. Betroffene bleiben deshalb häufig medizinisch unversorgt, heißt es in einer Vorlage für die Kreisräte im Sozialausschuss. „Entschließen sie sich später doch dazu, Anzeige zu erstatten, sind die Beweise, die durch eine sofortige medizinische Untersuchung gesichert werden können, bereits nicht mehr vorhanden.“

In diese Bresche springt das Projekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“. Die Opfer finden medizinische Hilfe und die Spuren der Gewalt werden zeitnah und gerichtsverwertbar gesichert. Durch die enge Vernetzung vor Kliniken, niedergelassenen Praxen, Rechtsmedizin, Verwaltung, Politik und Hilfesystem sollen Hürden der Inanspruchnahme abgebaut werden, heißt es auf der Internetseite.

Das Modellprojekt biete sowohl für die Betroffenen wie auch für die beteiligten Kliniken und den Landkreis genaue Handlungsanleitungen, wie das Projekt umgesetzt werden kann. So werden den Kliniken zertifizierte Fortbildungen zur Sensibilisierung für die Thematik sexualisierter Gewalthandlungen sowie Leitfäden für das ärztliche und pflegerische Handeln angeboten; und auch der Landkreis wiederum wird bei der Einführung des Projektes fachlich begleitet und bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt.


Projekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ 

Die Versorgung nach einer Vergewaltigung sollte möglichst zeitnah erfolgen: Bis zu drei Tage nach der Tat. Auf der Homepage „www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de“ werden Betroffene wie auch Ärzte sowie Fachkräfte und Angehörige darüber informiert, wie sie richtig vorgehen. Geklärt werde das Vorgehen, wenn Opfer unter 18 Jahre alt sind, was bei einer möglichen Schwangerschaft zu tun ist („Pille danach“) oder wenn sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV oder Hepatitis eine Rolle spielen, das Vorgehen nach der Einnahme von Drogen, Alkohol oder dem Verdacht auf K.-o.-Tropfen sowie das Vorgehen bei Gewalt durch den aktuellen oder einen früheren Beziehungspartner.

Folgende Ratschläge werden beispielsweise Fachkräften und Angehörigen gegeben:

  • „Treffen Sie keine Entscheidungen über den Kopf der Betroffenen hinweg – erstatten Sie keine Anzeige!“
  • „Drängen Sie sie nicht, über die Tat und ihre Gefühle zu sprechen.“
  • „Teilen Sie Ihre Bereitschaft mit, ihr zuzuhören, für sie da zu sein, aber lassen Sie die Frau den Zeitpunkt selbst bestimmen.“
  • „Machen Sie ihr keine Vorwürfe. Stellen Sie keine Fragen, die die Frau in eine Verteidigungsposition drängen. Vermitteln Sie, dass die Verantwortung für die Tat beim Täter liegt.“
  • „Fragen Sie, welche Unterstützung sie von Ihnen möchte: Informationen, Adressen besorgen, Begleitung, Warten bei der Untersuchung etc.“

Alle Infos im Internet auf www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de.