Rems-Murr-Kreis

Solarstrom für Berufsschulen

Solarstrom für Berufsschulen_0
Landrat Richard Sigel (rechts) und Kreisbaugeschäftsführer Dirk Braune Anfang September auf dem Dach des Waiblinger Berufsschulzentrums: 2019 soll eine weitere Fotovoltaikanlage auf den Werkstätten installiert werden. Diese Investition ist Teil des dritten Klimaschutz-Handlungsprogramms (2019 - 2022), das der Kreistag im November verabschiedet. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Dass sich das Klima wandelt, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Was gegen den Klimawandel zu tun ist, ist hingegen oft umstritten. Im Umwelt- und Verkehrsausschuss waren sich die Kreisräte so weit einig, beim Klimaschutz vor der eigenen Haustür zu beginnen.

„Klimaschutz zum Mitmachen“ lautet die Überschrift über dem dritten Klimaschutz-Handlungsprogramm. Von 2019 bis 2022 will der Landkreis den Schwerpunkt seiner Aktivitäten auf die eigenen Immobilien legen. So werden allein 2019 1,5 von den insgesamt 4,5 Millionen für Klimaschutz in den nächsten vier Jahren in Fotovoltaik-Anlagen auf den Dächern der drei Berufsschulzentren, der Förderschulen und des kreiseigenen Landratsamtes in Backnang investiert.

„Ambitioniert und ehrgeizig“

Zum dritten Mal schreibt der Rems-Murr-Kreis sein Klimaschutzprogramm fort. Am Montag wird das Thema im Verwaltungs-, Schul- und Kulturausschuss beraten und Mitte November im Kreistag beschlossen. „Ambitioniert und ehrgeizig“ nannte Landrat Richard Sigel den Entwurf, der auch einer langjährigen Forderung aus Reihen der CDU-Fraktion Rechnung trägt, „nicht nur Flyer zu drucken, sondern die Bürger zu erreichen“.

Das Klimaschutzprogramm soll die Bürger und die Unternehmen stärker am Klimaschutz zwischen Rems und Murr beteiligen, sagte Felicia Wurster, die Klimaschutzbeauftragte im Landratsamt.

Das Landratsamt Rems-Murr ist eigenen Angaben zufolge bei seiner eigenen CO2- und Energiebilanz auf gutem Weg. Allerdings fällt nach neuesten Erkenntnissen diese Bilanz für den gesamten Kreis selbst schlechter aus als bisher angenommen. Die Rems-Murr-Bürger verursachen 8,4 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr. Zu viel, um den Klimawandel aufzuhalten.

Vier Zielgruppen, sechs Handlungsfelder

Um das selbst gesteckte Ziel, den CO2-Ausstoß pro Einwohner bis 2025 zumindest auf 4,7 Tonnen je Einwohner zu senken und uns zu einem „Musterlandkreis“ zu machen, müssten vermehrt Bürger und Unternehmen ihren Energieverbrauch hinterfragen. Vier Zielgruppen hat die Klimaschutzbeauftragte ausgemacht und schlägt Projekte in sechs Handlungsfeldern vor: Wärme und Strom, Verkehr, erneuerbare Energien, Bildung, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit sowie Sektor übergreifende Maßnahmen.

Das meiste Geld, rund 60 Prozent der 4,5 Millionen Euro, fließt an die Zielgruppe „Kreiskonzern“, unter denen die Beteiligungen an der Kreisbau, der Immobilienmanagement-Gesellschaft oder der Abfallwirtschaft verstanden werden.

  • Um möglichst viele Fördermittel für Solarstrom abzubekommen, werden schon 2019 Fotovoltaikanlagen auf den Dächern der drei Berufsschulzentren, des Kreissonderschulzentrums Schmiden und der Christian-Morgenstern-Schule und im Landratsamt Backnang installiert. Gesamtkosten: 1,45 Millionen Euro.
  • In den kommenden vier Jahren soll der Sanierungsrückstand in den Liegenschaften des Kreises weiter abgebaut werden. Dächer und Lüftungsanlagen werden saniert und beispielsweise die Klassenzimmer mit energiesparenden LED-Lampen ausgestattet (2019 - 2022: 1 Million Euro).
  • Um mehr Beschäftigte des Landratsames zum Umstieg auf Busse und Bahnen zu bewegen, gibt der Kreis rund 325 000 Euro für Job-Tickets für seine Mitarbeiter aus. Ferner sollen für 5000 Euro Pedelecs für Dienstfahrten im Landratsamt angeschafft werden.
  • Geld fließt ferner für Klimaschutz- und Energiescouts, zu denen Azubis im Landratsamt ausgebildet werden (2000 Euro) oder ins Umweltmanagement (19 000 Euro).

Stärker ins Blickfeld des Klimaschutzprogrammes rückt die Zielgruppe Bürger. Private Haushalte sind immerhin für knapp 60 Prozent der Emissionen verantwortlich. „Die offene Gestaltung zahlreicher Projekte ermöglicht eine direkte Beteiligung und Mitgestaltung der Bürger.“

  • Rund 400 000 Euro Zuschuss sind für die „Stromsparchecker“ eingeplant. Sie sind in Zusammenarbeit mit der Caritas unterwegs und unterstützen Haushalte mit geringen Einkommen, ihre Energiekosten zu senken – und die CO2-Bilanz aufzupolieren.
  • Weitere Projekte sind ein Energiesparwettbewerb für Haushalte oder „Stadtradeln“, ein bundesweiter Wettbewerb von Kommunen zum Radfahren, Klimaschutz in Vereinen und Fotovoltaik-Seminare sowie das Schulprojekt der Energieagentur Rems-Murr „Schulen aktiv im Klimaschutz“, in dem Schüler der Klassen eins bis sechs lernen, sparsam und klimafreundlich mit Energie umzugehen.
  • In der Öffentlichkeitsarbeit setzt das Handlungsprogramm Schwerpunkte auf das Klimaschutz-Portal des Rems-Murr-Kreises, den Sponsorenlauf Eco-Run in Schulen und Kindergärten sowie einen Mehrwegbecher mit Rems-Murr-Design. Bäckereien und Cafés sollen für ein Pfandleihsystem gewonnen werden, Kaffee in Becher auszuschenken und den Becher zurückzunehmen.
  • Rund ein Drittel aller Emissionen stammen aus der Wirtschaft, wozu der hohe Stromverbrauch sowie der Gütertransport beiträgt.

Das Förderprogramm Ecofit richtet sich an Unternehmen und deckt Potenziale in den Firmen auf, Kosten und mithin Energie und CO2 zu sparen (75 000 Euro).

  • Die Energieagentur Rems-Murr bietet kleinen und mittleren Unternehmen Effizienzchecks an, in denen sie erste Hinweise auf Energieverschwendung bei Druckluft, Beleuchtung oder Motoren erhalten (50 000 Euro).
  • Fortgesetzt wird das Projekt „bike & work“, das Mitarbeiter zum Umstieg aufs Fahrrad motivieren soll. Vorgesehen sind zwei weitere Projektrunden 2020 und 2022 (40 000 Euro).
  • Neu ist eine Seminarreihe „Klimaschutz und Landwirtschaft“, die sich an Landwirte richtet. Zum einen wird über die Auswirkungen des Klimawandels informiert; zum anderen werden Vorschläge unterbreitet, wie sich der Emissionsausstoß in der Landwirtschaft verringern lässt.

Die vierte Zielgruppe sind die Städte und Gemeinden an Rems und Murr.

  • Vorgesehen ist, diese zu motivieren, am Wettbewerb „Stadtradeln“ teilzunehmen sowie kommunale Klimaschutz- und Energietage auszurichten.
  • Ferner will das Landratsamt den Kommunen einen Leitfaden zur Verfügung stellen, ihre Veranstaltungen klimafreundlich zu organisieren und durchzuführen.
  • Der Leitfaden umfasst Tipps für klimafreundliche Produkte, Abfallvermeidung und -verwertung bis hin zu Ressourcenbezug und Mobilität.

Klimaschutz

Die Auswirkungen des Klimawandels werden hierzulande sichtbar: Die Extremwetterereignisse häufen sich, weist das 3. Klimaschutz-Handlungsprogramm auf das Hochwasser in Backnang hin oder die Frostschäden im Wein- und Obstbau 2017 mit einem Verlust von rund 18 Millionen Euro. „Wir sind bereits mittendrin im Klimawandel“, schreibt Landrat Richard Sigel im Vorwort des Programms. „Wir spüren und beobachten die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen schon heute – gesundheitlich, ökologisch und wirtschaftlich.“

Mit 4,5 Millionen Euro will der Landkreis einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Ziel ist es, bis 2025 die CO2-Emissionen der Rems-Murr-Bürger von heute 8,4 auf 4,7 Tonnen je Einwohner und Jahr zu senken. Um die Erderhitzung auf maximal zwei Grad zu verringern, wären jedoch höchstens zwei Tonnen notwendig.

41 Prozent der CO2-Emissionen im Kreis entfallen auf Wärme, 34 Prozent auf Strom und 25 Prozent auf den Verkehr. Um die Emissionen zu senken, ist die Mitwirkung aller gesellschaftlichen Akteure unentbehrlich, so Sigel: „Nur mit den Kräften, Ideen der Bürger, Unternehmen, Vereinen und Schulen erreicht der Klimaschutz alle Nischen und Ecken unseres Landkreises.“