Rems-Murr-Kreis

Stimmen aus dem Rems-Murr-Kreis

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Symbolbild. © ZVW/Sarah Utz

Waiblingen. Führt die Brexit-Irrfahrt Vollstoff gegen die Wand? Nach den immer chaotischer werdenden Entwicklungen in Großbritannien darf man ja langsam gar nichts mehr für unmöglich halten. Die Wahrheit aber ist: Wie es weitergeht, weiß kein Mensch. Stimmen aus dem Rems-Murr-Kreis.

Wird das britische Pfund abstürzen? Muss sich die deutsche Exportwirtschaft auf milliardenschwere Einbußen einstellen und der deutsche Zoll Aberhunderte von zusätzlichen Beamten anheuern? Werden sich vor Londons Apotheken Schlangen bilden, weil die Leute zum Hamsterkauf von Medikamenten schreiten? Wird die Abfertigungszeit pro Lastwagen bei der Grenzkontrolle am Hafen von Dover von durchschnittlich zwei auf vier Minuten steigen, was einen täglichen Stau von 27 Kilometern Länge zur Folge hätte? Düstere Szenarien für den Fall eines ungeordneten Brexits gibt es en masse. Nur: Die Folgen sind „nicht im Detail vorhersagbar“, sagt der Backnanger SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange; „wir hatten den Fall ja noch nie“, sagt Claus Paal, Präsident der IHK Rems-Murr; das einzig Sichere ist „die Unsicherheit“, sagt Matthias Fuchs, Geschäftsführer der IG Metall Waiblingen. Dennoch: Suchen wir nach Antworten.

Was ist los in Großbritannien?

Nun offenbare sich, was herauskomme, wenn Politiker „die Bevölkerung falsch informieren“, mit „Halbwahrheiten“ füttern und „die Europäische Union permanent schlechtreden“, findet Claus Paal von der IHK: ein vollkommen undurchdachter Austrittsbeschluss per Volksentscheid. Die britische Politik sei so heillos in „Machtkämpfe“ verstrickt, dass sich niemand mehr ums „Wohl des Landes“ zu kümmern scheine.

Das Land stecke tief „in der Sackgasse“, fasst der SPD-Abgeordnete Christian Lange zusammen.

Und Frank Schad, Pressesprecher der Firma Kärcher, klingt nachgerade fassungslos darüber, wie planlos, egozentrisch und kurzsichtig die britischen Politiker derzeit agieren. Dieses Parlament sei doch eine der „Wiegen der modernen Demokratie“ – und ausgerechnet hier werde so „unverantwortlich die Machtpolitik über die Interessen des eigenen Landes gestellt“.

Was heißt das für uns?

Sicher, jeder, der aktuell konkrete Prognosen abgibt, der „spekuliert“, sagt Claus Paal von der IHK – aber eines sei klar: Die Folgen werden „nicht positiv sein, das kann ich Ihnen garantieren“, und „die Leidtragenden sind die Bevölkerung und die Wirtschaft, in dieser Reihenfolge“.

Großbritannien, ordnet Frank Schad ein, ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union, mit einem Bruttosozialprodukt so hoch wie das der 18 oder 19 kleinsten EU-Länder zusammen – und für Kärcher „definitiv ein wichtiger Markt, einer der zehn größten weltweit“. Bei einem ungeordneten Brexit drohen: Export-Erschwernisse durch Zölle; Reibungsverluste aufgrund von unterschiedlichen industriellen Normierungen; und Absatzeinbußen, wenn in Großbritannien die Konjunktur in die Knie geht und Verbraucher wie Investoren auf die Bremse treten.

Unmittelbar werden Unternehmen leiden, die „intensive Geschäftsbeziehungen zu Großbritannien pflegen“, glaubt Gewerkschafter Matthias Fuchs – aber in der Wirtschaft gehe es auch um Klima, Stimmung, Zukunftsmut, Investitionsbereitschaft. Und deshalb könnten von der grassierenden Unsicherheit mit der Zeit auch Branchen ergriffen werden, „die es gar nicht so sehr treffen müsste“. Dennoch klingt Fuchs gefasst: Die vergangenen zwei Jahre seien auch schon von dramatischen Unsicherheiten geprägt gewesen – man denke an Donald Trumps erratische „Twitterokratie“ und den Handelskrieg mit China. All das ist aber bisher „weitestgehend abgeperlt an unserer Wirtschaft“. Insofern: Sorge ja, Panik nein.

Was muss jetzt geschehen?

Sollte es tatsächlich zu einem ungeordneten, nicht vernünftig mit Übereinkünften umpolsterten Brexit kommen, wäre das „für beide Seiten der Supergau“, glaubt Claus Paal, IHK. Und folgert nachgerade inbrünstig: „Weiter verhandeln!“ Bloß nicht „die Gespräche abbrechen“ zwischen EU und Großbritannien, „das hilft doch nichts!“ Stattdessen: „Fristen verlängern“, Übergangsregeln stricken und „mittelfristig ein Freihandelsabkommen“ schneidern.

„Jetzt keine Nachverhandlungen“, fordert hingegen Christian Lange, SPD, „sondern ein neues Referendum!“ Diesmal käme wohl ein Nein raus.

Auch Gewerkschafter Matthias Fuchs hofft, dass es „vielleicht tatsächlich noch mal ein Referendum gibt, das dann anders ausgeht“.

Was lernen wir daraus?

Das Brexit-Debakel zeige allen anderen EU-Mitgliedern, „wie fatal der Wunsch nach nationalen Alleingängen und internationaler Isolation sein kann“, folgert Christian Lange, SPD. In gewisser Weise hat die ganze Malaise also vielleicht zumindest ein Gutes, hofft auch Claus Paal: „Durch diesen Prozess bekommen wir wieder Argumente, wie wichtig es ist“, ein geeintes Europa zu bewahren und weiterzuentwickeln. „Deutschland allein ist zu klein, um in der Welt Bedeutung zu haben“ – von der EU aber „haben wir am meisten profitiert“: stetiges Wachstum, stabile Währung.

Auch Matthias Fuchs glaubt nicht, dass die aktuelle Entwicklung „den Spaltern und Angstverbreitern dient“, die teilweise schon auf einen Dexit hinfiebern. Als Zukunftslosung gibt der Gewerkschafter aus: „Verbessern, was wir schon haben“ – ein sozialeres Europa schaffen, in dem es nicht nur um „den Markt“ geht, sondern „auch um die Menschen“. Und endlich wieder kraftvoll daran erinnern: „Europa ist ein Solidaritätsprojekt.“


Stihl sieht sich auf den Brexit vorbereitet

Die Stihl-Gruppe ist auf den Brexit vorbereitet – wie hart oder weich auch immer dieser ausfallen wird. Der Hersteller von Motorsägen und    -geräten hat für den Fall des No-Deal-Brexits seit geraumer Zeit die Lager in England angefüllt und werde weiter Lager anmieten, um nach dem Brexit möglichst lange lieferfähig zu bleiben. Dr. Nikolas Stihl, Vorsitzender des Aufsichts- und Beirates der Stihl-Gruppe, sieht den Brexit durchaus auch als eine Chance für das langfristig planende Unternehmen, seine Marktanteile in Großbritannien ausweiten zu können. „Wir investieren heftig“, verweist Nikolas Stihl auf den Ausbau der Vertriebszentrale in England, das zu den zehn wichtigsten Märkten von Stihl zählt. „Wer langfristig plant und einen langen Atem hat, erzielt die besseren Ergebnisse.“ Grundsätzlich hält Stihl den Brexit jedoch für „die größte Dummheit in der Nachkriegszeit“, die Großbritannien gemacht habe.

Keine Sorgen bereitet Stihl auch der sich ausbreitende Protektionismus im Welthandel. Dank sieben Produktionsstätten auf der Welt könne Stihl die Produktion verlagern und auf diese Weise Zollschranken ausweichen. „So haben wir keine Zölle.“ Allerdings wäre es für alle Beteiligten besser, wenn es überhaupt keine Zölle gebe. Die bezahlen die Endkunden und nicht das Unternehmen.

Mit Blick auf die Europawahlen im Mai hofft Stihl, dass die Wähler die demokratischen Parteien stärken werden. Das Chaos um den Brexit könne womöglich ein Weckruf für die Bürger in Europa sein.