Rems-Murr-Kreis

Stimmen aus der Rems-Murr-Kreis

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Eine historische Aufnahme aus unserem Zeitungsarchiv – im August 2005 war Friedrich Merz in Remshalden zu Gast und schwang rhetorisch schwungvoll die Faust. Die multikulturelle Gesellschaft bezeichnete er damals als die „Lebenslüge einer politischen Generation“, er warnte vor türkisch-islamistischen Parallelgesellschaften und beschwor die kulturellen Werte von Familien und Kindern jenseits gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, räumte aber auch ein: Er habe keine Schwierigkeiten mit jedweder Lebensform, „solange ich nicht mitmachen muss“. © Habermann / ZVW
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Ulrich Scheurer.
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Ann-Cathrin Simon. © Bernhardt
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Bettina Jenner-Wanek. © privat
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Ingo von Pollern. © Benjamin Büttner

Waiblingen. Friedrich Merz wird’s, ganz klar – viele in der Rems-Murr-CDU glauben und wollen das. Aber steht Merkels Nachfolger an der Spitze der CDU wirklich schon fest? Es gibt da ein vernehmbares Grummeln bei Teilen der Basis ...

Merz, ein Mann wie aus der Kyffhäusersage, nur besser: Während Kaiser Friedrich Rotbart nämlich seit Jahrhunderten in seiner Berghöhle faulenzt und partout nicht den Kopf rausstreckt, um das Reich zu retten, kehrt Merz tatsächlich zurück aus dem Exil in der freien Wirtschaft, um die CDU zurück zu altem Glanz zu führen. Er beherrscht den großen Wurf, kann Steuererklärungen auf Bierdeckel knattern; während Merkel auf Sicht fuhr. Er ist entschlossen wirtschaftsliberal; während sie doch einige Sozialdemokratisierungstendenzen offenbarte. Er hat ein in Marmor gehauenes Leitkultur-Profil; während sie mal eben die Ehe für alle durchwinkte. Merz: eine christdemokratische Sehnsuchtsfigur.

Die CDU braucht einen „neuen Aufbruch“, und Merz ist der Mann, der diese Hoffnung belebt, einer, „der frisch von außen kommt, mit niemand verfilzt“: Das sagt Ingo von Pollern, Vorsitzender der Waiblinger CDU. Merz kann den „wertkonservativen“ Markenkern der Union wieder freilegen und „die Wähler zurückgewinnen, die zur AfD abgewandert sind“: Das sagt Ulrich Scheurer, Chef der Plüderhäuser CDU.

Ann-Cathrin Simon, Vorsitzende der Jungen Union Rems-Murr, legt sich zwar auf keinen Namen fest – neues Personal sei nur „der Anfang“, danach beginne die eigentliche Arbeit, die „inhaltliche“; aber dass die CDU „wertkonservativer“ werden müsse, um „Abgewanderte zurückzugewinnen“, beschwört auch Simon in haargenauem Wortgleichklang mit Scheurer.

Ist Merz schon so gut wie gewählt? Moment, es gibt auch Einwände.

Erstens: Hinter vorgehaltener Hand sorgen sich manche aus der Rems-Murr-CDU wegen der Vergangenheit des Mannes. Sein Aufsichtsratsposten bei einer Privatbank, die in windige Geschäfte verwickelt war, sein Engagement als Lobbyist beim Vermögensverwalter Blackrock, der Milliarden bewegt – kann man sich da „blütensauber halten“? Wenn Merz den Vorsitz erobert, werden sich die Medien tief in die investigative Recherche hineingraben. Was werden sie freilegen? Welche Tretminen lauern da?

Zweitens: In den vergangenen Jahren sind die Flügel der CDU weit auseinandergedriftet. Vielen ging die Merkelsche Modernisierung zu weit – diese Unzufriedenen könnte Merz wohl besänftigen, das ja. Aber was ist mit denen, die mit der Entwicklung der Union hochzufrieden sind? Mit denjenigen, die diese einst saumagenbräsige Partei erstmals wählbar fanden, als Merkel einen neuen, von Alphatier-Gehabe völlig freien, für gesellschaftliche Veränderungen sensiblen Stil etablierte? Droht mit Merz eine Rückkehr zur „Dicke-Eier-Politik“, wie die „taz“ neulich lustvoll höhnte?

Ein Plädoyer für Annegret Kramp-Karrenbauer

„Für mich ist Friedrich Merz keine Alternative“, sagt die CDU-Kreisrätin Bettina Jenner-Wanek aus Winnenden, „viel zu konservativ.“ Sollte er gewinnen, „würde ich das zutiefst bedauern. Es wäre ein Rückfall für die CDU.“ Bei der Bundestagswahl 2002 wandten sich massenhaft Frauen von der Union ab, weil sie die Familien- und Geschlechterpolitik der Partei indiskutabel rückständig fanden.

Jenner-Wanek erinnert sich: Frauen winkten am Winnender Infostand bloß im Vorbeigehen ab – „CDU kannsch net wähla als Frau“. Merkel „hat viele Sachen richtig gemacht“: 2017 wählten mehr Frauen als Männer die Union. „Wenn wir jetzt wieder so eine Altherrenriege da vorne hin kriegen, wäre das ein Riesenproblem.“

Bei Merz-Konkurrentin Annegret Kramp-Karrenbauer „finde ich all das wieder, was mir wichtig ist“: Die Kandidatin ist eine Frau, „die im Leben steht“ und in ihrer Biografie Wertetreue und Modernität ganz selbstverständlich vereint. Sie hat politische Karriere gemacht – und drei Kinder großgezogen; mit ihrem Mann, einem Bergbau–Ingenieur, ist sie seit 34 Jahren verheiratet – und als sie durchstartete, wurde er Hausmann. Altbackene Geschlechterrollenklischees? Drauf gepfiffen.

Kramp-Karrenbauer? „Eine Kopie der Kanzlerin“, findet Ulrich Scheurer. Und Ingo von Pollern: „Bei aller Sympathie – sie gilt als die kleine Merkel“; nach so vielen Jahren wäre vielleicht auch einfach „mal wieder ein Mann dran“.

Bettina Jenner-Wanek lacht: Aha, weil nach 50 Jahren Adenauer, Erhard, Kiesinger, Barzel, Kohl, Schäuble erstmals kein Herr der Schöpfung gebot, muss jetzt dringend wieder ein Ü-60er ran? Kramp-Karrenbauer sei kein „Abziehbild von Merkel“, sondern eine erfolgreiche Politikerin eigenen Rechts. Blick auf die letzten 16 Landtagswahlen: In 15 verfehlte die Union einen Prozentwert mit einer Vier vorne dran, selbst die Bayern strandeten bei gut 37; das reichte für die CSU immerhin zum Titel „Best of the Rest“. Einzige Ausnahme, einsame Spitze: Annegret Kramp-Karrenbauer, Saarlandwahl 2017, fast 41 Prozent.

Ein 62-Jähriger verkörpere doch keine „Erneuerung“, findet Bettina Jenner-Wanek – und selbstverständlich sage sie das laut. „Wir waren lange genug leise.“

Merz bleibt dennoch Favorit. Die CDU-Mitglieder sind im Schnitt 60 Jahre alt; und zu 74 Prozent Männer.

Und Jens Spahn?

Es gibt einen Dritten im Rennen um den CDU-Vorsitz. Aber niemand von unseren Gesprächspartnern legt sich auf ihn fest. Spahn sei „hochintelligent“, sagt Ingo von Pollern, aber „seine Ausstrahlung geht gegen null. Und er ist mir zu rechts.“ Spahn sei „noch einen Tick zu grün hinter den Ohren“, glaubt Bettina Jenner-Wanek, und brauche „noch fünf bis acht Jahre, um zu reifen“. Spahn „ist zu jung mit 38“, findet Ulrich Scheurer. „Seine Zeit kommt noch, aber er muss warten können.“


Info

Am Montag, 12. November, tagt der CDU-Kreisvorstand und wird sich vermutlich auf einen Wunschkandidaten festlegen. Die Wahl des CDU-Bundesvorstandes findet am 7. und 8. Dezember beim Parteitag in Hamburg statt.