Rems-Murr-Kreis

Streit um Abtreibungen flammt neu auf

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„Tausend Kreuze für das Leben“: Im Oktober demonstrierten in München christliche Abtreibungsgegner – die gesellschaftliche Auseinandersetzung über Schwangerschaftsabbrüche ist nach vielen eher ruhigen Jahren in jüngerer Zeit wieder stärker aufgeflammt. © Alexander Roth
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Martina Ferro. © Gabriel Habermann
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Kinderkrisendienst Keller-Mannschreck
Oranna Keller-Mannschreck. © Benjamin Büttner

Waiblingen. Die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche schien in Deutschland nach Jahrzehnten heftigen Kulturkampfes ausgefochten, beigelegt, entschieden – aber stimmt das? Missionarische Gruppen werden lauter, Beratungsstellen beklagen Belagerungszustände, es fehlt an spezialisierten Ärzten. Ein Gespräch mit Pro Familia in Waiblingen.

Nicht erlaubt und nicht verboten: Die seit 1995 in Deutschland gültige Gesetzeslage mag man halbherzig finden oder umsichtig, sophistisch oder salomonisch – jedenfalls hat sie seinerzeit einen jahrzehntelangen gesellschaftlichen Konflikt befriedet. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland nicht legal, bleibt aber straffrei, wenn er in den ersten zwölf Wochen stattfindet und die Frau sich vorher in einer staatlich anerkannten Stelle hat beraten lassen.

Pro Familia ist so eine Schwangerenkonfliktberatungsstelle – dies ist „unser gesetzlicher Kernauftrag“, erklären Leiterin Oranna Keller-Mannschreck und Mitarbeiterin Martina Ferro. Es geht nicht darum, eine Frau zu einem Abbruch zu überreden oder zum Austragen eines Kindes – beides „wäre vollkommen widersinnig. Es liegt nicht an uns, zu entscheiden.“ Es geht schlicht darum, Frauen beizustehen auf dem Weg zu einer eigenen Haltung: Bin ich in der Lage, diesem Embryo, der in der Gebärmutter noch ganz klein ist und nicht lebensfähig außerhalb des Bauches, eine Chance zu geben oder nicht?

„Niemand lebt ihr Leben“, niemand habe über ihren Körper zu verfügen. „Basta“. Genau diese „Entscheidungsfreiheit der Frau“ werde aber in jüngerer Zeit wieder „von vielen Seiten problematisiert“.

Biblische 40 Tage: Protest in Pforzheim

Unlängst in Pforzheim sah sich die dortige Pro-Familia-Stelle 40 Tage lang quasi belagert: „Direkt unter den Fenstern“ versammelten sich Abbruchgegner. Oranna Keller-Mannschreck nennt das Vorgehen „aggressiv missionarisch“. In Frankfurt, München und Wiesbaden gab es ähnliche Aktionen. Hinter den Kundgebungen steht ein religiöses Kampagnennetzwerk namens „40 Days for Life“, gegründet in Texas, mittlerweile in mehr als 20 Ländern aktiv.

Der Name verweist auf die Bibel: 40 Tage währte die Sintflut, 40 Tage weilte Moses auf dem Berg Sinai, 40 Tage verbrachte Jesus in der Wüste, 40 Tage blieben der Stadt Ninive, um ihre Sünden zu bereuen.

Selbstverständlich, sagt Keller-Mannschreck, gelte das Recht auf freie Meinungsäußerung – aber darf es dazu dienen, die Rechte der Hilfesuchenden zu demontieren? Denn die Beratung hat grundsätzlich vertraulich zu erfolgen; und auf Wunsch auch anonym. „Es gibt Konflikte im Leben, die sind so schwierig und prekär – die müssen einen geschützten Rahmen haben!“ Was aber bleibt davon übrig, wenn Frauen auf dem Weg in eine Beratungsstelle durch ein Spalier aus Kreuzen und Betenden müssen? Einen „demütigenden Spießrutenlauf“ hat Edith Münch, Geschäftsführerin von Pro Familia Pforzheim, das genannt. Pro Familia Baden-Württemberg fordert deshalb eine Schutzzone um Beratungsstellen von 150 Metern.

Die kämpferischen Ärzte von einst gehen jetzt in Rente

Das ist nicht die einzige Sorge, die Keller-Mannschreck und Ferro umtreibt. Die Zahl der Ärzte, die in Deutschland Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, ist seit 2003 um 40 Prozent gesunken. Im Rems-Murr-Kreis gebe es seit Jahrzehnten keinen solchen Arzt, in Ludwigsburg suche eine Praxis verzweifelt einen Nachfolger.

Gründe? Die Vergütung sei kaum kostendeckend, heißt es immer wieder. Vor allem aber: Viele Ärztinnen und Ärzte, die in den 70er Jahren im Kampf um ein liberaleres Recht sozialisiert und politisiert wurden, eine Haltung entwickelten, eine Überzeugung, „gehen jetzt in Rente“. Manche dieser Ärzte hatten Ende der 60er Jahre während ihrer Ausbildung noch erlebt, welche katastrophalen Folgen es hat, wenn solche medizinischen Eingriffe tabuisiert und in die Illegalität abgedrängt werden: Immer wieder starben Frauen an übel verpfuschten Abbrüchen. Jüngere Mediziner heute aber wollen sich oft dem Druck nicht aussetzen, den Abbruchgegner aufbauen. Sie müssen „unerschrocken“ sein, sagt Martina Ferro, und mit „Anfeindungen rechnen“.

Proteste und Einschüchterungsversuche

2015 machte in Stuttgart die landesweit größte Spezialklinik dieser Art dicht, weil der Betreiber keine Räume mehr finden konnte. Ein Standort zerschlug sich, weil der potenzielle Vermieter nach Protesten kalte Füße bekam. Der Stuttgarter Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle sprach von „Einschüchterungsversuchen hart an der Grenze des Erträglichen“. Der Klinikbetreiber praktiziert heute in München – dort kursierten im vergangenen Jahr Flugblätter, in denen er der „Kinderschlachtung im Akkord“ bezichtigt wurde.

„Wir wünschen uns“, sagt Oranna Keller-Mannschreck, „dass es Menschen gibt, die Mut haben, Ärzte und Ärztinnen, die sagen, okay, ich nehme mich dieser Aufgabe an.“ Auch Martina Ferro hegt einen Wunsch: „dass unter Frauen wieder ein Kampfgeist entsteht oder eine Solidarität“. Ferro beobachtet, dass manche sagen: Es ist doch alles gut, wir haben so viel erreicht, Feminismus ist uncool, von gestern und das Thema Emanzipation längst gütlich erledigt. Wenn Frauen heute aber für selbstverständlich halten, was Frauen einst durchgefochten haben, kann es geschehen, „dass uns wieder was verlorengeht an Rechten und an Sichtbarkeit in der Gesellschaft“.


Zahlen

Die 1995 eingeführte Beratungsregel hat, auch wenn Gegner anderes prophezeiten, nicht dazu geführt, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland hochschnellte. Im Gegenteil: Während es Mitte, Ende der 90er Jahre noch etwa 130 000 Abbrüche pro Jahr gab, ist die Zahl seither recht stetig gesunken und hat sich seit 2014 bei jährlich etwa 100 000 eingependelt. Die Rate der jährlichen Schwangerschaftsabbrüche liegt damit bei etwa 4,4 pro 1000 Frauen – eine der niedrigsten in Europa. Dazu hat sicher die Aufklärungsarbeit von Einrichtungen wie Pro Familia beigetragen, die unter anderem in Schulen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität erziehen und auch Kenntnisse über Verhütung vermitteln.