Rems-Murr-Kreis

Streit um die Schulkindbetreuung

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Sehr beliebt, auch noch bei Eltern von Schulkindern: Die Betreuung durch Tagesmütter. Im Kreis gibt es zurzeit Ärger, weil das Kreisjugendamt Tagesmütter nicht mehr bezahlt, wenn die Schule des Kindes ein kostenloses Betreuungsangebot hat. © lordn - stock.adobe.com

Waiblingen. Ärger bei der Kinderbetreuung: Im März 2018 hatte der Kreistags-Jugendhilfeausschuss beschlossen, dass für Schulkinder keine Tagesmutter mehr gezahlt wird, wenn es kostenlose schulische Betreuungsangebote gibt. Inzwischen gibt es heftige Gegenwehr von Seiten der Eltern. Die Änderung bedeute, dass gute Beziehungen zerschlagen würden und Kinder im schlechten Fall pro Tag durch mehrere Institutionen geschleust werden müssten.

Beschlossen wurde das Ganze schon Mitte März 2018. Die Änderungen bei der Kindertagespflege gingen damals im Jugendhilfeausschuss mit einer Stimmenthaltung durch. Beschlossen wurden 13 Maßnahmen, darunter Veränderungen bei den Zuzahlungen, die Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder durch Tageseltern zu zahlen haben. Zuerst tat sich dann gar nichts. Doch dann, ab Ende des Jahres, sorgte vor allem die Entscheidung, dass für Schulkinder zukünftig der Tageseltern-Zuschuss vom Jugendamt nicht mehr gezahlt wird, wenn die Schule eine kostenlose Betreuung nach dem Unterricht anbietet, für Verwerfungen.

Ursprünglich war geplant, diese neue Regelung ab März 2019 durchzusetzen. Doch die Entscheidung wurde vom Kreisjugendamt Ende Dezember wieder rückgängig gemacht. In einem Brief an betroffene Eltern wird das damit erklärt, dass offenbar viele Familien die Informationen zu der neuen Schulkind-Regelung erst im Dezember bekommen hatten und nicht in der Lage waren, die Betreuung innerhalb der nicht einmal ganz drei Monate neu zu organisieren. Daher werde die neue Regelung erst zum 1. Oktober 2019 umgesetzt – ein Schulhalbjahr mehr Zeit für die Eltern, sich vor Ort über die Möglichkeiten der Kinderbetreuung zu informieren und einen Platz zu organisieren.

Ganztagsschule löst Betreuungsproblem nicht

Doch selbst trotz dieses Zugeständnisses sind Eltern unzufrieden. Die Mutter jener kleinen Grundschülerin etwa, die seit acht Jahren zu ihrer Tagesmutter geht. Sie mache dort ihre Hausaufgaben, es sei ein gewachsenes Verhältnis, alles laufe bestens. Warum solle so etwas auseinandergerissen werden? Warum eine funktionierende Beziehung zerstören? Die Mutter zitiert Kultusministerin Susanne Eisenmann, die im Juli 2018 auf einem Fachtag die Wahlfreiheit der Eltern in Bezug auf die Betreuung ihrer Kinder betonte. Doch damals ging es nur um Ganztagsschule oder Hort. Warum gehört, fragt die Mutter, die Betreuung durch Tageseltern nicht dazu? Sie habe nie die Ganztagsschule für ihre Tochter gewollt, sagt die Mutter. Doch sie habe offensichtlich keine Wahlfreiheit. Denn einen Hort gibt es für sie nicht.

Doch auch die Ganztagsschule löst das Betreuungsproblem dieser Familie nicht. Denn die schließt ihre Pforten Stunden, bevor Mutter und Vater von der Arbeit zurückkommen. Das heißt: Das Kind müsste nach der Ganztagsschule doch noch zur Tagesmutter gehen. Zu dieser Uhrzeit aber könnte die Tagesmutter die Kleine nicht von der Schule abholen, sondern das Mädchen müsste von der Schule zum Bahnhof laufen und allein mit der S-Bahn ins nächste Dorf fahren. Ist das zumutbar? Und ist es sinnvoll, dass ein Kind, nachdem es am Morgen das Zuhause verlassen hat, mehrere verschiedene Institutionen durchlaufen muss, bis der Tag rum ist? Wollte die Familie das nicht, müsste das Mädchen mehrere Stunden am Nachmittag allein zu Hause bleiben. Ist das zumutbar?

Der Staat will Betreuungszeiten nicht doppelt finanzieren

Das Kreisjugendamt weist darauf hin, dass es schlicht darum geht, Doppelfinanzierungen, die letztlich vom Steuerzahler getragen werden müssen, zu vermeiden. Kindertagespflege sei nicht verboten. Doch sie werde nicht mehr parallel zu kostenfreien schulischen Angeboten finanziert, in das die Schulen ja auch viel Geld gesteckt haben. Das heißt für die Familie des Grundschulkindes: Wenn die Ganztagsschule nicht gewünscht wird, kann das Mädchen auch so, wie immer, mittags von der Tagesmutter abgeholt werden. Doch die Stunden, während derer das Ganztagsangebot der Schule läuft, müssen dann aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Erst wenn die Schule schließt, werden die Kosten für die Tagesmutter wieder übernommen.

Kindertagespflege, so das Kreisjugendamt, richte sich laut Sozialgesetzbuch vorrangig an Kinder unter drei Jahren. Auf der Internetseite des Kultusministeriums zu den Ganztagsschulen heißt es, das Land habe 158 Millionen Euro in deren Ausbau investiert. Für Kinder im schulpflichtigen Alter sei daher nach dem Sozialgesetzbuch VIII „ein bedarfsgerechtes Angebot in Tageseinrichtungen vorzuhalten“.



Hochemotionale Diskussionen um das „große und heiße“ Thema der Finanzierung

An der Ausarbeitung des jetzt zum explosiven Material mutierten neuen Teilplans Kindertagespflege waren nicht nur das Kreisjugendamt sowie die Städte und Gemeinden beteiligt, sondern auch die sechs Tageselternvereine des Kreises. Gisela Stecher, Vorsitzende des Tageselternvereins Waiblingen, erlebt zurzeit hochemotionale Diskussionen. Es sei ein „großes und heißes Thema“. Sie sagt: Ja, selbstverständlich gebe es immer wieder Fälle, in denen neue Regelungen zu großen Schwierigkeiten führen. So auch im Zusammenhang mit den Tagesmüttern und den Schulkindern. Aber trotzdem: Es sei lange über die Änderungen diskutiert worden, die Informationen über die Änderungen seien an alle Betroffenen rechtzeitig rausgegangen und alle sechs Tageselternvereine hätten den Änderungen zugestimmt. Und damit fertig. „Ich sage, es ist okay“, sagt sie. Die Kommunen müssten und wollten Doppelfinanzierungen vermeiden und vor allem auch ihre eigenen Angebote planen und durchführen können.

Beim Tageselternverein Schorndorf sieht man das etwas anders. Geschäftsführerin Heidrun Schild versteht, dass Doppelfinanzierungen nicht erwünscht sind. Doch sie erklärt, Beziehungsabbrüche seien für die Kinder „meist irritierend oder können sich im schlimmsten Fall negativ auf die Entwicklung auswirken“. Zudem sei die individuelle Förderung in einer Tagespflegestelle viel leichter umzusetzen als in einer großen schulischen Betreuungsgruppe. Sie hebt die Flexibilität der Tagesmütter hervor, mit denen ganz nach Bedarf das Betreuungsangebot gestrickt werden kann. Die Ganztagsbetreuung in den Schulen, kritisiert sie, sei dagegen noch im Aufbau. Die Qualität vor Ort variiere erheblich.

Heidrun Schild fürchtet auch um ihre Tagesmütter: Die „Randzeiten“, also die wenigen Stunden am Tag nach der Schulbetreuung, seien für Tagesmütter „wenig attraktiv“. Sie vermutet, dass diejenigen, die sich auf Schulkinder spezialisiert hätten, aufhören werden.

Aus dem Verein Tageseltern Winnenden heißt es, man habe sich gegenüber dem Kreisjugendamt klar für eine „Bestandsschutzregelung“ bereits bestehender Tagespflegeverhältnisse positioniert. Der inzwischen gewährte Aufschub bis Ende September 2019 wird als solcher gewertet. Im Zuständigkeitsbereich des Vereins, nämlich in Winnenden, Schwaikheim, Berglen und Leutenbach, gibt es allerdings derzeit nur zwei Schulen, bei denen ein kostenfreies Angebot für Schulkinder angeboten wird. Die neue Regelung betreffe daher nur wenige Familien.

Betreuung: Kriterien

Der Unmut der Eltern richtet sich auch gegen die Art der Schulbetreuung. Sie fragen, was denn als Betreuung durchgehe. Ob es, wie an manchen Schulen angeboten, ausreiche, dass ältere Schüler oder Mütter Hausaufgaben beaufsichtigten?

Holger Gläss, Leiter des Kreisjugendamtes, erklärt: Die Kriterien des Jugendamtes seien in erster Linie, dass das Angebot kostenlos und verbindlich sei. Das heißt, es müsse regelmäßig stattfinden. Befristete Projekte oder Angebote, die nur hin und wieder stattfänden, gelten nicht.

Es müsse aber nicht zwingend pädagogisches Personal wie Lehrer, Erzieher oder Sozialpädagogen bei der Betreuung anwesend sein. Auch Angebote von Vereinen seien ausreichend.