Rems-Murr-Kreis

Superfood Aronia auf dem Stiftsgrundhof

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Denis und Thomas Schwaderer haben Ende 2016 eine Plantage mit 12 000 Pflanzen der Aronia angelegt, eine Powerfrucht mit sehr gesunden Eigenschaften. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Die „Apfelbeere“ hat eine ausgesprochen kräftige Farbe. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Die „Apfelbeere“ hat eine ausgesprochen kräftige Farbe.

Backnang. Chiasamen aus Mexiko? Gojibeeren aus China? Wie wäre es mit Aronia-Beeren vom heimischen Acker? Im Stiftsgrundhof bei Familie Schwaderer bei Backnang gedeiht der Beweis dafür, dass sogenanntes „Superfood“ direkt vor der Haustür zu haben ist.

Der Saft der Aronia-Beere ist Liebe auf den zweiten Schluck, dann aber richtig: „Das erste Glas schmeckt vielen noch nicht hundertprozentig“, erklärt Sieglinde Schwaderer beim Einschenken des dunkelvioletten Getränks aus der Tetrapackung. „Aber probieren Sie’s mal mit Apfelsaft gemischt“, animiert sie die Testtrinker von der Zeitung, dem Aroniasaft eine zweite Chance zu geben. „Oh ja, jetzt ist es lecker, fruchtig und mild“, sagen beide über das süßlich-herbe Aroma, an das sich mancher Gaumen erst heranschmecken muss. Gesundheitsbewusste kaufen den Saft im Naturkostladen oder Reformhaus, doch „die wenigsten kennen die Pflanze bei uns schon“, sagt Thomas Schwaderer. Das kann und soll sich bald ändern. Die Vollerwerbs-Landwirte Sieglinde und Thomas, Sohn Denis und Schwiegertochter Steffi Schwaderer wollen ihren eigenen Saft abfüllen und über Hofläden und das Internet vermarkten.

Strotzen vor Mineralstoffen

Die Absatzchancen sehen gut aus, denn sehr lang fällt die Liste der angeblich guten Wirkungen aus: Die Autorin Michaela Döll hat die zu den Rosengewächsen zählenden Beerenfrüchte in ihre „hitverdächtige Topliste der gesündesten Lebensmittel“ aufgenommen. Sie sollen strotzen vor Mineralstoffen, die den Gang zum Supermarktregal mit den Nahrungsergänzungsmitteln ersparen: Eisen, Kalium, Magnesium, C- und E-Vitamine, Kalzium, zudem seien sie reich an zellschützenden Stoffen, sogenannten Antioxidantien und Polyphenolen, die Döll zufolge im Fokus der medizinischen Forschung stehen. Regelmäßiger Verzehr schütze die Gefäße, optimiere das Immunsystem, wirke Allergien entgegen und verbessere Durchblutung und Nierenfunktion. Polyphenole wie OPC gelten als „die Vitamine des 21. Jahrhunderts“, schreibt Döll.

Auch Vögel fallen über die Beeren her

Auch Vögel fallen über die Beeren her - glaubt man Vogelkundlern, ist dies ein Anzeichen, dass etwas Gutes dran sein muss; Zugvögel wissen, wo sie ihre Power für lange Flugstrecken hernehmen müssen. Aus der Vital-Beere lässt sich auch für den menschlichen Speiseplan viel Gutes herstellen: Marmelade, Kekse und Saft. Aus dem Trester kann fruchtig-schmackhafter Tee zubereitet werden. Sieglinde Schwaderer trocknet die Früchte und mischt sie statt Rosinen ins Müsli.

Der Nachschub des „Superfoods“ könnte, wenn Saat und damit Pläne von Schwaderers aufgehen, schon bald aus der Region kommen. Seit Herbst 2016 wurzeln die „Apfelbeeren“, wie die Aroniafrucht genannt wird, im heimischen Acker, wo zuvor Gerste und Weizen standen. Zum Wachstum in dieser Saison befragt geht der Daumen von Denis Schwaderer nach oben: „Blüte und Austrieb waren gut, jetzt wird sich herauskristallisieren, wie viel sie tragen.“ Vergangenen Sommer hätten sie viel Zeit investiert und das Unkraut von Hand unschädlich gemacht. Gespritzt wird nicht, auch Düngemittel ist tabu - der Aroniaacker soll bio werden. Auf drei Hektar haben Schwaderers 12 000 Stecklinge gepflanzt, die Plantage umfasst rund 15 Reihen à 400 Meter. Jede Pflanze bestehe aus drei Ruten, die sich zu einer durchgängigen Hecke verdichten. Jede Menge Holz also, was sie in zwei bis drei Jahren bei der Ernte merken werden, wenn die Hecken vollhängen. Weil Maschinen die kleinen Beeren beschädigen könnten, ist die Ernte pure Handarbeit - und wegen des charakteristischen Farbstoffs auf jeden Fall Handschuh-Arbeit: Schwaderers haben vergangenen Sommer zu viert die ersten Beeren vom Ast abgestreift. „Die Farbe toppt sogar die Rote Bete“, sagt Thomas Schwaderer.

Robuste Beeren halten einiges aus

Die Familie freut sich über die neuen Austriebe, die die Pflanzen zum widerstandsfähigen Busch machen. Das Gras zwischen den Reihen soll gemulcht werden, so halte der Untergrund die Feuchtigkeit besser und bringe über Kleegras wichtige Nährstoffe in den Boden, der hier oben ideal sei: nicht tonhaltig, ein guter Wasserspeicher - auch in langen Trockenperioden wie diesen April. Die Landwirtsfamilie ist von der Robustheit der Beere überzeugt. Ihre im Vergleich zu einer Weintraube harte Schale schütze sie - unter anderem vor radioaktiver Strahlung, wie Untersuchungen im Zusammenhang mit der Tschernobyl-Katastrophe ergeben hätten. „Die Beeren haben am wenigsten von der Strahlenbelastung aufgenommen“, zitiert Schwaderer aus Studien. Außerdem hielten sie viel Frost aus und benötigten keine Bienen für die Vermehrung, sie ist Selbstbestäuber.

Ausgewachsene Pflanzen benötigen nur alle zehn Jahre einen Schnitt

Der Pflegeaufwand sei gering, die ausgewachsenen Pflanzen benötigen nach Schwaderers Information nur alle zehn Jahre einen Schnitt. Von der Ausbeute fällt die Aronia-Beere nicht weit vom (Apfelbaum-)Stamm: Ein Kilogramm ergebe 0,65 Liter Saft - eine ähnliche Menge wie bei den Äpfeln. Keine Bedenken? „Höchstens die Kirschessigfliege könnte Probleme bereiten, aber das warten wir einfach ab“, sagt ganz gelassen Sieglinde Schwaderer. Der Ackerstatus bleibe ohnehin erhalten. „Wenn es nichts wird, kann dort auch wieder Weizen wachsen.“

Aronia

Aronia kommt ursprünglich aus Nordamerika und kam über Russland und Sibirien nach Europa. 1974 hatte der Großvater von Thomas Schwaderer als erster Landwirt im Rems-Murr-Kreis einen Melkstand, der die Methode mit Anbindeständen ablöste.

2018 erweisen sich Schwaderers erneut als Pioniere: Nach Auskunft des Landratsamts Waiblingen haben sie die kreisweit erste Aronia-Plantage angepflanzt.

Auslöser für den ackerbaulichen Kurswechsel sei der niedrige Milchpreis. „Wir mussten bei dem schwankenden Milchpreis nach einem zusätzlichen Standbein schauen“, schildert Sieglinde Schwaderer.

Über ein Netzwerk von Aronia-Vertreibern seien sie auf die Pflanze gestoßen. „Dass es dann noch supergesund sein soll, ist perfekt“, meint Denis Schwaderer. Nach Auskunft von Thomas Schwaderer wird deutschlandweit auf über 500 Hektar Fläche Aronia angepflanzt.