Rems-Murr-Kreis

TÜV-Software sorgt für Ärger

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So chaotisch wie auf der Kreuzung geht es derzeit auch bei den Terminen für Führerscheinprüfungen zu. Der Schwaikheimer Fahrlehrer Bernhard Rauleder ist stinksauer. © Palmizi/ZVW

Winnenden. Fahrschüler hängen in der Luft, Fahrlehrer sind schwer genervt: Sie haben Probleme, beim TÜV Prüfungstermine zu bekommen.

„Wir sind die Blöden“, sagt Bernhard Rauleder. Seit Juni schlägt sich der Fahrlehrer aus Schwaikheim mit dem TÜV Süd herum, bei dem seine Schüler die theoretische und praktische Fahrprüfung ablegen. Dort herrscht aus seiner Sicht Chaos. Es gibt nicht genügend Prüfungstermine, und die wenigen werden oft nur kurzfristig vergeben.

Im Juni 2018 hat der TÜV Süd eine neue Software zur Organisation und Abwicklung von Fahrerlaubnisprüfungen sowie einen neuen Online-Service für Fahrschulen (OSF 2.0) eingeführt. Seither klappt nichts mehr. Zwölf Fahrschulen aus dem Raum Winnenden/Schwaikheim haben sich zusammengeschlossen und gemeinsam einen Brief geschrieben, den sie ihren Fahrschülern und deren Eltern in die Hand drücken: „Wir bitten Sie, sich in Geduld zu üben, oder sich bei Beschwerden direkt an den TÜV Süd zu wenden – denn das Problem liegt nicht bei uns!“

Es liegt an der neuen Software

Das Problem ist die neue Software, weiß das baden-württembergische Verkehrsministerium als Aufsichtsbehörde des TÜV Süd. „Um die Verzögerungen schnellstmöglich zu beheben, hat das Ministerium für Verkehr einer befristeten Entsendung amtlich anerkannter Sachverständiger und Prüfer aus Bayern zugestimmt.“ Nach der Systemeinführung in verschiedenen Niederlassungen haben Softwareprobleme und fehlerhafte Daten die Funktion des Systems eingeschränkt. „Verzögerungen im Prüfablauf waren die Folge und Prüfungstermine konnten nicht wie geplant realisiert werden“, so das Verkehrsministerium.

Ausbaden müssen die Verzögerungen Fahrlehrer wie Bernhard Rauleder oder Ibrahim Tekin von der Fahrschule Fast & Serious in Winnenden. Mit der neuen Software wollte sich der TÜV Süd nicht zuletzt eine Menge Geld sparen, sagt Rauleder. Wenn Fahrlehrer ihre Prüfungstermine selbst eintragen, spare sich der TÜV die ganze Organisation, müsse nur die Prüfung abnehmen und die Gebühr von 84,91 Euro kassieren. „Wir haben die ganze Arbeit!“ Und derzeit massiven Ärger obendrein.

Ausgerechnet vor den Sommerferien wird die Software umgestellt

Rauleders Unverständnis beginnt beim Termin für die Softwareumstellung. Statt in den ruhigen Monaten nach Weihnachten und Neujahr stellte der TÜV ausgerechnet vor den Sommerferien um, in denen junge Leute mehr Zeit haben und – möglichst auf bis zum Ferienende – ihren Führerschein machen wollen. Schon bisher boten Nico’s Fahrschule, Fast and Serious und Rauleder gemeinsame Prüfungstermine an, damit die Prüfer nur einmal nach Winnenden fahren müssen. Es klappte. Seit der Softwareumstellung sind die Fahrlehrer verzweifelt:
 

  • Prüfungsplätze werden vom TÜV ersatzlos gestrichen;
  • Prüfungen werden generell in extremster Weise gekürzt;
  • Fahrschulen werden in die Planungen nicht mit eingezogen.
  • Hinzu kommen extreme Probleme bei der Vergabe freier Prüfungsplätze für die Theorieprüfungen.


Beschwerden laufen ins Leere

Telefonische Beschwerden laufen ins Leere, weiß Ibrahim Tekin. Anrufe werden gar nicht entgegen genommen – oder weggedrückt, wenn die Rufnummer einer Fahrschule auf dem Display erscheint. „Keine Chance“, sagt auch Bernhard Rauleder. Selbst die mündlich zugesagten Prüfungstermine tauchen im System nicht auf und können folglich nicht gebucht werden. Rauleder und Tekin müssen ihre Schüler vertrösten, wann nun endlich die Prüfung ansteht. Und das geht Fahrstunde für Fahrstunde ins Geld. Denn eine Pause zwischen Fahrstunden und Prüfung einzulegen, sei nicht sinnvoll. Die Fahrlehrer sehen sich oft zu Unrecht dem Vorwurf der Geldmacherei ausgesetzt.

Die Kritik richtet sich nicht gegen die Prüfer des TÜV, betonen Tekin und Rauleder. „Unsere Prüfer sind super!“ Denn auch die Prüfer leiden unter der neuen Software, weil sie beispielsweise nicht erfahren, bei welcher Fahrschule sie eine Prüfung annehmen, sondern nur den Ort.

Für jede Rechnung wird die IBAN gewechselt

Ein weiteres Ärgernis ist, dass die Fahrschulen zwischen TÜV Süd und den Fahrschülern stehen. Vor der Softwareumstellung haben Fahrschulen das Geld für Prüfungen bei ihren Schülern eingesammelt und den TÜV bezahlt. Das geht nun nicht mehr. Um den Wahnsinn perfekt zu machen, wechselt der TÜV Süd für jede Rechnung die IBAN-Nummer für die Überweisung aus. Rauleder schüttelt verständnislos den Kopf. Er ahnt, wie viele Fehlbuchungen es geben wird, wenn sich bei jeder Rechnung die Kontonummer ändert.

Die neue Software, demonstriert Rauleder an seinem PC, ist nicht nur langsam, sondern auch umständlich. Den drei Fahrschulen wurden vom TÜV Süd zwar sieben Termine für die praktische Prüfung zugestanden. „Aber wir können sie nicht buchen!“ Der TÜV schaltet die Termine nur im Zwei-Wochen-Rhythmus frei – oder noch kurzfristiger. Und von der Zusicherung vor der Umstellung, dass die Fahrschulen sich in freie Termine einbuchen zu können, sei überhaupt keine Rede mehr.

Den Ärger mit dem TÜV, so der Eindruck von Tekin und Rauleder, haben vor allem die kleineren Fahrschulen. Große Fahrschulen, die immer ganze Prüfungstage buchen, klagten weniger über das Chaos.

Der TÜV hat das Monopol für Führerscheinprüfungen

Am TÜV Süd führt für die Fahrschulen kein Weg vorbei. Denn der TÜV hat das Monopol. Nach dem Kraftfahrsachverständigengesetz in Baden-Württemberg erhielt der TÜV den Auftrag als Technische Prüfstelle. Das Verkehrsministerium versichert in seiner Stellungnahme: „Der TÜV SÜD arbeitet mit Hochdruck daran, die aufgetretenen Probleme zu beheben und die entstandenen Verzögerungen bei den Prüfungsterminen zeitnah abzuarbeiten. Hierfür werden Zusatz- und Samstagsprüfungen angeboten sowie zusätzliche Mitarbeiter eingesetzt.“ In Schwaikheim und Winnenden ist von diesen Bemühungen noch nichts angekommen.


TÜV Süd räumt Software-Panne ein

Der TÜV Süd räumt die Software-Pannen ein. „Seit Juni 2018 haben wir in Hamburg und in Teilen Baden-Württembergs eine neue Software zur Organisation und Abwicklung von Fahrerlaubnisprüfungen sowie einen neuen Online-Service für Fahrschulen (OSF 2.0) im Einsatz“, beantwortete der TÜV Süd unsere Anfrage. „Das System ist im Vorfeld intensiv getestet und drei Monate mit Fahrschulen erprobt worden. Wir haben auf dieser Basis beschlossen, den wichtigen Rollout, beginnend in Baden-Württemberg durchzuführen. Dabei sind wir von einer zügigen und problemlosen Umstellung ausgegangen.“

Nach der Systemeinführung in verschiedenen Niederlassungen haben Softwareprobleme und fehlerhafte Daten die Funktion des Systems eingeschränkt, heißt es in der Stellungnahme weiter: „Verzögerungen im Prüfablauf waren die Folge und Prüfungstermine konnten nicht wie geplant realisiert werden. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die aufgetretenen Probleme zu beheben und die entstandenen Verzögerungen bei den Prüfungsterminen zeitnah abzuarbeiten. Dazu werden Zusatz- und Samstagsprüfungen angeboten sowie zusätzliche Mitarbeiter eingesetzt.“

Die Einführung des Systems in den übrigen Niederlassungen in Baden-Württemberg werde erst dann erfolgen, wenn sämtliche Probleme behoben sind, notwendige Tests erfolgreich abgeschlossen sind und die Software stabil funktioniert. „Wir sind weiterhin überzeugt, dass nach erfolgreicher Implementierung der Software und des Online-Services der gesamte Prozess hinsichtlich Fahrerlaubnisprüfungen in Bezug auf Flexibilität, Effizienz und Planungssicherheit gegenüber dem bisherigen Prozess deutlich verbessert wird.“