Rems-Murr-Kreis

Tag der Pressefreiheit: Sie wird doppelt unterdrückt - Nazeeha Saeed, Bahrain, erzählt

Saeed
Nazeeha Saeed aus Bahrain. © Marcel Wogram

Der heutige Montag, 3. Mai, ist der Tag der Pressefreiheit und Auftakt zur Woche der Meinungsfreiheit. Aus diesem Anlass blickt der Zeitungsverlag Waiblingen über den lokalen Tellerrand hinaus und lässt Menschen zu Wort kommen, die in verschiedenen Ländern der Welt für Meinungs- und Pressefreiheit eintreten, bisweilen unter Einsatz des eigenen Lebens. Der folgende eindringliche Text stammt von Nazeeha Saeed aus Bahrain.

Nazeeha Saeed wurde 2014 mit dem Schorndorfer Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit ausgezeichnet. Als sie im Jahr 2011 über die demokratischen Proteste des Arabischen Frühlings in ihrem Land berichtete, wurde sie in Polizeigewahrsam genommen. Bei Verhören wurde sie getreten, mit dem Kopf in die Toilette getaucht und schwer misshandelt. Ihr Fall fand internationale Beachtung. Die traumatisierenden Erfahrungen waren für Nazeeha Saeed Anlass, sich für inhaftierte Kolleginnen und Kollegen zu engagieren und ihnen öffentliche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Darüber hinaus hat sie ein Projekt ins Leben gerufen, um Journalist/-innen des arabischen Raumes darin auszubilden, ihre gefährliche Aufgabe möglichst sicher wahrzunehmen und nach ethischen Prinzipien, unter anderem auch in geschlechtergerechter und minderheitensensibler Sprache, zu berichten. Heute lebt sie im Berliner Exil, da die Regierung Bahrains ein Einreise- und Berufsverbot gegen sie ausgesprochen hat. Sie ist weiterhin als Journalistin, Moderatorin und Medientrainerin tätig. Bahrain ist ein Königreich in einer Bucht im Persischen Golf. Der Staat besteht aus 33 Inseln, teilweise mit künstlichen Aufspülungen, vor der Küste Saudi-Arabiens. Die Staatsfläche ist etwas kleiner als das Hamburger Staatsgebiet. Bahrain hat etwa 1,6 Millionen Einwohner und ist recht wohlhabend. Die Bindung zum großen Nachbarn Saudi-Arabien gilt als eng.

Hier ist Nazeeha Saeeds Bericht:

Die erste Unterdrückung: Zur Lage der Frauen in Bahrain

In der Weltregion, aus der ich stamme, ist es schon schwierig genug, wenn man als Frau geboren wird. Es ist dort auch schwierig, journalistisch tätig zu sein. Wenn diese beiden Umstände in einer Person zusammenfallen, bedeutet das ein stetiges Leben, Arbeiten, Kämpfen und Verändern innerhalb eines multiplen Unterdrückungssystems. Frauen und Journalist/-innen stehen beide gleichermaßen dem herrschenden patriarchalen, politischen, religiösen und sozialen System gegenüber, dem daran gelegen ist, sie zu unterdrücken, kleinzuhalten, zu kontrollieren und zu überwachen.

Frauen werden in Bahrain überwacht; man sieht sie nicht als vollständiges menschliches Wesen, nicht als vollwertige Bürgerinnen, nicht als vollkommene Identitäten. Sie sind immer nur ein halber Mann, das Anhängsel eines Mannes oder gleich das Eigentum des Mannes.

Die Gesetze in Bahrain gewähren Frauen nicht die vollen Bürgerrechte: Frauen können ihre Nationalität nicht an ihre Kinder vererben; Frauen können keinen Pass oder Personaldokumente für ihre Kinder beantragen; Frauen werden in zahlreichen Gesetzen nicht als volljährige Rechtsperson mit eigenen Eigenschaften und eigener Identität anerkannt; Frauen dürfen nicht heiraten ohne die Einverständniserklärung eines männlichen Familienmitglieds.

Das Gesetz Bahrains schützt Frauen nicht vor Gewalt, insbesondere nicht vor häuslicher Gewalt, das Gesetz kennt zum Beispiel den Straftatbestand der ehelichen Vergewaltigung nicht. Es bietet jedoch dem Vergewaltiger auf dem Silbertablett die Möglichkeit, straflos davonzukommen, wenn er das Mädchen oder die Frau, die er vergewaltigt hat, heiratet.

So endet am Ende das Opfer oft als Ehefrau des Vergewaltigers – und der Fall ist in den Augen der Justiz erledigt!

Die zweite Unterdrückung: Zur Lage des Journalismus in Bahrain

In ganz ähnlicher Weise verhindern die Gesetze unseres Landes, dass Journalist/-innen ihre Tätigkeit ausüben können. Das fängt schon mit der reinen Existenz unseres sogenannten Informationsministeriums an, dem die Überwachung und Kontrolle der gesamten Medienlandschaft obliegt.

Das ist der Grund, warum es in unserem Land keine unabhängige Medienberichterstattung gibt: Fernseh- und Radiostationen sind Staatsmonopol, einheimische Journalist/-innen brauchen eine Erlaubnis oder Akkreditierung, ihre Arbeit wird streng überwacht.

Viele meiner Kolleg/-innen erhalten immer wieder Drohungen, wenn sie über Themen schreiben oder sprechen, die der Regierung nicht in den Kram passen, über die sie besser schweigen sollten. Sie werden verfolgt und verhaftet, wenn die Obrigkeit sich davon beleidigt fühlt. Die Liste der Einschüchterungsversuche ist unendlich lang.

Als ich noch als Berichterstatterin in Bahrain arbeitete, wurde ich stichprobenartig immer wieder von der Polizei angerufen. Manche Beamten fragten, wo ich mich gerade aufhalte, wer bei mir sei, was es dort Berichtenswertes gebe. Sie missbrauchten mich als Informationsquelle. Andere sprachen mir Ortsverweise für Gegenden aus, wo man Proteste vermutete oder eine Konferenz stattfinden sollte.

Das waren ganz klare Einschüchterungsversuche, die mich daran hindern sollten, meinen Beruf auszuüben!

Folter: Schöne Fassaden und die bittere Wahrheit dahinter

Frauen werden von diesem durch und durch patriarchalisch geprägten Staat gern als Marionetten genutzt, die der internationalen Gemeinschaft zeigen sollen: Seht her, bei uns gibt es doch Frauen in Führungspositionen.

So ist etwa die Parlamentsvorsitzende in Bahrain eine Frau – doch wie oben beschrieben, werden Frauen vom Gesetz nicht als vollwertige Bürgerinnen behandelt.

Auch die Vorsitzende des Journalist/-innenverbandes von Bahrain ist eine Frau – aber weder verteidigt sie die Pressefreiheit, noch setzt sie sich für Medienrechte oder journalistische Standards ein.

Frauen bekleiden Posten in Ministerien, Botschaften und im Management – doch sie dürfen nichts tun, was als regierungskritisch gilt, sie dürfen nicht kreativ werden oder sich durch herausragende Leistungen hervortun, denn das ist ausschließlich der Männerwelt vorbehalten.

Als Journalist/-in hast du ständig Angst, über eine kritische Sache zu berichten und danach einen Drohanruf vom Ministerium für Information zu kassieren. Du unterwirfst dich der Selbstzensur, um Befragungen, Haft und Folter zu vermeiden. Schreibst du über Korruption, Folter oder Vergewaltigung, wird nicht der Korrupte, der Folterknecht oder der Vergewaltiger verhört und inhaftiert, sondern der Journalist oder die Journalistin.

Auf diese Weise wurde ich im Jahr 2011 selbst Opfer von Haft und Folter, als ich über Demonstranten berichtete, die von der Polizei getötet wurden. In dieser persönlichen Erfahrung steckt alles, was dir in Bahrain droht, wenn du versuchst, die Wahrheit zu benennen.

Darüber hinaus unterliegen Frauen weiteren sozialen Beurteilungen, was ihr Erscheinungsbild, Kleidung, Gewicht, Religionsausübung, Bewegungsfreiheit, Entscheidungsfindung und beinahe alle Bereiche ihres Tuns und Sagens angeht – während gleichzeitig das Gesetz nahezu blind zu sein scheint für gesellschaftlich geduldete „Kavaliersdelikte“, die sich gegen Frauen richten, wie Verfolgung, Missbrauch, Vergewaltigung, Unterdrückung bis hin zum Mord.

Stolz: Warum ich weiterkämpfe

Es ist nicht leicht als Frau im Journalismus, es macht die Herausforderung größer und komplizierter, und es verdoppelt den Druck. Du fühlst dich in doppelter Hinsicht beurteilt, beobachtet und kontrolliert. Wenn es dir als Journalistin irgendwie gelingen sollte, diesem System zu entkommen und eine unabhängige Frau im Medienbetrieb zu werden – dann gibt es keinen Platz für dich. Die Regierung, ihre Beamten und einflussreiche Teile der Gesellschaft werden alles daransetzen, dich in jeglicher Hinsicht zu brechen, zu zerbrechen.

Ich persönlich habe in meinem Leben noch einen weiteren Punkt auf der Liste hinzugefügt: Ich bin jetzt eine Journalistin im Exil. Das sind gleich drei Attribute, in denen je drei ganz unterschiedliche Problemfelder und Schwierigkeiten mitschwingen.

Frau, Journalistin, im Exil: Aber irgendwie bin ich auch stolz auf jedes einzelne davon. Ich nehme alle damit verbundenen Herausforderungen dankbar an, ich werde weiterkämpfen, um die Gesetze und die Gesellschaft zu verändern.

Selbst wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte: Ich würde alle drei wieder wählen, denn sie haben mich zu der gemacht, die ich heute bin.

Der Zeitungsverlag Waiblingen bei den Tagesthemen

Auch der Zeitungsverlag Waiblingen selber wird am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, zum Objekt der Berichterstattung: Heute läuft um 22.15 Uhr in den Tagesthemen der ARD ein Film über unseren Redakteur Alexander Roth. Er recherchiert seit dem Frühjahr 2020 intensiv im Querdenker-Milieu, hat viele Kontakte von Protagonisten der Szene in rechtsextreme Kreise nachweisen können und sieht sich dafür Beleidigungen und Drohungen ausgesetzt.