Rems-Murr-Kreis

Tierschützerin verklagt die Bahn

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Eines der Foto-Dokumente, die Petra Conrad während der Bauarbeiten gemacht hat: Link im Bild ist die Felswand, die durch Betoneinspritzungen stabilisiert wurde; ganz rechts schemenhaft zu erkennen: Petra Conrads Haus. © Petra Conrad

Backnang. Petra Conrad, Betreiberin des „Tierpflegenestes“ in Backnang, klagt gegen die Deutsche Bahn auf Schadenersatz. Ihr Vorwurf: Die Bahn habe durch „rücksichtslose Baumaßnahmen“ an der Murrbahn-Linie „Sachbeschädigungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Mensch und Tier“ angerichtet. Am Donnerstag treffen sich die Streitparteien im Landgericht Stuttgart.

Das Tierpflegenest Backnang, 1986 gegründet, weil Petra Conrad „die immer noch oft praktizierte Zwingerhaltung von Hunden durch eine artgerechte Rudelhaltung ersetzen wollte“, liegt am Ostrand von Backnang, unweit der Murrbahn-Linie. Im Oktober 2014 begann die Bahn dort mit Baumaßnahmen zur Absicherung eines Hanges an den Gleisen, der Naturfels sollte durch Beton-Einspritzungen stabilisiert werden. Die Arbeiten zogen sich bis Mai 2015 hin. Unsägliches habe sich dabei abgespielt, findet Petra Conrad und glaubt dies auch belegen zu können – sie hat Fotos und Videos von den Zuständen angefertigt.

„In der Nacht des 14. Oktobers 2014 wurde mit einem Zweiwegebagger trocken vor meinem Haus gebohrt. Alles, sogar das Innere von Wohnhaus, Schuppen und Hundezwingern, wurde mit Feinstaub verdreckt, man fand ihn sogar in den Steckdosen und hinter einem Bilderrahmen. Es sah aus wie nach einem Bombenanschlag oder Erdbeben.“ Danach habe die Bahn zwar versprochen, „die Bohrungen auf nass“ umzustellen, aber „weiterhin hauptsächlich trocken gebohrt. Ständig wurde Feinstaub mit Pressluft in mein Anwesen geblasen.“

„Ständiger Sprühnebel“

Conrad glaubt: Weil im Winter normalerweise kein Beton verarbeitet werden kann, sei zum Abbinden und Erstarren „das hochaggressive Tausalz Calciumchlorid“ verwendet worden. Auf das Tierpflegenest sei ein „ständiger Sprühnebel“ aus Salzwasser niedergegangen.

Am 30. April 2015 hätten die Arbeiter „acht bis zehn Meter von meinem Haus entfernt“ eine Verbindungsschelle an der Spritzbeton-Rohrleitung geöffnet, „ohne den Druck vorher abzulassen. Ich dachte, eine Bombe hätte eingeschlagen, und rannte in den Garten. Eine Fontäne der Betonmischung landete im Garten und setzte sich auf dem Boden, an den Metallgittern und anderen Gegenständen ab.“

Zementnebel und Rauch in Haus und Garten

„Um die weit über 1000 Bohrlöcher mit Zement zu verfüllen, benötigt man viele Paletten Zement. Der angefallene Müll wurde gegenüber dem Betonmischer in einer Gitterbox verbrannt.“ Wegen des im Winter hier oft wehenden Ostwindes „zogen die schwarzen Rußwolken zu uns herüber und wurden bei höherer Luftfeuchtigkeit in den Garten zu den Hunden gedrückt, wo ich auch täglich arbeite. So standen wir über viele Wochen im Zementnebel oder Ruß. Wir mussten diese Luft einatmen, die Tiere hatten den Dreck im Trinkwasser und Futter.“

Die Warnhupen beim Grundstück hätten „einen höllischen Ton von 126 dB“ gehabt und nicht nur vor „jedem vorbeikommenden Zug“ angeschlagen – es sei „auch mehrmals zu Fehlalarm“ gekommen, bei dem die Hupen „etwa eine Stunde am Stück“ geschrillt hätten. Monatelang „sind wir so durch die Hölle gegangen, nicht nur wegen Feinstaub, Zement und Salzwassermischung, sondern auch wegen unmenschlicher Lärmbelästigung“.

Gesundheitsbeschwerden bei Menschen und Hunden

Conrad klagt: „Die Hunde wurden zum Teil krank, und auch ich wusste an manchen Tagen nicht mehr, wie es weitergehen sollte, denn ein Ende war nicht abzusehen. Ich hatte irgendwann keine Kraft mehr, konnte keine Nacht schlafen und leide noch heute unter Schlafstörungen, Depressionen und Angstattacken. Während der Bauzeit bekam ich einen Hörsturz, litt unter Augenentzündung, Dauerhusten, Schwindel, Magen- und Darmbeschwerden, Nervenlähmungen, rheumaähnlichen Schmerzen, Nasenbluten, Lymphknotenschwellungen und starken Kopfschmerzen.“

Auch der Sachschaden sei „immens“. Conrad zählt auf: „Die Metallgitter, die das Tierheim einzäunen, zeigen größtenteils Weißrost, die restlichen wurden durch den Sprühnebel des Salzwassers ausgebleicht. Das vorher intakte, funktionsfähige Dach mit historischen, ursprünglich roten Tonziegeln ist von Ablagerungen aus Zement und Salz bedeckt, die Ziegel zerbröckeln zum Teil wie Blätterteig.“ Mittlerweile sei auch „Wasser eingedrungen, die Holzdecke im Zimmer unter dem Dach beginnt zu faulen“.

Für all das habe sie bislang von der Bahn lediglich 6500 Euro Entschädigung erhalten. „Im Nachhinein“, fasst Petra Conrad zusammen, „hätte ich lieber mit den Hunden den Winter unter einer Brücke verbracht, als diesen Horror durchzumachen.“

Bahn äußert sich vor dem Gerichtstermin nicht

„Höre auch die andere Seite“, das ist ein klassischer Grundsatz im Journalismus. Deshalb haben wir uns an die Bahn gewandt und um eine Stellungnahme gebeten. Ein Bahnsprecher antwortete: „Im Hinblick auf das anstehende Verfahren bitten wir um Verständnis, dass wir uns dazu vorab nicht äußern.“ Wie stichhaltig die Vorwürfe von Petra Conrad sind, können wir als Zeitung momentan nicht eindeutig beurteilen.

Beim Treffen am Donnerstag am Landgericht Stuttgart handelt es sich um einen Gütetermin. Das heißt, das Gericht wird zunächst ausloten, ob es zwischen den Streitparteien die Möglichkeit einer Einigung gibt. Nur falls so ein Kompromiss nicht gelingen sollte, folgt ein Prozess, in dem das Gericht mit Hilfe von Unterlagen, Gutachtern, Zeugen zu einem Urteil kommt.

Auch bei Güteterminen lassen Gerichte aber – zumindest zwischen den Zeilen – oft schon durchblicken, wessen Sicht sie nach vorläufigem Erkenntnisstand eher zuneigen.