Rems-Murr-Kreis

Unseriöser Schlüsseldienst zockt ab

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Wohl dem, der den Schlüssel nicht versehentlich innen hat liegen lassen. © Good mood / Fotolia

Waiblingen. Die fiese Masche ist weit verbreitet: Die Tür fällt zu, der Schlüssel liegt innen – woraufhin unseriöse Schlüsseldienste die Notlage ausnutzen und Mondpreise verlangen für ein paar Minuten Arbeit. Ein 46-Jähriger aus Waiblingen hat einen Türöffner mit mehr als 500 Euro entlohnt – und damit ein Vielfaches des angemessenen Preises bezahlt.

Bei der Verbraucherzentrale sind Fälle wie diese bekannt – sie wiederholen sich seit Jahren. Von „massenhafter Abzocke“ spricht die Verbraucherzentrale, sammelt Beschwerden und analysiert Rechnungen von Schlüsseldiensten. Sie will gesammelt gegen Rechtsverstöße vorgehen und Ende dieses Jahres die Ergebnisse veröffentlichen.

Ob der 46-Jährige aus Waiblingen sein Geld wiedersieht, darf bezweifelt werden. Seine Rechnung belief sich auf 538 Euro, inklusive neues Schloss für eine Garagentür – damit ist er noch vergleichsweise glimpflich davongekommen. Es gibt Betroffene, die deutlich mehr als 1000 Euro hingeblättert haben für einen Schlüsseldienst.

Nicht beim Erstbesten anrufen

Der Waiblinger hat genau jenen Fehler begangen, auf dem diese Masche aufbaut: Er gab bei Google die Suchbegriffe „Schlüsselnotdienst“ und „Waiblingen“ ein – und rief beim ersten Anbieter an, den die Suche lieferte. Zwei Minuten später erhielt er einen Rückruf, eine Dreiviertelstunde später klingelte ein Monteur, der binnen kürzester Zeit das Problem behoben hatte. An einer Garagentür war das Schloss kaputtgegangen und ließ sich nicht mehr öffnen – es lag also nicht mal der klassische Notfall vor, dass jemand nachts frierend vor der Wohnung steht.

Oftmals werden mehr als 1000 Euro abkassiert

Der Monteur kassierte direkt vor Ort ab; er hatte ein EC-Kartengerät dabei. Zahlung per gewöhnliche Überweisung ist bei diesem Schlüsseldienst gar nicht möglich. Warum das so ist, wurde dem Waiblinger erst klar, als er später bei seiner Bank die Zahlung zurückbuchen lassen wollte: Im Falle einer Überweisung wäre das möglich gewesen, hieß es dort. EC-Zahlungen mit PIN seien nicht rückbuchbar.

Hinter Schlüsseldiensten, die derart überzogene Preise verlangen, steckt „organisierte Kriminalität“, warnt Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Dienste wie diese erkaufen sich bei Google die obersten Ränge. Es handelt sich schlicht um Call-Center, die Ortsnähe nur vortäuschen, erklärt Matthias Bauer. Das Call-Center schickt Monteure zum Kunden – und dort wird dann abkassiert, oftmals mehr als 1000 Euro – „nach oben offen“, wie Bauer sagt.

Polizei alarmieren

Sein Rat: nicht zahlen, stattdessen an Ort und Stelle die Polizei rufen. Sofern die Rechnung nicht korrekt ist, hat ein Kunde ein Leistungsverweigerungsrecht, betont der Verbraucherschützer. Fehlt beispielsweise eine Rechnungsnummer oder ist keine Steuernummer vermerkt, dann reicht das auf jeden Fall als Begründung, nicht sofort zu zahlen.

Monteure fahren mit dem Kunden zur Bank

Das erfordert Mut und Durchsetzungsvermögen, denn die Monteure üben heftig Druck aus, um schnell ans Geld und dann schnell wegzukommen. In manchen Fällen fahren sie sogar zusammen mit dem Kunden zur Bank, um sich dort direkt am Geldausgabeautomaten zu bedienen.

Schwierig: Wucher beweisen

Hinterher ist es äußerst schwierig, noch etwas zu tun. „Es ist relativ schwierig, Wucher zu beweisen“, und oftmals werde nicht durchgegriffen, das ist Bauers Erfahrung. Betroffene verlieren so nicht nur Geld, sondern auch das Vertrauen in den Rechtsstaat.

Vor kurzem lief’s allerdings anders: Das Landgericht Kleve hat zwei Betreiber einer Schlüsseldienstfirma zu mehrjährigen Haftstrafen wegen Betruges und Steuerhinterziehung verurteilt. „Wir hoffen, dass das Urteil den Auftakt zu weiteren, bestenfalls bundesweiten Ermittlungen gegen die weitverzweigten Netzwerke unseriöser Monteure markiert“, schreibt die Verbraucherzentrale. Sie gibt diese Tipps für den Fall, dass Bürger sich ausgesperrt haben:

  • Angebote und Preise ortsansässiger Schlüsseldienste vergleichen. Wer einen Notdienst unter der örtlichen Vorwahl erreicht, braucht auch nur die Kosten für An- und Abfahrt innerhalb der Ortsgrenzen zu bezahlen.
  • Vor der Auftragsvergabe nach einem verbindlichen Komplettpreis fragen und einen Festpreis vereinbaren.
  • Schlüsseldienste dürfen Zuschläge nur außerhalb der üblichen Arbeitszeiten verlangen.
  • Die einzelnen Posten in der Rechnung genau prüfen und nur dann bezahlen, wenn eine detaillierte Rechnung vorliegt und diese der Vereinbarung entspricht.
  • Sollte der Monteur Druck ausüben und zum Beispiel drohen, die Tür wieder zu verschließen: 110 wählen. Nötigung ist strafbar.
  • Einen Zweitschlüssel bei einer Vertrauensperson hinterlegen und/oder bereits vorbeugend einen seriösen Handwerker in der Nähe suchen und dessen Nummer einspeichern. Ansprechpartner ist das örtliche Schlosserhandwerk.

Angemessene Preise

Die Verbraucherzentrale hat bundesweit 600 seriöse Schlüsseldienste nach den Preisen für eine einfache Türöffnung plus Anfahrt aus der näheren Umgebung gefragt. Demnach beläuft sich der Preis in Baden-Württemberg auf durchschnittlich 80,84 Euro bei Einsätzen tagsüber an Werktagen. Nachts, sonn- und feiertags beläuft sich der angemessene Durchschnittspreis auf 148,93 Euro.