Rems-Murr-Kreis

Uralt-Flieger über dem Remstal

Uralt-Flieger über dem Remstal_0
Schwarze Schwaden: Die Antonov erfüllt moderne Umweltansprüche nicht. © Papas Dos (Moskau)

Waiblingen. Die Geschichte stinkt und lärmt gen Himmel. Regelmäßig abends überquert in großer Höhe ein Flieger in Nord-Süd-Richtung das Remstal. Doch trotz der Reiseflughöhe von etwa 6000 Metern klingt die Maschine so, als wäre sie gerade im Sinkflug mit Zielrichtung nächstgelegener Acker. Was ist da los am heimischen Himmel?

Claus Paal, CDU-Landtagsabgeordneter aus dem Rems-Murr-Kreis, wurde bereits von mehreren Bürgerinnen und Bürgern angesprochen: Wer macht da abends gegen 22 Uhr – es kann aber auch mal früher oder mal später sein – immer wieder so einen Krach? Wie kann es sein, dass ein Flugzeug, das so hoch fliegt, dass es kaum zu sehen ist, klingt, wie „eine Propellermaschine im Anflug auf Stuttgart“?

Unterwegs von Leipzig nach Ghardaia in Algerien

Claus Paal hat ein Smartphone. Und Claus Paal steht auf die Fliegerei. Deshalb hat er auf seinem Handy eine App, die ihm direkt zeigt, was sich da gerade jetzt im Augenblick für ein Flugzeug über seinem Kopf befindet. Die App gibt Start und Ziel an, Marke und Fluggesellschaft.

Und so war’s für ihn gar nicht schwer herauszufinden, dass da Maschinen des Typs Antonov AN 12B der ukrainischen Charter-Airline Cavok Air den Luftraum des Rems-Murr-Kreises kreuzen. Und zwar auf dem Weg von Leipzig nach Ghardaia in Algerien.

Die App zeigt: Die Antonov überquert Leutenbach, schneidet Winnenden noch an, fliegt dann den Korbern direkt über den Kopf genauso wie jenen, die im westlichen Weinstadt wohnen. Am Schluss werden noch die Rommelshäuser direkt beglückt. Was nicht heißen soll, dass Gemeinden wie Schwaikheim, Nellmersbach oder Waiblingen, die nur so nebenan liegen, nicht auch was vom Lärm haben.

Ausfälle, Abstürze, Brandkatastrophen und Abgase

Die Bild-Zeitung betitelte diese Maschinen vor einigen Jahren als „Russenschrott“: Ausfälle, Abstürze, Brandkatastrophen und Abgase, die von aktuellen Normen vermutlich so weit entfernt sind, wie die Qualmschwaden der Hölle vom Wonnewölkchen im Himmelsparadies. Paal schrieb an einen Parteifreund ins Verteidigungsministerium: „Aus sicherheitstechnischen Gründen dürfen Flugzeuge dieses Typs beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate seit März 2010 nicht mehr überfliegen“.

Warum Paal ans Bundesverteidigungsministerium schreibt? Die Antonovs fliegen für die Bundeswehr. Es geht um die Unterstützung der UN-Mission in Mali: Bei diesen Flügen muss Material in einer Menge transportiert werden, für die die bundeswehreigenen Maschinen nicht geeignet sind.

Die Bundeswehr hat diese Flüge deshalb fremdvergeben. Die Bundeswehr arbeitet mit der DB Schenker zusammen, einem Transport- und Logistikdienst, der zur Deutschen Bahn gehört. Die DB Schenker hat sich wiederum einen Subunternehmer gesucht, die ukrainische Cavok Air.

Aber warum gerade an eine solche Fluglinie? Sind „die Themen Fluglärm, Sicherheit und Umweltschutz bei der Vergabe des Auftrags geprüft“ worden, fragt Paal.

Die Bundeswehr und ihre Sub-Unternehmer

Die Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums erklärt auf Anfrage: „Die Logistik der Bundeswehr stützt sich auf eigene, sowie auf dem freien Markt vorhandene Transportkapazitäten ab“. Man bedient sich dabei der Bahn, des gewerblichen Seetransports, „bis hin zur Nutzung von Ressourcen des gewerblichen Lufttransports“.

Die jeweiligen Auftragnehmer, seien es Spediteure oder Flugunternehmen, übernähmen dabei die Fracht und lieferten sie an „die am Zielort befindlichen Bundeswehrkontingente oder Bundeswehrdienststellen“. Die Planungen der Route, der Transportmittel, der Zwischenstopps und Landungen erfolgten dabei durch die zivilen Unternehmen selbst – und so sei es auch bei den Flügen über das Remstal.

Das heißt: Die Verantwortung, für das, was da fliegt und wie es fliegt, wird abgegeben. Das ist nichts Besonderes im heutigen Wirtschaftsleben. Sub-Sub-Unternehmen kommen auf jeder Baustelle vor. Doch, will man’s kritisch sehen, hat die Bundeswehr das größte Schlupfloch gefunden, das nur irgendwo gegraben sein kann, um Aspekte wie Sicherheit, Lärm- und Umweltschutz links liegenlassen zu können.

Die Route über den Rems-Murr-Kreis ist die direkteste

Paal sagt, ihm sei erklärt worden, dass das Bundesministerium der Verteidigung nur eingeschränkt beziehungsweise gar nicht Einfluss nehmen könne. Die Bundeswehr könne auch nicht verlangen, dass die Flüge nicht immer über den Rems-Murr-Kreis, sondern auch auf andere Routen geleitet werden, um die Lärmbelästigung zu verteilen.

Die Route über den Rems-Murr-Kreis ist im Übrigen die direkteste also kürzeste. Ein Schelm, wer dabei denkt, dass bei dem ganzen Unterfangen die Bundeswehr vielleicht auch von den von DB Schenker auf der Homepage angepriesenen „günstigen Konditionen im Lufttransport“ profitiert. Man will aber schon dafür gesorgt haben, dass keine Starts und Landungen zwischen 22 und 6 Uhr durchgeführt werden. Was den Rems-Murr-Kreis nicht davor rettet, dass auch mal gegen 22.30 Uhr noch die Gläser im Schrank klirren.

„Aber hallo!“, sagt Claus Paal zu dem Ganzen. Er sagt, er habe „angeregt, Ersatz zu suchen“. Und er würde auch auf DB Schenker zugehen, „von wegen modernste Logistik und so weiter“. Dieser Lärm sei „nicht hinnehmbar“. Die Rußwolken „nicht zu rechtfertigen“. „Ich bin der Meinung, dass solches Fluggerät nicht zeitgemäß ist und so schnell wie möglich aus dem Verkehr gezogen werden muss.“ Am Boden kämpfe man gegen Emissionen aller Art – man brauche keine „weitere Einbringung von Schadstoffen von oben“.

Und trotzdem: Claus Paal will noch nicht so richtig auf den Putz klopfen. Lärm und Abgase hin oder her – die Bundeswehr brauche ja auch ihr Material. Wesentlich sei für ihn die Ankündigung, „dass man an einer alternativen Lösung arbeitet“. Der Landtagsabgeordnete hat sich den Vorgang auf Wiedervorlage gelegt. Aber er wartet „noch eine Weile“.


Die Antonov

  • Die Antonov AN12 ist ein Transportflugzeug mit vier Propellerturbinentriebwerken, das in der Sowjetunion entwickelt wurde. Der Erstflug fand am 16. Dezember 1957 statt. Produktionsende war 1973, das heißt, die Maschinen, die heute noch fliegen, sind mindestens 45 Jahre alt.
  • Vom Erstflug 1957 bis November 2017 kam es mit Antonov AN12 zu 232 Totalschäden von Flugzeugen. Bei 129 davon kamen insgesamt 1785 Menschen ums Leben.
  • In Deutschland geriet am 9. August 2013 während der Startvorbereitung auf dem Flughafen Leipzig/Halle das Hilfstriebwerk einer Antonov in Brand. Während die sieben Besatzungsmitglieder unverletzt entkommen konnten, starben fast 49 000 zuvor verladene Hühnerküken in den Flammen.