Rems-Murr-Kreis

Uwe Baltner singt im Auto - und Weltstars lieben es

Backnanger Uwe Baltner singt Karaoke singen Instagram-Star Gesang Social Media Experiment Rihanna Fan_0
© ZVW/Alexander Becher

Backnang. Uwe Baltner singt im Auto, filmt sich dabei und stellt die Videos auf Instagram. Was als Social-Media- Experiment startete, ist in wenigen Monaten durch die Decke gegangen. Der 56-jährige Backnanger hat mehr als 400 000 Fans gewonnen, darunter Weltgrößen wie Sängerin Rihanna.

„Es ist ein bisschen eskaliert“, räumt Uwe Baltner mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen ein. So kann man es auch bezeichnen, wenn man innerhalb weniger Wochen und Monate mehr als 400 000 Follower auf Instagram gewinnt. Dass Baltner mit seinen Karaokevideos im Auto zu einem Instagram-Phänomen geworden ist, hat sein engstes Umfeld bis vor kurzem nicht gewusst, seiner Frau habe er es erst vor wenigen Tagen gebeichtet.

„Sie ist überhaupt nicht social-media-affin“, erklärt der 56-Jährige. Und in seinem Alter sei eben kaum jemand auf Instagram aktiv. Baltner selbst hat bereits seit neun Jahren einen Account auf Instagram. Zu jenem Zeitpunkt hatte er in Ludwigsburg eine Werbeagentur gegründet, die sich auf Social Media spezialisierte. „Ich wollte für unsere Kunden austesten, wie solche Plattformen funktionieren“, erklärt der Backnanger. Dass die Reichweite seines Tuns einmal solche Ausmaße annehmen würde, habe er sich beim besten Willen nicht vorstellen können.

„Musik zu hören, ohne zu singen, fällt mir schwer“

Gesungen habe er schon als Jugendlicher, erzählt Baltner. In verschiedenen Bands war er aktiv, und da sein Akkordeon nur selten zum Einsatz kam, habe er Gesangsparts übernommen. „Dann kam das Berufsleben dazwischen“, und der Gesang musste zurückstehen.

Im Auto allerdings, auf dem Weg zur Arbeit, trällert Baltner fröhlich weiter. Dort sei er in seiner Komfortzone. „Musik zu hören, ohne zu singen, fällt mir schwer“, sagt er.
 

Als er die App Musically entdeckte, war es für Baltner daher selbstverständlich, diese auszuprobieren und erste Karaokevideos zu drehen – „für den Hausgebrauch“, wie er versichert. Warum das Ganze also auf Instagram posten? Zum einen habe es ihm Spaß gemacht, den wollte er teilen. Er sei auch ein extrovertierter Typ, und das Wissen um Zuschauer motiviere ihn zusätzlich.

Ein Mix aus aktuellen Hits und „schrägen Sachen“

Die App gibt es inzwischen nicht mehr, vor einem Dreivierteljahr hat der 56-Jährige deshalb angefangen, einminütige Videos direkt auf Instagram aufzunehmen. Damals hatte er nach eigenen Angaben etwa 400 Follower. Das Karaokesingen habe sich gut mit den Stimmübungen verbinden lassen, die Baltner täglich im Auto macht. „Die Stimme ist nach 20 Jahren etwas eingerostet, so dass sie manchmal allein durch langes Reden erschöpft ist“, erzählt er. Auf dem Weg von Backnang nach Ludwigsburg hat er Zeit, sein Instrument zu schulen.

Inzwischen lädt der Geschäftsführer und Mitinhaber einer Werbeagentur täglich ein Video hoch. Seine Musikauswahl bezeichnet er als Mix aus aktuellen Hits und „schrägen Sachen“. Afrikanischer Rap kommt genauso vor wie deutscher Schlager. Von seinen Fans kommen immer wieder neue Vorschläge. Und die Fans werden täglich mehr.

 

Den ersten großen Schub an neuen Followern habe er bekommen, als er ein Werk des Sängers Ariel Pink interpretierte. Dieser teilte die Coverversion über seinen eigenen Instagram-Account, und prompt war Baltners Fanzahl vierstellig. Was die Zahl der Follower angeht, hat er Pink inzwischen deutlich überholt. „Das ist mir beinahe schon peinlich, denn er ist ein echter Künstler“, sagt der Backnanger.

Durch diese Erfahrung mit Ariel Pink habe er aber Blut geleckt und etwas genauer danach geschaut, was gut ankommt. So kam er zu englischem Rap der Genres Grime und Drill.

Kurz darauf folgen ihm Weltstars

„Am Anfang war es wahnsinnig schwierig, aber genau das macht den Reiz aus“, so Baltner. Seine Version des Titels „Your Mrs“ von Jay 1 wird mehr als 10000-mal abgerufen. Der endgültige Durchbruch kommt mit „No Guidance“ von Chris Brown – ebenfalls ein Vorschlag aus den Reihen der Fans.

„Bei Chris Brown hätte ich vor drei Wochen noch gepasst“, räumt Baltner ein. Der Sänger teilt das Video auf Instagram, und innerhalb von wenigen Tagen vervielfacht sich Baltners Follower-Zahl. Kurz darauf folgen ihm Weltstars, allen voran Rihanna. Seitdem geht es unaufhaltsam weiter, alle paar Sekunden kommen neue Fans hinzu.

Kritik mit Humor zu nehmen komme an

Dass in den sozialen Netzwerken Reaktionen nicht ausbleiben – damit hat Uwe Baltner gerechnet. Gerade am Anfang sei es entscheidend gewesen, Kritik mit Humor zu nehmen. „Das kommt an.“ Der Backnanger hat sich von jeher die Mühe gemacht, Kommentare zu beantworten – immer auch mit einem Augenzwinkern und einem freundlichen Umgangston.

Inzwischen geben auch seine Fans Kritikern Kontra. Wie die Leute reagieren, hänge mit von der Liedauswahl ab. „Bei englischem Rap kommt mehr Kritik, die Nigerianer sind total herzlich und freuen sich, wenn jemand ihre Musik aufgreift“, erklärt er.

Persönlich ist der 56-Jährige ein großer Queen-Fan

Für ihn sei es wichtig, dass er mit den Videos gute Laune nach außen transportiert. „Da scheint es dringenden Bedarf zu geben.“ Er achte deshalb darauf, beim Singen mehr zu lächeln. Natürlich ist auch Baltner nicht vor schlechter Laune gefeit. Sein Rezept ist aber ein einfaches: „Man kriegt gute Laune, wenn man singt.“

Persönlich ist der 56-Jährige ein großer Fan der Band Queen. Deren Lieder seien für ihn immer ein Highlight. Besonders in Erinnerung werde ihm auch das Lied „Make you feel my Love“ von Adele bleiben. Das habe sich seine Frau gewünscht, nachdem er ihr von seinem Hobby erzählt hatte.

„Jetzt kann mir keiner mehr was“

„Ich musste mehrfach ansetzen, weil ich Tränen in den Augen hatte“, sagt er. Selten nimmt Baltner die erste Aufnahme eines Lieds, manchmal brauche er 30 oder 40 Versuche, bis alles sitzt. Den Text liest er dabei ab, „sonst würde ich kein Lied pro Tag mehr schaffen, wenn ich den auswendig lerne“.

Die größte Herausforderung sei bisher „Rap God“ von Eminem gewesen, das als schnellster Rap überhaupt gilt. „Ich habe gedacht, das ist nicht zu schaffen.“ Nach unzähligen Versuchen habe es dann doch geklappt. „Jetzt kann mir keiner mehr was“, resümiert Baltner lachend.


Vorbildfunktion:

Der Backnanger Uwe Baltner kann sich vorstellen, seinen Internetruhm in den Dienst seiner Arbeit zu stellen und die Kunden der Werbeagentur zu repräsentieren. „Aber ich habe nicht vor, damit Karriere zu machen.“ Im Gegenteil: „Ich hoffe, dass der Hype auch bald wieder vorbei ist, ich muss schließlich auch noch arbeiten.“

Gerne nimmt er hingegen eine Vorbildfunktion an. Heutzutage würden Jugendliche stark von Trends unter Druck gesetzt. Mit seinen Videos könne er vermitteln: „Ihr könnt etwas machen, weil es euch Spaß macht, das ist auch cool.“