Rems-Murr-Kreis

Verbrechen aufklären dank digitaler Spuren

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Was verrät uns seine Smartwatch? Allerhand! Sandro Pittelkow, Leiter der Inspektion Digitale Spuren beim Landeskriminalamt. © Joachim Mogck
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Nach der Messerattacke in Plüderhausen fahndete die Polizei mit Hochdruck nach einem 20-jährigen Asylbewerber aus Afghanistan.
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Der IT-Forensiker Bernd Vogel knöpft sich ein Handy vor ...
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schraubt es auf (oder öffnet es auch mal mit Zahnarztbesteck oder Gitarrenplektrum) ...
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entfernt den entscheidenden Chip aus dem Handy-Gehäuse ...
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... und macht dann allerlei, das der Laie absolut nicht mehr versteht.
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Ein Traum für Smartphone-Fetischisten, ein Telefoniermuseum: Die Inspektion Digitale Spuren beim Landeskriminalamt archiviert Hunderte von Geräten, um Vergleichsmodelle zu haben, wenn es im Zuge einer Ermittlung gilt, ein Handy zu analysieren und zu verstehen.

Waiblingen/Stuttgart. Verbrecher überführen, das heißt heute auch: Daten lesen. Im Zeitalter der Digitalisierung verändert sich die Kriminalistik fundamental. Ein Werkstattgespräch mit dem Waiblinger Sandro Pittelkow, der beim Landeskriminalamt in Stuttgart Leiter der Inspektion Digitale Spuren ist.

Digitaler Fußweg: Der Plüderhäuser Messerfall

In der Nacht auf den 15. Juli 2018 stieg ein Unbekannter in ein Haus in Plüderhausen und stach auf einen arglosen Familienvater ein. Ein Verdächtiger fand sich zwar rasch, der Ex-Freund der Tochter – zunächst aber wies er ein Alibi vor. Sein Handy indes erzählte eine andere Geschichte: In den zwei Stunden vor der Tat hatte das Gerät sich mehrmals in sogenannte Funkzellen eingebucht, mit Sendemasten verbunden.

Die aufgezeichneten Ortsdaten reihten sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur und ergaben eine Route: von Schorndorf nach Plüderhausen. Die abgespeicherten Uhrzeiten verrieten, dass er langsam unterwegs war: zu Fuß. Die Ermittler ließen einen Suchhund an einem Kleidungsstück des Verdächtigen schnuppern: Das Tier folgte der Geruchsspur und schnüffelte haargenau den Weg ab, den die Funkzellen-Erkenntnisse nahelegten. Und die Polizei fand auch die Tatwaffe; das Messer wies verräterische DNA-Spuren auf. Der junge Mann gestand und wurde zu sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt.

Dritte Revolution: Der digitale Fingerabdruck

Der Plüderhäuser Messerfall erzählt viel über moderne, Mosaikstein an Mosaikstein fügende Polizei-Arbeit, die alle Möglichkeiten klug nutzt: Analoges und Digitales. Old School und New School. Hundenase und Handy. Vieles indes spricht dafür, dass die Fähigkeit, den Girlandentanz der Nullen und Einsen zu entschlüsseln, immer wichtiger wird. „Die Digitalisierung wird die polizeiliche Arbeit ganz grundlegend verändern“, sagt Sandro Pittelkow, 32, aus Waiblingen, der beim Landeskriminalamt die Inspektion Digitale Spuren leitet.

Im Juni 1892 begann die erste Revolution der Kriminalistik. Ein grauenhafter Doppelmord sorgte in Argentinien für Entsetzen. Ein sechsjähriger Junge und seine Schwester, vier, waren brutal umgebracht worden, die Mutter der beiden überlebte mit Würgemalen und beschuldigte den Nachbarn der Tat; doch der leugnete heftig.

Ein Ermittler fand einen Flecken getrockneten Blutes am Tatort: Der Tropfen hatte einen Fingerabdruck konserviert. Das Rillenmuster stimmte exakt überein mit dem an der Hand der Mutter. Konfrontiert mit diesem Indiz, gestand die Frau den Mord an ihren eigenen Kindern.

Heute „lernt den Umgang mit dem Rußpinsel jeder in der Ausbildung“, sagt Sandro Pittelkow – wie trage ich Pulver auf zur Sicherung von Fingerabdrücken?

Im September 1976 wurde an der Autobahn bei Bad Hersfeld die Leiche einer 15-Jährigen gefunden. Ein Sexualverbrechen. 400 Männer wurden überprüft – vergeblich. Der Fall wanderte ungelöst zu den Akten; bis im Jahr 2002 die Polizei dank verfeinerter Technik Spermaspuren an der Kleidung des Opfers nachweisen konnte. Das DNA-Muster, das sich daraus destillieren ließ, stimmte überein mit der Speichelprobe eines Verdächtigen. Der genetische Fingerabdruck: die zweite Revolution.

Digitale Fingerabdrücke aus einem Wust von Daten zu bergen: Das sei der dritte „Meilenstein“, sagt Sandro Pittelkow.

Stellen wir uns vor, ein Mann sei erschossen worden in seiner Wohnung. Wann ist es geschehen? Die Ermittlung des genauen Tatzeitpunkts ist von immenser Bedeutung.

Das Opfer trug eine Smartwatch. Sie misst alle zehn Sekunden den Puls. Die Daten lassen sich nachträglich auslesen. Und siehe: Um 22.11 Uhr begann der Puls plötzlich zu rasen – der Mörder trat dem Manne gegenüber – und sackte eine Minute später in sich zusammen – die Kugel traf.

Und wenn er keine Smartwatch trug? Studieren wir die Fahrdaten des Staubsauger-Roboters: In der Tatnacht ist das Maschinchen bis 22.12 Uhr munter durch den Raum geschnurrt; danach hat es eine Fläche mitten im Zimmer ein ums andere Mal umfahren. Ab diesem Zeitpunkt bildete der am Boden liegende Leib ein Hindernis.

Die Daten aus einer automatischen Schließanlage berichten, wann ein Einbrecher ein Haus betrat. Die Daten aus einem Bluetooth-Lautsprecher plaudern aus, wann ein Bewohner daheim war – er hat nämlich gefragt: „Alexa, wie wird das Wetter?“ Die Daten aus dem Navi künden vom Weg des Fahrers. Die Daten aus dem Airbag-Steuergerät verraten, wie schnell der Unfallwagen unterwegs war zum Zeitpunkt des Aufpralls. Selbst „der Kühlschrank“, sagt Sandro Pittelkow, „kann zum Spurenträger werden“, wenn er ans Smart-Home-Netzwerk angeschlossen ist. Die Geschichten zu verstehen, die der Datensalat erzählt: Das ist eine polizeiliche Schlüsselaufgabe im 21. Jahrhundert.

Bewegungsprofil: Der Mordfall Katharina K.

Im November 2017 verschwand die 22-jährige Backnangerin Katharina K. Tage später entdeckte ein Schrebergartenbesitzer in Asperg ihre verkohlte Leiche. Bald fiel der Verdacht auf ihren früheren Lebensgefährten Daniel E., doch der wollte nicht gestehen. Egal. Beamte der Kripo Waiblingen wussten auch so fast minutengenau, wann er wo gewesen war in der Tatnacht und den Tagen darauf. Daniel E. nämlich hatte auf dem Handy eine Bewegung-App aktiviert, die seine Standorte aufzeichnete.

Das I-Phone speicherte Anlaufstellen, die er mehrmals ansteuerte, als „wichtige Orte“ mit den Uhrzeiten seiner Besuche. Der GPS-Tracker in einem Mercedes-SUV, den der Angeklagte geleast hatte, verfeinerte das Bewegungsprofil, das Navigationsgerät im VW des Täters rundete das Bild ab, DNA-Spuren und Zeugenaussagen vervollständigten das Puzzle: Daniel E. wurde zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt.

Die Verwandlung: Wunder der Technik

Einbruch in eine Lagerhalle: Eine 10-Euro-Überwachungs-Webcam hat ein Bild gemacht – leider von lausiger Qualität. Zu sehen ist ein Lkw, ein schwarzer Umriss im Dunkel. Grell überbelichtet und deshalb komplett weiß: das Nummernschild. Kein Buchstabe ist zu sehen und keine Zahl. Bis der Bildbearbeiter beim LKA rangeht: Danach ist nicht nur das Kennzeichen lesbar, sondern auch die Aufschrift der Lkw-Plane – und im Hintergrund zeichnen sich die Konturen eines zweiten Lastwagens ab.

Wenn bei einem abgehörten Telefonat nur Satzbruchstücke verständlich sind, weil aus dem Radio Celine Dion überlaut einen unerträglichen Schmachtfetzen kräht, beugen sich die Techniker über die Audiodatei – danach klingt es, als hätten sie die Musik „rausradiert“ sagt Pittelkow. Die Plauderei der beiden Drogenhändler aber lässt sich Wort für Wort belauschen. Manchmal fragt Pittelkow seine Leute: „Wie macht ihr das? Ist echt verrückt.“

Ein Handy ist sieben Tage lang in Salzwasser gelegen, es hat längst begonnen, „auszublühen“, wie der Fachmann das nennt: Kristalle und Salzkrusten haben sich gebildet. Ein Techniker birgt den Speicherchip, gut einen Daumennagel groß, aus dem Gehäuse und macht die Daten lesbar: Adressbücher, GPS-Koordinaten, Mail-Korrespondenzen.

Feuer in einem Mehrfamilienhaus: Polizeitechniker röntgen den Brandschutt und entdecken inmitten des verkohlten Infernos einen WLAN-Router. Komplett zerschmolzen sieht er aus, wie im Fluss erstarrter Lavabrei, ein unförmiger Plastikklumpen. Der Chip aber lässt sich „herausarbeiten“. Und gibt Schlüsselinformationen preis.

In der Inspektion Digitale Spuren arbeiten etwa 40 Leute. Zum Beispiel Bernd Vogel, IT-Forensiker: Da sitzt er vor seiner „Rebox-Station“ zum Entlöten eines Chips – die Maschine muss dem Hirn eines irren Science-Fiction-Professors entsprungen sein; Lampen, Schienen, Greifarme, Mikroskop, Kamera, Bildschirm. Daneben aber hantiert Vogel auch mit Handwerkszeug, das aussieht wie ... ausgeliehen bei Dr. med. Dent! Vogel lacht. „Ja, das sind tatsächlich Zahnarztinstrumente.“

Hier arbeiten hoch spezialisierte Polizisten; Informatiker; Mathematiker; Elektro-Ingenieure. Wenn sie ein Navigationsgerät auslesen, erscheinen auf dem Bildschirm zunächst nur Zahlenkolonnen aus Nullen und Einsen. Sie lassen sich umrechnen in seltsame, würfelartige, in verschiedensten Farben schillernde Gebilde; der Könner erkennt darin Muster – und rekonstruiert den Fahrtweg, der den Täter überführt. Wie geht das? Pittelkow winkt ab: „Ich versteh’s auch nicht.“ Es ist wie in jenem alten Film: Die Blues Brothers sagten, sie könnten „Ziegenpisse in Benzin verwandeln“.

Gesundheits-App: Der Mordfall Maria L.

Am Morgen des 16. Oktobers 2016 fand eine Joggerin an der Dreisam die getötete Freiburger Studentin Maria L. Die 19-Jährige war Opfer eines Sexualverbrechens geworden. Die Polizei nahm einen Verdächtigen fest. Er gestand – und behauptete, er habe im Affekt gehandelt, es sei über ihn gekommen; ein kurzer Moment der Enthemmung.

Sein Smartphone aber wurde zum Zeugen der Anklage. Auf dem Gerät fand sich eine Gesundheits-App. Sie speichert, wie viele Schritte der Nutzer geht und wie viele Höhenmeter er dabei überwindet. Um 2.55 Uhr in der Tatnacht registrierte die App, dass der Angeklagte einige Meter hinabstieg – offenbar riss er genau in diesem Moment die Radfahrerin eine Böschung hinunter zum Fluss Dreisam. Danach: ganz lange nichts. Bis die App um 4.15 Uhr den nächsten Höhenausschlag verzeichnete: Erst 80 Minuten später stieg der Mann die Böschung wieder hoch, fast anderthalb Stunden hatte die Tat gedauert. Ein kurzer Ausraster im Affekt? Wohl kaum.

Eine Überwachungskamera verriet, dass der Mann zuvor in jener Nacht schon eine andere Frau belästigt hatte; auch die Daten des Handys von Maria L. ließen sich auslesen, obwohl das Gerät stundenlang im Wasser gelegen war; DNA-Spuren, Zeugenaussagen, gerichtsmedizinische Befunde taten ein Übriges: Am Ende war die Rekonstruktion nahezu lückenlos. Das Gericht verurteilte den Mörder zu lebenslanger Haft.

Es fängt erst an: Ein paar Sätze zum Fortschritt

Sandro Pittelkow erinnert sich noch gut an sein altes Handy: ein Nokia 3310. Tolles Ding – es hatte ein Megabyte Speicher, mit anderen Worten, eine Million Byte!

Heute hat Pittelkow ein anderes Gerät: 1000 Gigabyte Speicher. Es ist, als trüge er eine Million alte Nokias in der Tasche.

Und wenn in nicht allzu ferner Zeit ein Pkw autonom fahren, das Internet der Dinge allüberall eine Selbstverständlichkeit, ein Gerät ohne Chip die Ausnahme und die Vernetzung von allem mit allem die Regel sein wird, dann mag Pittelkow an sein Handy aus dem Jahr 2019 mit derselben milde spöttischen Nostalgie zurückdenken, die er heute dem Nokia 3310 gönnt.

Digitale Spuren? Die dritte Revolution beginnt gerade erst.


Die virtuelle Kellertüre: Smart-Home-Tücken

Leuten, die ein Smart Home haben, bei dem sich vom Rollladen über die Beleuchtung bis zum Kühlschrank und Fernseher alles per Fernbedienung steuern lässt, empfiehlt Sandro Pittelkow: Sie sollten sich zwei WLAN-Netze einrichten. Das eine ist für die Haustechnik, das andere fürs normale Handy und den Computer. Denn wenn alles mit allem kommuniziert, ist die Gefahr größer, dass Verbrecher auch Zugriff aufs komplette System gewinnen.

Man müsse sich das etwa so vorstellen, sagt Pittelkow: Angenommen, ein Haus ist fast rundum gut gesichert – die Haustür stabil, das Fensterglas bruchsicher, die Rollläden aus Stahl –, aber die Kellertür besteht aus einer Holzplatte, die sich mit einem deftigen Fußtritt knacken lässt. Dann hat der Einbrecher leichtes Spiel, denn „jedes System ist nur so stark wie sein schwächstes Glied“.
Ins Digitale übertragen: Mag das Handy auch mit Passwort, Virenscanner, Firewall gesichert sein und der Router hohen Standards genügen – wenn die ans Smart-Home-System angeschlossene „Lampenfassung“ anfällig ist, tut sich „ein Einfallstor“ auf ins gesamte System, von privaten Kontaktdaten bis zu Urlaubsbildern. Die Lampe ist quasi die „virtuelle Kellertür“.

Deshalb empfiehlt Sandro Pittelkow, Komponenten wie die steuerbare Lampe oder den Staubsaugroboter „nicht in das eigene WLAN einzubinden“. Denn der „Fokus der Hersteller“ solcher Geräte sei oft nicht auf das Thema Sicherheit gerichtet, bisweilen gehe da derzeit der Schutz noch „gegen null“.