Rems-Murr-Kreis

Viele schwere Unfälle mit Senioren

Martin auf Pedelec_0
Symbolbild. © Laura Edenberger

Waiblingen. Ältere Menschen verunglücken überdurchschnittlich häufig mit einem Pedelec. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass mehr Ältere als Jüngere überhaupt Pedelec fahren. Die Initiative „sicher e-biken“ plant Fahrtrainings in großem Stil. Unterdessen schlägt ein Unfallforscher vor, Pedelec-Fahrer auszubremsen, die aus eigener Kraft nur langsam fahren könnten.

Ein trainierter Rennradfahrer schafft locker Geschwindigkeiten, die ihm in jeder 30er-Zone ein Blitzlichtgewitter bescheren müssten. Andere Fahrradfahrer schleichen in Schrittgeschwindigkeit die Straße entlang. Für beide Fahrer-Typen gelten auf einem Pedelec dieselben, technisch bedingten Höchstgeschwindigkeiten. Das ist nicht gut, findet Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer.

Leistungskraft eines Pedelecs von der Tretkraft des Nutzers abhängig machen

Er plädierte bereits Anfang 2018 dafür, mittels ausgefeilter Sensorik die Leistungskraft eines Pedelecs von der Tretkraft des Nutzers abhängig zu machen. Wenig trainierte Pedelec-Fahrer wären dann viel langsamer unterwegs. Kritiker halten die Idee für wenig sinnvoll, weil dadurch Pedelecs unattraktiv würden. Hochwertige Pedelecs können bereits jetzt schon die Tretkraft messen und die Motorleistung entsprechend steuern. Doch letztlich entscheidet der Fahrer, welche Stufe er wählt.

Fakt ist: Rund jeder Zweite, der im Jahr 2018 in Baden-Württemberg mit einem Pedelec verunglückt ist, war 60 Jahre oder älter. Fast alle Todesopfer bei Pedelec-Unfällen gehörten dieser Altersgruppe an. Brockmann mutmaßt einem früheren Beitrag zufolge, dass viele Senioren anscheinend „mit den höheren Geschwindigkeiten und dem höheren Gewicht in einigen Situationen überfordert“ seien.


 

„Insbesondere für Ungeübte auf Pedelecs können bereits leichtere Unfälle schwere Folgen nach sich ziehen“, warnt das baden-württembergische Verkehrsministerium – und gibt nun Geld für Fahrsicherheitstrainings: Die Initiative „Sicher e-biken“, aus der Taufe gehoben von zwei Radverbänden, wird flächendeckend Pedelec-Kurse anbieten. Bis es so weit ist, dauert’s noch. Vermutlich im Frühjahr 2020 geht die Initiative mit den ersten Kursen an den Start.

Eins ihrer Ziele: Auch jene Verkehrsteilnehmer für die Kurse gewinnen, die überzeugt sind: „Brauch’ ich nicht, Fahrradfahren kann ich schon.“

Fahrgefühl unterscheidet sich vom Rad ohne Motor

Ein Pedelec zu fahren fühlt sich aber anders an. „Starke Beschleunigung, zügige Grundgeschwindigkeit und höheres Gewicht – all das unterscheidet Pedelecs von herkömmlichen Fahrrädern und verändert das Fahrgefühl“, gibt der ADFC zu bedenken.

Natürlich sind nicht nur Ältere gut beraten, den Umgang mit einem Elektrofahrrad zuerst zu üben. Erst diesen Sonntagabend ist in Korb eine 24-Jährige mit ihrem Pedelec verunglückt. Beim Abbiegen war sie mit ihrem Rad gegen den Bordstein geraten und gestürzt. Schwere Verletzungen erlitt ein 50-jähriger Pedelec-Fahrer am Freitag vor einer Woche in Welzheim. Er war auf einer stark abschüssigen Straße wegen eines Schlaglochs gestürzt. Anfang August brachte ein Rettungshubschrauber einen schwerstverletzten Mann in eine Fachklinik. Der Mann war mit seinem Pedelec in Schornbach verunglückt. Er war bergabwärts gefahren und vermutlich mit seinem Rad in ein Schlagloch geraten.

Schwere Kopfverletzungen erlitt ein 72-jähriger Pedelec-Fahrer vor gut zwei Wochen oberhalb von Kleinheppach, obwohl er einen Helm getragen hatte. Der Senior war in einer Gruppe unterwegs gewesen und auf einem ansteigenden Feldweg mit dem Pedelec gegen den Bordstein geraten und gestürzt.


Der E-Bike-Markt wächst und wächst

Der Württembergische Radsportverband und der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) Baden-Württemberg haben die Initiative „sicher e-biken“ auf den Weg gebracht. Voraussichtlich von Frühjahr 2020 an werden die ersten Trainings angeboten, hieß es auf Nachfrage.

Wer nicht so lange warten möchte, kann diesen Termin vormerken: Das nächste Pedelec-Sicherheitstraining mit dem ADAC findet am Freitag, 20. September, 13 bis 16 Uhr, in Stuttgart (Parkplatz P9, Cannstatter Wasen) statt. Anmeldungen nimmt der ADAC unter der Telefonnummer 07 11/28 00-141 entgegen.

In der Vergangenheit kamen oftmals Kurse nicht zustande, weil sich zu wenige Interessenten angemeldet hatten.

Elektrofahrräder lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: E-Bikes, Pedelecs (bis 25 km/h) und schnelle Pedelecs (bis 45 km/h). Der Motor eines E-Bikes arbeitet unabhängig davon, wie stark der Fahrer in die Pedale tritt. E-Bikes lassen sich daher mit einem Elektromofa vergleichen. Bei einem Pedelec kann der Fahrer einstellen, wie stark das Zweirad ihn beim Treten unterstützen soll.

Das Wort „E-Bike“ wird allerdings meist als Oberbegriff verwendet für alle Elektrofahrräder.

Nicht selten wird die Motorleistung erhöht, das E-Bike also getunt.

„E-Bike-Verkäufe erreichen Rekordniveau“, so der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) zur Marktlage 2018. Laut ZIV wurden 2018 in Deutschland 980 000 E-Bikes verkauft. Das ist ein Plus von 36 Prozent.

Der Verband prognostiziert, dass E-Bikes mittelfristig einen Anteil von 30 Prozent am Gesamt-Fahrradmarkt erreichen werden. 2018 lag dieser Anteil bei knapp 24 Prozent. Bei fast allen verkauften E-Bikes handelte es sich um die langsamere Variante mit einer - offiziellen - Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h.