Rems-Murr-Kreis

Vom Suchen und Nicht-Finden: Die Probleme auf dem Immobilienmarkt

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Beraten und beraten lassen war das Motto der 20. Immomesse des Zeitungsverlages Waiblingen © Christine Tantschinez

Waiblingen. Die einen finden nix bezahlbares, die andern kriegen ihre Problem-Häuser nicht los.  Auf der 20. Immomesse des  Zeitungsverlags Waiblingen ist die Misere des angespannten Immobilien-Marktes  im Remstal deutlich zu spüren. Wir haben mit Besuchern und Ausstellern gesprochen

Jürgen Pfund sieht sich gar nicht als „klassischer“ Immobilienmakler. „Wir sind gefragt als Problemlöser in der Immobilienbranche“, sagt er über seine Branche, die bei der 20. ZVW-Immomesse auskunftsfreudig Rat- und Immobiliensuchende empfängt, berät und dabei auch manchen Zahn zieht. „Ohne Kompromisse geht’s nirgends“, meint der Immobilienexperte Felix Herrmann, der bei den Messebesuchern ein großes Suchbedürfnis registriert. Und häufig ein Dilemma: „Viele wissen nicht genau, was sie wollen, andere wissen es, aber finden nicht das Gewünschte.“

Nadine und Stefan: Schuhschachtel statt Traumhaus

Letzteres trifft auf Nadine (33) und Stefan (38) aus Waiblingen zu. Sie haben sich lange vor der Geburt ihres knapp achtjährigen Sohnes in die Suchspirale begeben. „Wir suchen offenbar die berühmte Stecknadel im Heuhaufen“, sagen sie. Was sie angeboten bekommen, sei „zu weit entfernt von dem, was wir uns vorstellen“. Selbst zu bauen oder zu sanieren scheide für sie aus, Renovieren sei hingegen kein Problem.

Sie hätten „Abenteuerliches“ angeboten bekommen und jeweils dankend abgelehnt: Schuhschachteln mit 80 Quadratmeter Wohnfläche auf drei Stockwerke verteilt, offene Treppenhäuser ohne Geländer, eine Wohnung direkt an der Hauptstraße oder eine loftartige Architektenwohnung mit nur einem Raum. „Alles schön, aber mit kleinem Kind ein No-Go.“ Vom Besuch der Immomesse erhoffen sie sich Kontakte zu Maklern, um sich vormerken zu lassen; zusätzlich zu jenen, wo sie schon auf der Liste stehen.

Janine und Sascha: Schockiert über die Preise im Rems-Murr-Kreis

Janine (25) und Sascha (26) Bahr steuern gezielt Baufinanzierungsexperten an. „Wir wollen langfristig raus aus der Miete. Wenn man monatlich sieht, was weggeht - da überlegt man ganz schnell, ob man nicht selbst was kauft.“ Zumal sie von den Preisen im Rems-Murr-Kreis „schockiert“ seien. Sie kommen aus Sigmaringen, sind aus Berufsgründen hergezogen, wohnen seit zwei Jahren in Nellmersbach. „Miete bezahlen und parallel etwas ansparen für ein Eigenheim ist hier schwierig.“ Im Internet haben sie sich schlaugemacht, doch Modellrechner im Netz hätten sie nicht weitergeführt. „Als Laie steigt man da nicht wirklich durch“, meint er. „Die Bänker haben vielleicht noch den einen oder anderen Tipp, der uns weiterhilft“, sagt sie.

Im Internet voller Technik, auf der Messe zählt das Gespräch

Das persönliche Gespräch sei nach wie vor wichtig, merkt auch Jürgen Pfund. Wenngleich die Digitalisierung wie überall auch im Immobilienbereich die Arbeitsweise takte. Früher habe der Makler seine „Farm“ gehabt, die Kunden kamen dorthin und ließen sich ein Exposé erstellen. „Heute läuft die Arbeit über webbasierte Systeme, ich kann an jedem Punkt der Erde meine Kunden bedienen“, sagt Jürgen Pfund, seit 26 Jahren Immobilien-Sachverständiger, seit drei Jahren mit eigener Firma selbstständig und zum ersten Mal bei der Immomesse mit einem Stand vertreten.

Virtuelle Rundgänge, 3-D-Exposés, Online-Immobilienbewertungen gehören zum Alltag, doch auf der Messe betreibt er ein Technik-Downsizing. Kein Display am Stand, kein Tablet, das Handy nicht am Mann. „Wir möchten gezielt auf Augenhöhe im Gespräch vom Anliegen des Kunden erfahren.“ Wie ist der typische Immomesse-Besucher zu charakterisieren? „Sehr interessiert, Fachpublikum, sie kommen mit konkretem Kaufinteresse und wollen zeitnah etwas kaufen.“

Es gibt auch "Problem-Immobilien"

Trends auszumachen sei schwierig. Das Navigieren in dem problembehafteten wohnwirtschaftlichen Sektor, in dem die Preise nach Information von Jürgen Pfund in den vergangenen drei Jahren um 15 Prozent gestiegen seien, sei eine Herausforderung. Das reine Verkaufen und Vermieten sei nicht mehr das Hauptthema. „Wir positionieren uns über die Beraterschiene, etwa bei Problem-Immobilien.“

Problem-Immobilien? „Alles, was vom einfach verkäuflichen Ein-Familien-Haus, freistehend, mit Garten und Garage abweicht.“ Das können sein: Immobilien bei Scheidung, Erbengemeinschaften, Wohnen im Alter. Oder Wohn-Geschäftshäuser in Quartieren oder Gegenden, in denen die Infrastruktur drum herum wegstirbt, der letzte kleine Laden schließt, Arzt, Apotheke und Post ohne Auto nicht erreichbar sind.

Wie kann diese Immobilie am Markt platziert werden, wie könnte eine Revitalisierung gelingen oder die Immobilie neu aufgeteilt werden – hier sei Beratung gefragt, so Jürgen Pfund.


Bei der 20. Immomesse informierten 27 Aussteller über wichtige Aspekte zum Thema Hausbau, Objektbewertung, Baufinanzierung und zu vielem mehr. Drei Aussteller sind von Anfang an und damit 20 Jahre lang dabei. Die meisten Teilnehmer haben seit vielen Jahren einen Stand bei der jährlich stattfindenden Immomesse. Dabei habe sich auch dieses Jahr eine gute Durchmischung gezeigt, sagt Jens Wichering, ZVW-Messeorganisator: „Es kommen nicht nur Experten für Baufinanzierung und Verkauf. Es kommen auch Immobilienbesitzer, die etwas zu verkaufen haben.“
Bei 15 Fachvorträgen standen Dienstleistungen, Expertenwissen, Produkte und Tipps rund um den Erwerb, den Verkauf und die Finanzierung des Eigenheims im Fokus.