Rems-Murr-Kreis

VVS-Tarifreform mit deutlicher Mehrheit verabschiedet

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Ratlos am Automat war gestern: Die VVS-Tarifreform soll ab 1. April 2019 nicht zuletzt das Wirrwarr von 52 Sektoren beseitigen und den Kauf der richtigen Fahrkarte im Verkehrsverbund erleichtern. Die Programmierung der Automaten ist aufwendig und kostet Zeit. © Palmizi/ZVW (Archiv)

Berglen. Die Mehrheit war deutlich. Der Kreistag hat bei seiner Sitzung in Berglen die VVS-Tarifreform mit nur wenigen Gegenstimmen verabschiedet und die Verringerung von 52 Sektoren auf fünf Ringzonen zum 1. April 2019 für gut befunden. Bedenkenswert sind einige kritische Anmerkungen zum Verkehrsverbund.

Der Waiblinger CDU-Kreisrat Ingo von Pollern weiß, wovon er spricht. Jahrelang war er morgens und abends mit S- und Regionalbahn von Waiblingen nach Tübingen unterwegs. Wie in drei Teufels Namen sollen die S-Bahnen noch mehr Fahrgäste aufnehmen, wenn sie schon heute proppevoll sind, fragte von Pollern.

„Der Flaschenhals in Stuttgart wird nicht beseitigt“, wies er auf das größte Problem im S-Bahn-Netz hin: die ständig überlastete Stammstrecke vom Hauptbahnhof bis Vaihingen. – Landrat Richard Sigel räumte ein, dass die Tarifreform dieses Problem nicht löst und die Stammstrecke auch in Zukunft ein Engpass im S-Bahn-Netz bleiben werde.

Knallharter Stuttgarter OB

Der FDP-FW-Kreis- und FDP-Regionalrätin Gudrun Wilhelm ging die Tarifreform nicht weit genug. Die FDP-Fraktion in der Regionalversammlung favorisierte eine Drei-Zonen-Lösung, weil die noch mehr Fahrgäste in Busse und Bahnen gelockt hätte. Doch leider spielte die Stadt Stuttgart nicht mit, bedauerte Wilhelm. Die Stuttgarter dachten nur an ihre Bürger und wollten sich an weiteren Vorteilen für die Pendler aus dem Umland finanziell nicht beteiligen.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn habe „knallhart Stuttgarter Interessen durchgesetzt“, so Wilhelm. Das sei sein gutes Recht, doch werde es ihm bald wieder auf die Füße fallen. Wenn nämlich die grün geführte Landesregierung an einer Lösung bastele, um Fahrverbote zu verhindern. Um dies zu schaffen, müssten jedoch weit mehr Pendler auf den ÖPNV umsteigen, was mit der vom Kreistag beschlossenen „zweitbesten Lösung“, den fünf Ringzonen, nicht gelingen werde.

„Der Wegfall der Sektorengrenzen ist ein Placebo“

In die Stuttgarter Kerbe haute auch Josef Heide (AfD/Unabhängige). Einmal mehr beschwor Heide in AfD-typischer Manier eine Opferrolle, in der sich bei der VVS-Tarifreform die Stuttgarter Nachbarlandkreise befänden. „Der Wegfall der Sektorengrenzen ist ein Placebo und eine Beruhigungspille.“ Denn der Verkehr laufe radial auf Stuttgart zu, Tangentialverbindungen fehlten. Stuttgart müsse sich finanziell stärker an der Reform beteiligen, weil die Landeshauptstadt von den Pendlern zweifach profitiere, forderte Heide: als Arbeitnehmer bei der Gewerbesteuer und als Kunden in den Läden, „während im Umland die Innenstädte veröden“.

Die grüne Kreis- und Regionalrätin Ulrike Sturm sieht die fünf Ringzonen weniger kritisch. Vielmehr erkennt sie in ihnen die Chance, das Busnetz weiter auszubauen und heute fehlende Tangentialverbindungen zu schaffen. Waiblingen und Esslingen lägen in einer Zone – „ein starkes Argument für den Relexbus“; Backnang-Schorndorf sind in einer Zone: Wo bleibe der Bus, der Backnang via Wiesel mit Schorndorf verbindet? Welzheim und Göppingen seien in einem Ring – hätten aber keine direkte Verbindung.

„Druck von Feinstaubproblematik, Dieselgate, Fahrverboten“

Für Klaus Riedel, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Kreistag, überwiegen die Vorteile der VVS-Tarifreform, selbst wenn ihm ein Drei-Zonen-Modell lieber gewesen wäre. Dennoch gebe es endlich ein übersichtlicheres und günstigeres Tarifzonenmodell, von dessen günstigeren Fahrpreisen nahezu alle Nutzer profitieren. Dennoch gibt es aus seiner Sicht noch eine Reihe von Baustellen im Verkehrsverbund. Angefangen bei einem Sozialticket für die Schwächsten der Gesellschaft über die fehlende Pünktlichkeit, barrierefreie Zugänge zu Zügen und Bahnhöfen bis hin zu verlässlichen Anschlüssen von Busse und Bahnen sowie weiteren Taktverdichtungen. Im Argen liegen auch die Park-and-Ride-Plätze. Der ÖPNV sei endlich in den „Köpfen unserer durch das Automobil geprägten Region angekommen“, so Riedel: „Leider muss gesagt werden, dass so manches Umdenken nur unter dem Druck von Feinstaubproblematik, Dieselgate, Fahrverboten und unendlichen Staus auf unseren Straßen geschieht.“ Die Zeit großer Straßenbauprojekte gehe zu Ende: „Erhalt und Verbesserungen der bestehenden Straßen und weiterer Ausbau des ÖPNV sind die Zukunftsaufgaben.“

CDU-Kreisrat Christoph Jäger ist noch immer verblüfft, dass dem Verkehrsverbund tatsächlich ein „großer Wurf“ gelungen sei. „Wir sprechen hier tatsächlich von einer Reform und nicht nur von einem Reförmchen“, sagte Jäger und will, dass die Reform keinesfalls kleingeredet wird. Natürlich könne es immer ein bisschen mehr sein. Dies hätte seinen Preis gehabt. „Erfreulich ist es doch, dass es mit der Reform gelingt, die Leistungen im Personennahverkehr für Pendler durch drastische Reduzierung der Zonen und Sektoren nicht nur deutlich günstiger und benutzerfreundlicher zu gestalten, sondern zugleich auf die nächste Tariferhöhung zu verzichten und das Angebot parallel sogar zu verbessern.“ So spare ein Pendler, der von Welzheim nach Stuttgart fährt, jährlich 540 Euro. „Wir sprechen hier also keinesfalls von Peanuts.“

„Diese Reform kann sich sehen lassen“

Für die Freien Wähler im Kreistag ist die Tarifreform „ein erster, sehr erfreulicher Schritt und ein großer Erfolg“, sagt der Fraktionsvorsitzende Albrecht Ulrich. „Diese Reform kann sich sehen lassen.“ Es blieben freilich erhebliche Probleme und Herausforderung, nannte Ulrich die Stichworte Digitalisierung, Barrierefreiheit sowie Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit des Netzes. In das gesamte Netz müsse weiterhin erheblich investiert werden, um die Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Besondere Details

Mit dem S-Bahn-Halt Stetten-Beinstein hat es eine besondere Bewandtnis. Der Bahnhof liegt mitten in Endersbach, jedoch beinahe drei Kilometer vom Stettener Ortskern entfernt, und zu Fuß sind es nach Beinstein ebenfalls fast zwei Kilometer. Der Endersbacher, der in „Stetten-Beinstein“ in die S-Bahn einsteigt und nach Beutelsbach fährt, muss heute zwei Zonen berappen – und überschreitet auch künftig eine Zonengrenze und zahlt folglich zwei Zonen.

Dass dem so ist, liegt an der Königlich Württembergischen Staatseisenbahn, die 1898 den Bahnhof „Stetten“ einrichtete, später in „Stetten-Beinstein“ umbenannt. Für FDP-FW-Kreisrätin Gudrun Wilhelm zeigt sich an diesem Beispiel, wie lange sich eine Entscheidung auswirken kann, an der nicht einmal eine große VVS-Tarifreform etwas ändert.

„Was beweist“, so Wilhelm: „So ganz logisch ist die Tarifreform nicht.“